16. Jahrgang Nr. 6 / 24. Juni 2016 | 18. Siwan 5776

Gut gewappnet

Deutsche Makkabi-Vereine bieten das israelische Selbstverteidigungssystem Krav Maga an

Von Ute Glaser

Jennifer Lopez kann es, Matt Damon hat es gelernt und auch die Eliteeinheit der deutschen Polizei, die GSG 9, hat es drauf: Krav Maga, das Nahkampfsystem aus Israel. Lia, 10, will es sich jetzt ebenfalls aneignen. „Ich will mich“, sagt sie, „verteidigen können.“ Aufmerksam hört sie dem Trainer in der Mehrzweckhalle des Wohlfahrtszentrums der Synagogen-Gemeinde Köln zu. Es ist ein Schnuppertraining, angeboten vom TuS Makkabi Köln, fast 30 Kinder machen mit. Auch Aaron, 6, der altklug erklärt: „Ich mag nämlich ein bisschen dieses Kämpfen. Ich bin es einfach gewohnt.“ Im Kindergarten gebe es öfters Streit. Daniel, 7, hat keine spezielle Motivation: „Mein Papa wollte das“, begründet er seine Teilnahme am Training. „Ich finde nur gut, dass meine Freunde hier sind.“
Mehrere der 35 Makkabi-Ortsvereine in Deutschland bieten neuerdings Krav Maga an. Der Kölner Erwachsenenkurs startete Ende 2015. Die große Resonanz, so Wolfgang Krymalowski, Vorsitzender des TuS Makkabi Köln und Präsidiumsmitglied von Makkabi Deutschland, habe ihn überrascht. „Eigentlich müssten wir einen zweiten Kurs aufmachen, der erste ist zu.“ Er findet Krav Maga „hervorragend“ und erzählt: „Ich habe das früher selbst gemacht.“ Als Student lernte er die Techniken in Israel auf Kosten der Synagogen-Gemeinde Köln, um später bei deren Sicherheitsdienst arbeiten zu können. Zwar hat er Krav Maga nie anwenden müssen, doch ist er sicher, es aufgrund der intuitiven Komponenten sofort einsetzen zu können.
Aaron, Lia und die anderen haben sich aufgewärmt, schnelle Handkantenschläge geübt und werfen sich nun einen Ball zu. „Das ist die Bombe!“, gibt Trainer Michael Ivanov dem Spiel einen dramatischen Touch. Falle sie auf den Boden, gebe es eine sportliche Aufgabe für alle – etwa zehn Liegestütze.
Der Krav-Maga-Kurs für Kinder in Köln entstand, weil Eltern Krymalowski immer wieder ansprachen. Julia Blechman, Jugendwart von Makkabi Köln, betont, dass es ein sportliches Angebot sei. Doch die gesellschaftliche Situation spielt dem Verein laut Krymalowski durchaus in die Hände. „Denn es gibt diesen Antisemitismus an der Schule, der ist ja da, den kann man nicht leugnen.“ Überfälle nähmen zu. Sich selbst verteidigen zu können, bekomme so eine größere Bedeutung. Krymalowski glaubt deshalb, „dass bei den ein oder anderen Eltern dieser Aspekt schon eine Rolle spielt“.
Das bestätigt Lias Mutter. Ihre drei Mädchen, sagt die berufstätige Kölnerin, seien „sehr selbstständig unterwegs“. Schon seit zwei Jahren habe sie daher für sie über Krav Maga nachgedacht, denn: „Die Zeiten ändern sich nun mal. Aber es gab nie das perfekte Angebot.“ Für die besorgte Mutter kommt das Krav-Maga-Angebot für die Jugend daher wie gerufen, zumal ihr Mann vom Erwachsenenkurs schwärmt. „Er ist so begeistert! Er zeigt uns zu Hause auch immer schon mal was.“ Daniels Mutter Hana schätzt vor allem den sportlichen Aspekt: „Ich habe einen Jungen – da bin ich froh, wenn er Beschäftigung hat!“ Zumal Krav Maga eine „sehr sinnvolle Art von Sport“ sei: „Sollte etwas passieren, weiß er sich zu verteidigen. Das ist grundsätzlich im Leben nicht schlecht.“
Der Trainer entwickelt jetzt ein Szenario: „Es kommt jemand und packt mich an der Hand! Das ist ein Angriff gegen meine Privatsphäre, ich muss mich wehren!“ Kein Problem für Krav Maga! Die Schützlinge üben, sich geschickt aus jedem festen Griff zu befreien. Besser ist es freilich, Körpernähe zu vermeiden: „Weglaufen ist immer gut. Das ist nicht peinlich!“ Ein Mädchen wendet ein, dass man „aber noch einen Ranzen“ habe, worauf der Trainer rät: „Den Ranzen wegschmeißen! Der spielt keine Rolle.“ Aus einer Jungenkehle ertönt daraufhin ein inbrünstiges „Geil!“.
Beim TuS Makkabi Düsseldorf gibt es Krav Maga seit zwei Jahren. „Es ist sehr, sehr populär“, sagt Vereinsvorsitzender Grigory Karzhynyerov. Über
30 Leute von 16 bis Mitte 50 Jahren – ein Drittel davon Frauen – trainierten an zwei Abenden pro Woche. „Das Interesse ist stark gewachsen. Ich habe gerade heute wieder zwei Anmeldungen bekommen.“ Kindertraining gebe es noch nicht. „Ein Thema ist das schon. Aber es ist problematisch, einen guten Trainer zu finden.“
Für den TuS Makkabi Hamburg erklärt Vorsitzender Semyon Mikhaylov: „Wir wollen Krav Maga auch anbieten.“ Aber Halle und Trainer fehlten noch. Derzeit werde Sambo, eine russische Kampfsportart, angeboten, doch habe er bemerkt, „dass die meisten Menschen eher Krav Maga machen wollen“. Beim TuS Makkabi Hannover winkt man bei Krav Maga ab: „Das ist bei uns kein Thema“, sagt Vereinspräsident Aleksander Olschanetzki. Es sei schwer genug, das gängige sportliche Angebot aufrechtzuerhalten. Fehlanzeige auch beim TuS Makkabi Berlin: „Nein, wir bieten Krav Maga definitiv nicht an“, sagt Beate Schmidt, ergänzt aber sogleich: „Weil die Gemeinde es anbietet.“
Der TSV Makkabi München lässt aus einem anderen Grund die Finger vom trendigen Nahkampfsystem: „Die Kosten für Krav-Maga-Trainier sind einfach zu hoch“, so Vereinsmanager Maurice Schreibmann. Dass Kinder – wie Lia & Co. in Köln – für Krav Maga 95 Euro Zusatzbeitrag im Jahr zahlen, sei in München undurchführbar.
Nach dem Kölner Probetraining glühen Lias Wangen. „Gut!“ findet sie Krav Maga. „Super!“, pflichtet Daniel. Einer fragt: „Kann meine Mutter mich anmelden?“ Inzwischen laufen in Köln bereits zwei Kurse für 6- bis 16-Jährige.

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Einfach und effektiv

Krav Maga heißt so viel wie Nahkampf und wurde von dem ungarisch-slowakischen Juden Imrich Lichtenfeld (1910–1998), Ringer und Boxer in Bratislava, entwickelt. In den 30er-Jahren schloss sich der junge Mann einer Schutztruppe an, die jüdische Wohnviertel gegen antisemitische Überfälle schützte. Dabei erlernte und lehrte er pragmatische Techniken, die das Überleben im Straßenkampf sichern sollten. 1940 musste er aus der Slowakei fliehen. Später kam er nach Israel und bildete dort die Untergrundarmee Hagana in Selbstverteidigung aus. 1948 wurde er im neu gegründeten Staat Israel Nahkampf-Chefausbilder der Soldaten – die Geburtsstunde von Krav Maga, das zum Nahkampfsystem der israelischen Armee wurde. ug