16. Jahrgang Nr. 6 / 24. Juni 2016 | 18. Siwan 5776

Wie geht’s weiter?

Seminar des Zentralrats befasste sich mit der Entwicklung der Gemeinden 25 Jahre nach der Zuwanderung

Von Olaf Glöckner

Wenn Humor tatsächlich typisch jüdisch ist, so begann das Seminar „Nach der Zuwanderung – wie weiter? 25 Jahre russisch-jüdische Integrationserfahrungen“ in Berlin typisch jüdisch. Gleich zu Beginn der zweitägigen Veranstaltung lieferten sich Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig und Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, und Professor Doron Kiesel, Wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung des Zentralrats, einen frappierenden Dialog: „Als ich 1990 in die Leipziger Gemeinde kam, erhielt ich Mitgliedsnummer 26. Heute sind wir mehr als 1000. Was bin ich nun – ein Veteran oder immer noch Neuer?“, fragte Kaufmann. „Schwer zu sagen“, gab Kiesel zurück. „Ich bin mit der Zuwanderung auch noch nicht fertig, denn ich spreche immer noch kein Russisch. Wie gut bin ich denn integriert?“
Bei dem von der Bildungsabteilung organisierten Seminar kommunizierten die Teilnehmer aber nicht nur humorvoll, sondern auch mit großer Ernsthaftigkeit und vor allem mit Offenheit. Denn ungeachtet der jüdischen Zuwanderung, vor allem in den 1990er-Jahren, und trotz der vielen neuen Synagogen, Kindergärten, Jugendzentren und Kunstfestivals gibt es in vielen Gemeinden auch Zukunftsprobleme. Ausbaubedürftiges Bildungswesen, Altersstruktur, Mitgliederschwund oder Mangel an Ehrenamtlichen – viele der 40 Seminarteilnehmer haben damit schon Erfahrungen gemacht. Vorstände, Geschäftsführer und Ehrenamtliche aus 20 Gemeinden waren angereist, darunter aus Freiburg, Karlsruhe, Baden-Baden, Bamberg, Gelsenkirchen, Fulda, Leipzig, Chemnitz, Hannover und hoch im Norden aus der Hansestadt Hamburg.
Aron Schuster, stellvertretender Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, lobte eingangs die Gemeinden für ihr großes Engagement bei der Aufnahme der jüdischen Neuzuwanderer und die daraus erwachsene Erfolgsgeschichte. Rund 100.000 Mitglieder gehörten heute den Gemeinden an. Auch für die Kinder von Zuwanderern gebe es spannende Angebote und Programme. „Entscheidend ist natürlich, dass diese Angebote am Ende auch angenommen werden“, bemerkte Schuster. „Machanot für Kinder und Jugendliche haben einen großen Zulauf, das Interesse der jungen Familien ist also prinzipiell da“, sekundierte Kiesel. Umso merkwürdiger muss es sich für die Gemeinden ausnehmen, dass dennoch jährlich einige Hundert Mitglieder ihren Austritt erklären, unter ihnen nicht wenige junge Leute.
Ruth Schulhof-Walter von der Synagogen-Gemeinde Köln beschrieb das Problem der Gemeindeaustritte von jungen Menschen präzise und unverblümt: „Unsere Kinder und Jugendlichen durchlaufen Kindergarten, jüdische Schule, besuchen Machanot und Jugendzentrum. Später treten manche dann doch aus. Irgendetwas muss auf diesem Weg wohl schiefgelaufen sein.“
Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats, brachte die Frage nach möglicherweise falschen Erwartungshaltungen an die Gemeinden ins Spiel: „Vielleicht müssen wir klarer abstecken und vermitteln: Was kann und will eine Religionsgemeinde heute leisten und was nicht?“ Selbstkritisch schätzten einige Teilnehmer ein, dass es mit der Willkommenskultur in den Gemeinden mitunter noch hapere – auch gegenüber jüngeren Menschen. Es sei frustrierend, wenn beispielsweise Studenten ihren Wohnort wechselten und in der für sie neuen jüdischen Gemeinde erst einmal längere, aufwändige Prüfverfahren erleben müssten, um zu klären, ob sie denn überhaupt aufnahmeberechtigt seien.
Auch die Rolle der Gemeinderabbiner war im Laufe des Seminars ein wichtiges Thema. Gleich aus mehreren Gemeinden wurde der Wunsch nach mehr lebensnäheren religiösen Angeboten bekundet. Mit anderen Worten: Interesse an der jüdischen Religion ist vorhanden, doch mancherorts könnte die Vermittlung des Wissens publikumsgerechter sein.
Ergebnisse einer Online-Umfrage unter knapp 300 jungen Jüdinnen und Juden in Deutschland wurden bei dem Berliner Seminar von der Soziologin Karen Körber vorgestellt. Eine ganz wesentliche Erkenntnis der von ihr durchgeführten Studie: Junge Juden aus Zuwandererfamilien stehen einer Gemeindemitgliedschaft oft reserviert gegenüber, wollen sich nur in seltenen Fällen binden. Eine Minderheit von ihnen wird tatsächlich religiös im Sinne der Chasara BeTschuwa – der Hinwendung zu den Geboten – und vernetzt sich sehr eng mit Gleichgesinnten, oft aber nicht immer im Rahmen der Gemeinden.
Wie gewinnt man die jungen Leute am Ende doch für die lokalen Gemeinden, und wie inspiriert man sie im Idealfall zu individuellem Engagement? Als Mut machendes Frankfurter Beispiel verwies Sabena Donath auf das Projekt „Jewish Experience“, das in der Aufbauphase wichtige Unterstützung von der Ronald S. Lauder Foundation erhielt: In Frankfurt am Main hat sich schon vor Jahren eine größere Zahl jüngerer Familien zusammengefunden, die eher traditionell ausgerichtet und sehr bildungsorientiert sind. Die jungen Erwachsenen und ihre Kinder feiern gemeinsam Gottesdienste und jüdische Feiertage, zugleich legen sie großen Wert auf religiöse Bildung. „Fast jeden Monat hat ‚Jewish Experience‘ profilierte externe Referenten zu Gast, häufig auch aus dem Ausland“, wusste Donath zu berichten. Das Projekt erhält mittlerweile auch direkte Unterstützung von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.
In den Gemeinden selbst, da waren sich die Tagungsteilnehmer einig, bedürfe es in Zukunft einer noch stärkeren Verzahnung der Generationen. Und junge Menschen müssten mehr Spielraum erhalten, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen – vom Kreativworkshop bis hin zum digitalen Jugendcamp, egal ob in Deutsch, Russisch oder Hebräisch. Diese Erkenntnisse können ein Fundament für weitere Verbesserungen der Gemeindearbeit darstellen.