16. Jahrgang Nr. 6 / 24. Juni 2016 | 18. Siwan 5776

Miteinander

Die jüdische Gemeinschaft weiß um die Bedeutung des interreligiösen Dialogs

Ende Mai wurde in Berlin ein wichtiges Projekt eingeläutet, dem hoffentlich eine Modellrolle zukommen wird: Am letzten Tag des Monats fand die Auftaktveranstaltung des Projekts „Weißt du, wer ich bin?“ statt. Das Projekt fördert interreligiöse Kooperation in der Flüchtlingshilfe. Seine Initiatoren sind die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, der Zentralrat der Muslime in Deutschland, die Türkisch-Islamische Union (DITIB), der Verband der Islamischen Kulturzentren, der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland und der Zentralrat der Juden in Deutschland. Im Rahmen des Programms, das vom Bundesinnenministerium unterstützt wird, sollen christliche, muslimische und jüdische Einrichtungen ermutigt werden, sich bei Initiativen der Flüchtlingshilfe ebenso wie im interreligiösen Dialog zu engagieren.
Bei der Berliner Auftaktveranstaltung betonte der Vizepräsident des Zentralrats, Abraham Lehrer, interreligiöse Projekte seien wichtiger denn je. Die Frage, „wie wir in dieser pluralistischen und multireligiösen Gesellschaft friedlich zusammenleben können“, stelle sich nämlich so drängend wie lange nicht.
Mit seiner Teilnahme an dem neuen Programm unterstreicht der Zentralrat nicht zum ersten Mal, wie wichtig ihm das Engagement für vertrauensvolle Beziehungen unter Religionen im Besonderen und unter verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Allgemeinen ist. Das gilt freilich nicht nur für den Zentralrat, sondern für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland insgesamt.
Der Dialog mit der nichtjüdischen Umgebung war von Anfang an ein Baustein des Wiederaufbaus jüdischen Lebens in der Bundesrepublik nach der Schoa. Dabei musste der schreckliche Abgrund überwunden werden, den die Naziherrschaft und der Genozid an sechs Millionen Juden geschlagen hatten. Das war alles andere als leicht, doch fanden sich mutige Menschen, die sich dieser Aufgabe stellten. Dank ihres frühen Engagements können wir heute eine positive Bilanz des Dialogs ziehen.
Natürlich ist Dialog keine Einmalangelegenheit, sondern eine Daueraufgabe, die sich auf mehr als eine Generation erstrecken kann. Das wurde im vergangenen Monat deutlich, als auf der diesjährigen Mitgliederversammlung der über 80 Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland der jüdische Präsident des Deutschen Koordinierungsrates, Rabbiner Dr. h. c. Henry G. Brandt, und die katholische Präsidentin, Dr. Eva Schulz-Jander, nach jahrzehntelanger Tätigkeit ihre Ämter an Nachfolger übergaben: Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama und Dr. Margaretha Hackermeier.
Aus den Erfahrungen des jüdisch-christlichen Dialogs kann auch das trilaterale Gespräch der abrahamitischen Religionen Nutzen ziehen. Auch hier geht es darum, Unterschiede anzuerkennen, gleichzeitig aber das Gemeinsame zu suchen. Der Andere muss nicht der Fremde sein. Dafür aber ist es nötig, ihn in der uns allen gemeinsamen Menschlichkeit zu erleben, über ihn lernen zu können und – nicht minder wichtig – ihn kennenlernen zu wollen. Für einen fruchtbaren Dialog ist nicht zuletzt auch Neugier erforderlich.
Das gilt, versteht sich, nicht nur mit Blick auf Flüchtlinge, sondern für das christlich-moslemisch-jüdische Verhältnis insgesamt. Gegenseitige Akzeptanz – nicht nur unter Religionen, sondern auch auf anderen Ebenen der Gesellschaft – ist ein Bindemittel, ohne das eine demokratische, freiheitliche und vielfältige Gesellschaft keinen Erfolg haben kann. Die Juden in Deutschland waren und sind bereit, nach Kräften zu diesem Erfolg beizutragen.

zu