09.06.2016

"Unser Wertekodex muss bleiben"

Grußwort des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster anlässlich der Heidelberger Hochschulrede 2016, 9.6.2016, Heidelberg

Martin Schulz mit Rektor Prof. Dr. Johannes Heil, Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster und Barbara Traub, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden (v. l.) in der Bibliothek der Hochschule..

Anrede,

die Heidelberger Hochschulrede zeichnet sich durch zwei Charakteristika aus: hochkarätige Redner und aktuelle Themen. Daher freut es mich sehr, dass die Hochschule für Jüdische Studien für den heutigen Abend einen sehr vielgefragten Politiker gewinnen konnte: Martin Schulz gehört zu den prägenden Köpfen der EU. Und das liegt sicherlich nicht nur an seinem Amt als Präsident des Europäischen Parlaments, sondern auch an seiner Persönlichkeit.

Lieber Herr Schulz, auch im Namen des Zentralrats der Juden in Deutschland möchte ich mich herzlich dafür bedanken, dass Sie heute die Heidelberger Hochschulrede halten werden!

Die Hochschule für Jüdische Studien hat für den Zentralrat der Juden als Träger, aber auch darüber hinaus für das jüdische Leben in Deutschland, eine hohe Bedeutung. Hier absolvieren angehende Rabbiner ihr Grundstudium, aus dieser Hochschule gehen jüdische Religionslehrer und Gemeindemanager hervor.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

im November vergangenen Jahres war Herr Schulz zu Gast bei unserer Ratsversammlung in Frankfurt am Main. Die Ratsversammlung ist das höchste Entscheidungsgremium des Zentralrats der Juden. Wir standen Ende 2015 alle unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise. Und auch wenn die Zahl der Menschen, die in Deutschland Zuflucht suchen, seit dem Jahreswechsel deutlich zurückgegangen ist, so bleibt doch festzuhalten: Die Herausforderungen sind letztlich die gleichen geblieben. Die Europäische Union ringt weiterhin um eine einheitliche Haltung in der Flüchtlingspolitik. Immer noch lautet das Ziel tausender Flüchtlinge Europa. Daher steht mit dem Abkommen mit der Türkei viel auf dem Spiel.

Und auch in Deutschland stehen wir weiterhin vor der Aufgabe, eine sehr große Anzahl neu zugezogener Menschen aus anderen Kulturen in unsere Gesellschaft integrieren zu müssen. Herr Schulz, Sie sagten im November bei unserer Ratsversammlung:

„Antisemitismus, Hass oder Intoleranz haben in Deutschland und Europa keinen Platz. Ich finde es unerträglich, wenn es auch nur einen einzigen Juden in Deutschland oder Europa gibt, der meint Angst haben zu müssen vor Antisemitismus und der sich nicht sicher fühlt. Das dürfen und werden wir nicht zulassen."

Diese eindeutige Haltung, lieber Herr Schulz, wissen wir sehr zu schätzen. Ihre Aussage ist nach wie vor aktuell. Denn schon jetzt beobachten wir mit Sorge, dass zum einen in unserer Gesellschaft die Solidarität mit Israel und das aus der deutschen Geschichte resultierende Verantwortungsgefühl abnehmen, zum anderen der Antisemitismus zunimmt.

Nun kommen tausende Menschen hinzu, die in Ländern aufgewachsen sind, in denen der Hass auf Israel und auf Juden generell zur Staatsräson gehört. Zugleich sehen sich junge Migranten nicht natürlich in einer Verantwortungskette für die Schoa. Wir haben daher einen langen und schwierigen Weg vor uns, auch den neu hinzugezogenen Bürgern den Wertekodex zu vermitteln, wie er über Jahrzehnte fester Bestandteil der Bundesrepublik war – und in jedem Fall bleiben muss!

Denn wie schnell Parteien Zustimmung finden, die auf Ausgrenzung setzen, die Ängste vor bestimmten Gruppen schüren, das können wir leider an der AfD sehen. Gerade erst hat die AfD ein Verbot des Schächtens in ihr Grundsatzprogramm geschrieben. Niemand sollte sich also blenden lassen und denken, die AfD habe nur den Islam im Visier. Wenn es opportun wäre, würde die AfD schnell die Pferde wechseln und ebenso gegen Juden hetzen wie derzeit gegen Muslime.

Der Rechtsruck in unserer Gesellschaft ist der zweite Grund, warum wir alle ein hohes Interesse an einer gelingenden Integration der Flüchtlinge haben sollten. Denn je schneller sie in unserer Gesellschaft ankommen, desto eher entziehen wir der Propaganda vom rechten Rand den Nährboden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, lieber Herr Schulz, es gibt derzeit wahrlich viel Stoff für Diskussionen und zum Nachdenken. Sie werden über „Heimat, Flucht und Identität in Zeiten der Globalisierung“ sprechen. Ich freue mich auf Ihren Vortrag und wünsche uns allen einen spannenden und ertragreichen Abend!