16. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2016 | 19. Ijjar 5776

Stars of David

Ausstellung des Jüdischen Museums Wien zeigt, wie jüdische Musiker den Sound des 20. Jahrhunderts prägten

Von Heike Hausensteiner

Bei der Ausstellung „Stars of David“, die im Jüdischen Museum in Wien zu sehen ist, geht es, versteht sich, um Musik – allerdings spielen die Wohlklänge von Kompositionen nicht die entscheidende Rolle. Hier wird Musikgeschichte primär als Sozial- und Migrationsgeschichte gezeigt.
Jüdische Musiker prägten die Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts und tun dies auch bis heute, vom Jazz und Rock’n’Roll über Musical und Chanson bis zum Rock und Rap. Die Ausstellung versucht, die Wurzeln dieser Entwicklung zu zeigen, und geht dabei in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück. Die Ausstellung erzählt auch von der gegenseitigen Beeinflussung europäischer und amerikanischer Unterhaltungsmusik zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Mit der Naziära verschoben sich die Gewichte zwischen Europa und Amerika. Eine große Zahl jüdischer Musiker aus dem Dritten Reich, aber auch aus anderen europäischen Ländern, konnte sich der NS-Verfolgung durch Flucht in sicherere Gefilde entziehen – vor allem in die USA, wo viele von ihnen eine ebenso erfolgreiche oder noch erfolgreichere Karriere als auf dem Alten Kontinent aufbauen konnten. Von denjenigen jüdischen Musikern, die unter die Naziherrschaft geraten waren, überlebten dagegen nur wenige. Nicht zuletzt deshalb verschob sich die kreative Innovation in der Unterhaltungsmusik eindeutig in den angloamerikanischen Raum. Dieser wichtige Aspekt wird in der Ausstellung deutlich herausgearbeitet.
Der zweite Aspekt der Ausstellung betrifft das Leben der jüdischen Musiker in den USA als Angehörige der jüdischen Minderheit – auch wenn die meisten von ihnen säkular waren und sind. Jüdische Immigranten und deren Nachfahren taten sich oftmals mit anderen Minderheiten, darunter an prominenter Stelle mit Afroamerikanern, zusammen. Das galt für den Komponisten, Pianisten und Dirigenten George Gershwin, 1898 als Jacob Gershvitz, Kind russisch-jüdischer Immigranten, geboren, ebenso wie für Leonard Bernstein, der 1918 als Louis Bernstein in eine ukrainisch-jüdische Einwandererfamilie hineingeboren wurde. Gershwin hatte sogar verfügt, dass sein Hauptwerk, die Oper „Porgy and Bess“ (1935) über das Leben von Afroamerikanern in Charleston, szenisch nur von schwarzen Sängern aufgeführt werden dürfe.
„Stars of David“ fördert interessantes Hintergrundwissen zu Musical-Kassenschlagern am Broadway und zu Filmmusiken in Hollywood – oft erfolgreicher als die Filme selbst – zutage. Viele Melodien wurden mit Oscars und Grammys ausgezeichnet. Unter anderem zeigt man in Wien eine der Oscar-Statuen des Filmkomponisten Erich Wolfgang Korngold, 1897 in Brünn geboren. Zum Zeitpunkt des „Anschlusses“ von Österreich an Nazideutschland war er gerade in Hollywood mit den Arbeiten zur „Robin Hood“-Filmmusik beschäftigt. Korngolds Kontakte zum Filmstudio der Warner Bro­thers ermöglichten es ihm, seine Familie und seine Eltern in die USA zu holen.
Jüdische Komponisten und Musiker leisteten durch das Musical und den Musical-Film einen wichtigen Beitrag zur Identitätsstiftung der amerikanischen Nation, betonen die Kuratoren der Ausstellung, Marcus G. Patka und Alfred Stalzer. Im Jazz kam es zu einem neuen Zusammenspiel von schwarzen und weißen Musikern, die versuchten, aus ihrem tristen sozialen Umfeld auszubrechen. Die bis in die 1960er-Jahre betriebene Segregation wurde durchbrochen, erstmals standen schwarze und weiße Jazzmusiker gemeinsam auf einer Bühne. Unter anderem integrierte Artie Shaw, 1910 als Arthur Jacob Arshawsky in New York geboren, afroamerikanische Musiker in seine Bands.
Unter den Themenräumen der Ausstellung befindet sich auch ein Jazz-Raum, der an eine Art Jazz-Café erinnert: mit einer kleinen, improvisierten Bühne und installierten Kopfhörern zum Hören der Musikbeispiele inklusive. Hier wird der Frage nachgegangen, ob die Klarinette oder die Geige das typische jüdische Musikinstrument aus Osteuropa war. Klarinette, Saxofon sowie Geige kamen jedenfalls immer stärker zum Einsatz, etwa bei Jazzmusikern jüdischer Herkunft wie „Benny“ Benjamin Goodman – 1909 in einer armen russischstämmigen Immi­grantenfamilie zur Welt gekommen – oder Billie Holiday.
Es ist ein großes Verdienst der Ausstellung, die Beziehungen zwischen afroamerikanischen und jüdischen Künstlern aufzuzeigen und darzustellen, wie sich Angehörige beider Gruppen von konventionellen Zwängen befreiten und sich in der Bürgerrechtsbewegung gegenseitig stärkten. Selbstverständlich weist die Schau auf die ganz Großen ebenfalls hin –
Bob Dylan, Leonard Cohen, Kiss, Simon & Garfunkel, Amy Winehouse und eine wie keine: „Wenn das Judentum eine Königin hätte, würde nur Barbra Streisand infrage kommen“, heißt es im sehr empfehlenswerten zweisprachigen deutsch-englischen Ausstellungskatalog. Ein weiter Themenraum ist jüdischen Musikern in Frankreich (Serge Gainsbourg, Barbara etc.), Österreich (Timna und Arik Brauer) und Deutschland (Esther Ofarim) gewidmet.

Katalog „Stars of David. Der Sound des 20. Jahrhunderts“,
Jüdisches Museum Wien, Palais Eskeles,
Dorotheergasse 11, 1010 Wien;
Ausstellungsdauer bis 2. Oktober 2016