16. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2016 | 19. Ijjar 5776

Der rasende Rabbiner

Die kürzlich angelaufene Dokumentation „Rabbi Wolff“ zeichnet das warmherzige Porträt eines ungewöhnlichen Freigeistes

Von Alice Lanzke

Es ist eine der eindrücklichsten Szenen des Films: Ein kleiner älterer Mann liegt bäuchlings auf einer Massagebank, der Körper und das Gesicht so entspannt, dass die Großaufnahme der geschlossenen Augen im ersten Moment an Tiefschlaf denken lässt. In Wirklichkeit aber ist der Herr, der in dieser Aufnahme durchgeknetet wird, der Inbegriff von Rastlosigkeit und Lebendigkeit. Die Szene ist denn auch eine der wenigen in der Dokumentation „Rabbi Wolff“, in der ihr titelgebender Protagonist einmal ganz still liegt. Die meiste Zeit sieht man ihn von einem Ort zum nächsten hetzen. Dieses Tempo ist seinen Aufgaben geschuldet: Bis heute ist er Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern, wo er seit 2002 die Gemeinden in Schwerin, Wismar und Rostock betreute, wohin er aus London pendelte.
Regisseurin Britta Wauer hat Willy Wolff fast vier Jahre lang begleitet. Wauer und Wolff hatten sich bei den Dreharbeiten zu dem Film „Im Himmel, unter der Erde“ über den jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee kennengelernt. Für viele Zuschauer war Rabbiner Wolff der heimliche Star des Films, entsprechend oft wurde Wauer auf ihn angesprochen. So entstand schließlich die Idee, einen eigenen Film über ihn zu produzieren.
Wolff selbst sagt dazu: „Ich musste nicht lange überlegen, weil ich Britta vertraue.“ Er habe sich nur gefragt, ob ein Film über ihn interessant genug würde. Ein unnötiger Zweifel, denn Wolffs Leben würde vermutlich mehrere Bücher füllen. 1927 in Berlin geboren, floh er mit seiner Familie 1933 zunächst nach Amsterdam und sechs Jahre später nach London. Schon als 16-Jähriger wollte er entweder Rabbiner oder Journalist werden. Da sich die Eltern die teure Rabbinerausbildung aber nicht leisten konnten, begann er, für eine kleine Lokalzeitung zu schreiben, um schließlich Ressortleiter beim „Daily Mirror“ zu werden. Die beeindruckende Karriere als Politik-Journalist gab Wolff allerdings auf, um sich im Alter von 53 Jahren doch noch zum Rabbiner ausbilden zu lassen. 1984 wurde er ordiniert und betreute zunächst mehrere Gemeinden in England, bevor er schließlich als 75-Jähriger Landesrabbiner von Mecklenburg-Vorpommern wurde.
Auf diesen Abschnitt seines Lebens konzentriert sich der Film „Rabbi Wolff“. Die Kamera begleitet den heute 89-Jährigen vor allem in seinem anstrengenden Alltag. „Ich wollte nicht sein historisches Leben erzählen, sondern zeigen, was ihn jetzt ausmacht“, erklärt Britta Wauer dazu. Und das ist vor allem die Lebensfreude, mit der William Wolff all jene Herausforderungen meistert, die wohl so manchem Jüngeren den Atem rauben würden. „Das Leben muss Spaß machen“, fasst Wolff seine Maxime zusammen – und so schafft er sich bis heute Inseln, die ganz seinem Vergnügen dienen. Seien es nun die täglichen Yoga-Übungen, die jährlichen Fastenkuren in Bad Pyrmont oder das Pferderennen in Ascot, das er als englischer Gentleman besucht. „Er vereint so viele Welten in einer Person, und in jeder dieser Welten wird er geschätzt“, meint Regisseurin Wauer.
Wolffs großer Freundeskreis ist nicht zuletzt das Ergebnis seines einnehmenden Wesens: Wenn er lächelt, dann beginnt das Strahlen in seinen Augen, die sich zusammenziehen, um Platz für das breite Grinsen zu machen, das schließlich sein ganzes Gesicht erfasst. Es ist ein ansteckendes, inniges Lächeln, das oft zu sehen ist – sowohl im Film als auch im Gespräch.
Schwere Momente sind im Film nur selten zu sehen – etwa wenn Wolff die Sorgen einer seiner israelischen Verwandten, die ihn auf sein Alter anspricht, mit einem Scherz beiseite wischt. Oder wenn es um den Zwillingsbruder geht, der sich das Leben nahm, und die Schwester, die bei einem Autounfall starb. Wirklich getroffen erscheint der Rabbiner, als er zufällig ein Schreiben liest, in dem die Gemeinden in Rostock und Schwerin für einen jüngeren Rabbiner plädieren. Tatsächlich, sagt Britta Wauer, habe sie Wolff nicht als Spaßvogel zeigen wollen, sondern als jemanden, der durch seine Flucht- und Außenseitererfahrungen geprägt worden sei. Umso wichtiger seien ihm nun andere Menschen, betont Wolff selbst, „und das vor allem, weil ich nie geheiratet und eine Familie gegründet habe“. Von Zwängen hält Rabbiner Wolff nichts – ebenso wenig wie von Aufregung ob des Filmstarts: „Ich bin zu alt, um noch nervös zu sein.“

„Rabbi Wolff“ ist am 14. April in den deutschen Kinos gestartet.
Mehr Informationen zum Film gibt es unter www.rabbiwolff.com/de. Zeitgleich zum Film ist im Verlag Hentrich & Hentrich das Buch „Rabbi Wolff und die Dinge des Lebens. Erinnerungen und Einsichten“ von Regisseurin Britta Wauer erschienen.