16. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2016 | 19. Ijjar 5776

Vorrang für Ethik

Die Computerisierung des Alltags aus jüdischer Sicht / Interview mit Rabbiner Zsolt Balla

Unser Alltag wird immer stärker von Computern geprägt. Auch bei wichtigen Entscheidungen verlassen wir uns in zunehmendem Maße auf die Rechner. Wie weit darf diese Entwicklung gehen und wie ist sie aus jüdischer Sicht zu beurteilen? Darüber sprach die „Zukunft“ mit dem Leipziger Gemeinderabbiner und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland, Zsolt Balla. Rabbiner Balla verkennt die Probleme nicht, ist aber überzeugt, dass es auch künftig passende Antworten auf die Dilemmata von Technologie und Ethik geben wird – und dass das Judentum dabei wesentliche Hilfen bieten kann.
Zukunft: Herr Rabbiner Balla, droht dem Menschen die Entmündigung durch Computer? Heute schon zeichnen sich Situationen ab, in denen wir lebenswichtige Entscheidungen künstlicher Intelligenz überlassen könnten. Die vielleicht bekannteste Entwicklung, die in diese Richtung führt, ist das autonome Fahren, bei dem der Pkw eigenständig entscheidet, wann gebremst, beschleunigt oder ausgewichen wird. Und das ist nur ein Beispiel. Künftig könnten Computer den Menschen auch andere Entscheidungen abnehmen. Wie sieht diese Frage aus jüdischer Sicht aus?
Rabbiner Zsolt Balla: Lassen Sie mich zunächst etwas Grundsätzliches sagen: Das Judentum ist nicht technologiefeindlich. Im Gegenteil. Wir sehen moderne Technologie als eine Gabe G’ttes an. Technologie kann unser Leben verbessern, verschönern, erleichtern und natürlich auch verlängern. Sie muss aber im Einklang mit den Geboten unserer Religion und der Ethik genutzt werden.
Bevor wir zur Frage der Computerisierung kommen, möchte ich dieses Prinzip an einem seit längerer Zeit bekannten Problem verdeutlichen: dem Umgang mit Elektrizität am Schabbat. Anhand dieses Problems lässt sich nämlich deutlich zeigen, wie das Judentum ein ausgewogenes Verhältnis zur Technik sucht und findet.
Mit der Einführung der Elektrizität legten rabbinische Autoritäten fest, die Nutzung von Strom falle unter die 39 sogenannten Hauptaktivitäten, die am Schabbat grundsätzlich verboten sind. Allerdings ist dieses Verbot nicht absolut. Selbstverständlich darf Elektrizität am Schabbat zur Lebensrettung eingesetzt werden, etwa im Operationssaal.
Das ist aber nicht der einzige Fall. Eine bekannte Frage ist die Situation eines Kranken, der von seinem Bett aus am Schabbat nach der Krankenschwester läuten will. Zu diesem Zweck wurde eine Vorrichtung entwickelt, in der der Strom bereits vorhanden ist, der Stromkreis aber mechanisch durch ein nicht leitfähiges Plättchen unterbrochen wird. Zieht der Kranke nun dieses Plättchen heraus, fließt der Strom wieder ununterbrochen und im Schwesternzimmer leuchtet das Signal auf. Dabei geht es zwar nicht unbedingt um Lebensrettung, doch darf diese Vorrichtung auch eingesetzt werden, um das Leid des Kranken zu mildern, etwa durch Verabreichung schmerzstillender Mittel. Das wird in der Halacha „großes Bedürfnis“ genannt. Auf der anderen Seite wäre es halachisch verboten, die Unterbrechung des Stromkreises auf dieselbe Weise aufzuheben, um beispielsweise ein elektronisches Spiel am Schabbat zu betätigen.

Bei diesen Beispielen geht es aber um Entscheidungen, die der Mensch trifft und nicht etwa ein Computer.
Gewiss, doch zeigt dieses Beispiel, dass das Judentum sich nicht erst seit der Erfindung des Computers mit neuen Technologien beschäftigt und dass es ihren Einsatz auf eine ausgewogene Art und Weise regelt. Es gibt andere Technologien, die in den letzten Jahrzehnten hinzugekommen sind. Ich denke beispielsweise an die künstliche Befruchtung, die moderne rabbinische Autoritäten ebenfalls im Sinne der Halacha geregelt haben. Ich sage immer: Das Judentum ist radikal, aber nicht verrückt. Radikal in dem Sinne, dass wir die g’ttlichen Gebote streng einhalten, unsere Religion uns aber eben die Möglichkeit gibt, viele Faktoren abzuwägen, um zu einer menschenfreundlichen Entscheidung zu gelangen.

Das gilt nicht nur für Technologie …
… sondern in der Tat für alle Fragen des Lebens. Die Auslegung der Gebote ist der Kernpunkt des Talmuds, der zahllose faszinierende Debatten enthält. Aufgrund dieses Prinzips kann sich das Judentum auch mit den heute aufkommenden Technologien auseinandersetzen.
Schauen wir uns jetzt das autonome Fahren an, von dem Sie gesprochen haben. Noch ist es nicht erwiesen, dass diese Technologie wirklich ohne große Risiken eingesetzt werden kann. Unterstellen wir aber, dass sie sich in einigen Jahren als erfolgreich und sicher erweisen wird. Wenn dadurch Menschenleben gerettet werden könnten, indem die Zahl der Verkehrstoten sinken würde, wäre der Einsatz autonomen Fahrens, denke ich, erlaubt.

Und was passiert, wenn Menschen durch Computerfehler zu Schaden oder zu Tode kommen?
Das kann ja auch heute schon in anderen Lebensbereichen passieren. Deswegen ist es aber nicht grundsätzlich verboten, Computer als Hilfsmittel einzusetzen. Es geht darum, sie richtig einzusetzen. Was nämlich auf keinen Fall passieren darf, ist, dass Computer Entscheidungen über Gut und Böse, ethische Entscheidungen treffen. Das muss in menschlicher Verantwortung bleiben.

Zum Beispiel?
Nehmen wir einen hypothetischen Fall, in dem ein Motorradfahrer mit schwerer Kopfverletzung ins Krankenhaus eingeliefert wird und ein medizinisch programmierter Computer über die Behandlung zu entscheiden hat. Bei sofortiger Behandlung kann der Motorradfahrer gerettet werden. Allerdings weiß der Computer auch, dass durch Organspenden dieses Menschen fünf andere Menschenleben gerettet werden können. Rein nach Zahlenlogik wäre es also vielleicht geboten, den Motorradfahrer sterben zu lassen, um fünf Menschen zu retten. Selbstverständlich wäre so etwas aus jüdischer Sicht – und nicht nur aus jüdischer Sicht – absolut verboten.
Will heißen: Beim autonomen Fahren würde die Computertechnik nach dem Zufallsprinzip die Zahl der Toten senken, in dem zweiten, hypothetischen Fall würde der Computer gezielt entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss.
Daher muss jede Technologie, heute wie in Zukunft, genau geprüft werden, bevor ihr Einsatz geregelt wird. Entscheidend ist, dass dem Menschen seine Verantwortung bewusst bleibt. Man kann Computer programmieren. Man muss sie gut und richtig programmieren. Das sage ich auch als jemand, der eine technologische Bildung genossen und als Softwareingenieur gearbeitet hat. Letztendlich aber ist Ethik nicht programmierbar. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir ethische Entscheidungen Rechnern überlassen können und dürfen.
Zudem wären die Folgen unabsehbar. Dabei geht es nicht nur um Leben und Tod, sondern generell darum, wie unser Leben durch Technologie besser und nicht schlechter gemacht werden kann. Ein Beispiel aus dem Wirtschaftsleben war vor einiger Zeit der unter Computern betriebene, unkontrollierte Wertpapier- oder Devisenhandel, bei dem in Sekundenbruchteilen Unternehmen wie Anleger in den Ruin getrieben werden konnten. Das war von Menschen so nicht gewollt.

Um neue Technologien halachisch beurteilen zu können, muss man ja nicht nur die Halacha kennen, sondern auch über ausreichendes technologisches Wissen verfügen. Gibt es im Rabbinerberuf genug Technologieexperten?
Absolut. Fragen der Halacha werden heute von Autoritäten beurteilt, die den modernsten Stand der Wissenschaft kennen und beherrschen. Es gibt auch Rabbiner, die zugleich Dozenten und Professoren für Naturwissenschaften sind. Dabei kommt es im Rabbinerberuf zu einer immer höheren Spezialisierung. Im Bereich der Kaschrut sind Rabbiner tätig, die nicht nur über allgemeine Kenntnisse der Nahrungsmittelwissenschaft verfügen, sondern auch auf bestimmte Untergebiete spezialisiert sind. Mit der fortschreitenden Durchdringung unseres Alltags durch Elektronik wird das Judentum ohne jeglichen Zweifel über genug Experten verfügen, die sowohl die religiösen Gesetze als auch die modernste Elektroniktechnologie beherrschen.

Droht uns die Technologie nicht aus der Hand zu gleiten? In seiner bereits vor 66 Jahren veröffentlichten Erzählung „Der vermeidbare Konflikt“ hat der Science-Fiction-Autor Isaac Asimov eine Welt beschrieben, die von Supercomputern regiert wird. Nun dürfen Roboter, so die von Asimov formulierten Gesetze der Robotik, Menschen keinen Schaden zufügen. In seiner Erzählung aber neutralisieren die Supercomputer Personen, die sich gegen die Computerherrschaft auflehnen, indem sie ihr berufliches Fortkommen durch kleine Akte der Wirtschaftssabotage verhindern. Sie nehmen sich das Recht heraus, einzelnen Menschen einen bestimmten Schaden zuzufügen, um die ganze Menschheit vor der „Gefahr“ zu retten, dass den Computern die faktische Regierungsgewalt entzogen wird. Ist das eine denkbare Vision?
Ich kenne die Erzählung. Weder Science-Fiction-Autoren noch Rabbiner sind Propheten. Es ist aber wichtig, sich der Risiken der Technologie bewusst zu sein, damit diese dem Menschen dient und ihn schützt. Dazu kann das Judentum mit seinem Glaubensfundament, seiner Tradition und seinen analytischen Mitteln einen wichtigen Beitrag leisten.