16. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2016 | 19. Ijjar 5776

Gesicht zeigen!

Der Zentralrat der Juden in Deutschland verlieh den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage 2016

Von Polina Ivanova

In Erinnerung an den früheren Zentralratspräsidenten Paul Spiegel sel. A. vergibt der Zentralrat der Juden in Deutschland seit 2009 den der Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage. Damit ehrt der Zentralrat nicht nur die Preisempfänger, sondern erinnert auch an Paul Spiegels unermüdlichen Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sowie an sein Engagement für eine starke Bürgergesellschaft.
Anlässlich des zehnten Todestages von Paul Spiegel wurde in diesem Jahr der Verein „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ geehrt, zu dessen Mitbegründern Spiegel zählte. „Gesicht Zeigen“ wurde nach dem Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf im Jahr 2000 von Spiegel, vom damaligen Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye sowie dem damaligen Zentralratsvizepräsidenten Dr. Michel Friedman ins Leben gerufen.
Im Jahr 2006 erhielt der Verein die Buber-Rosenzweig-Medaille – und 2008 den Grimme Online Award für seinen Internet-Blog „Störungsmelder“.
Der Verein engagiert sich bundesweit gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Gewalt. Zu seinen Zielen gehören die Förderung der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur und die Unterstützung des Völkerverständigungsgedankens, die Mobilisierung des öffentlichen Bewusstseins gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus und Gewalt sowie die Förderung der Jugendhilfe insbesondere durch zielgerichtete Kinder- und Jugendarbeit im Rahmen von pädagogischen Projekten und Maßnahmen im schulischen sowie außerschulischen Bereich. Der Verein initiiert öffentliche Kampagnen im Kino, TV oder auf Plakaten, die für Zivilcourage werben und die von zahlreichen Prominenten unterstützt werden.
Bei der Verleihungszeremonie, die am 18. Mai in der Düsseldorfer Synagoge stattfand, war der Zentralrat durch seinen Präsidenten, Dr. Josef Schuster, die beiden Vizepräsidenten Mark Dainow und Abraham Lehrer, zahlreiche Präsidiums- und Direktoriumsmitglieder sowie Geschäftsführer Daniel Botmann vertreten. An der Zeremonie nahmen unter anderem auch die frühere Präsidentin des Zentralrats, Dr. h. c. Charlotte Knobloch, Ministerpräsident a.D. Jürgen Rüttgers, der Justizminister von Nordrhein-Westfalen Thomas Kutschaty und der Direktor der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, Benny Bloch, teil.
In seiner Begrüßung erinnerte Dr. Schuster an die Rede Paul Spiegels zum „Aufstand der Anständigen“ im Jahr 2000: „Wir dürfen bei der Bekämpfung von Rechtsradikalismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nicht innehalten. Denn es geht nicht allein um uns Juden, um Türken, um Schwarze, um Obdachlose, um Schwule. Es geht um dieses Land, es geht um die Zukunft jedes einzelnen Menschen in diesem Land.“ Dr. Schuster betonte die Aktualität der damals gesagten Worte und führte aus: „Die politische Gemengelage ist durch den Islamismus und die terroristische Bedrohung noch schwieriger geworden als vor 16 Jahren. Wir müssen uns heute nicht nur mit Rechtsextremen, mit Rechtspopulisten und Ausländerfeinden auseinandersetzen, sondern hinzu kommt noch eine ausgeprägte Islam-Feindlichkeit, die sich bis in bürgerliche Kreise hi­nein findet. Der Appell von Paul Spiegel bleibt gültig: Es geht nicht allein um Juden und Muslime oder um Flüchtlinge – es geht um unser Land. Es geht um die Frage, wie wir die Errungenschaften unserer westlichen Demokratie und Wertegemeinschaft schützen und im 21. Jahrhundert erhalten.“ Der Zentralratspräsident würdigte die Arbeit von „Gesicht Zeigen!“: „Der Verein hat sich in all den Jahren nicht entmutigen lassen. Im Gegenteil: Er hat vielen Menschen Mut gemacht, sich für ein tolerantes, weltoffenes und friedliches Deutschland einzusetzen. Dafür gebühren dem Vorstand des Vereins, den Unterstützern und den vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern unser aller Respekt und unser tiefer Dank! Den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage 2016 haben Sie wahrhaft verdient!“
Sylvia Löhrmann, stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, betonte in ihrer Ansprache die Bedeutung von Zivilcourage: „Zivilcourage, die brauchen wir heute wieder mehr denn je.“ Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel gratulierte dem Preisträger und bedankte sich bei den anwesenden Vertretern „für Ihren Einsatz für eine weltoffene, lebenswerte, tolerante Gesellschaft“. Dr. Oded Horowitz, der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf und Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein, begrüßte die Anwesenden.
Laudatorin Christina Rau betonte: „Der Verein beschäftigt sich nicht in erster Linie mit den Interessen seiner gut dreihundert Mitglieder. Er beschränkt sich nicht darauf, im Kleinen etwas zu verändern oder zu zeigen, was möglich ist, wie das so viele Vereine mit großem Engagement und mit Erfolg tun. ‚Gesicht Zeigen!‘ will mehr: eine unüberhörbare Stimme sein gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus und gegen rechtsextreme Gewalt. ‚Gesicht Zeigen!‘ will dafür sorgen, dass Hetze und Hass, Aggression und Gewalt beim Namen genannt werden, nicht unwidersprochen bleiben und gesellschaftlich geächtet werden. ‚Gesicht Zeigen!‘ will möglichst viele Menschen ermutigen, sich in die öffentlichen Angelegenheiten einzumischen, weil sie erkennen, dass das ihre eigenen Angelegenheiten sind. Sie tun das seit 15 Jahren mit großem Engagement. Sie tun das mit Fantasie, mit neuen Ideen. Sie wissen, wie wichtig es ist, neben den Köpfen der Menschen auch die Herzen zu erreichen“, so Christina Rau.
In seiner Dankesrede sagte Uwe-Karsten Heye, Vorsitzender von „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“: „Als ich mich vor gut 16 Jahren von Berlin nach Düsseldorf auf den Weg machte, um Paul Spiegel zu treffen, hätte ich mir nicht vorstellen können, heute hier vor Ihnen zu stehen und den nach ihm benannten Preis entgegennehmen zu dürfen. Wir fühlen uns tief geehrt.“