16. Jahrgang Nr. 5 / 27. Mai 2016 | 19. Ijjar 5776

Brandgefährlich

Zusätzlich zum Gebot der Nächstenliebe verbietet das Judentum ausdrücklich Menschenhass – das ist auch für die heutige Politik relevant

Im Judentum gibt es ein Gebot, das auf den ersten Blick wenn nicht überflüssig, so doch verzichtbar erscheinen mag. Die Rede ist von dem Verbot, Mitmenschen zu hassen. Hier könnte man fragen: Reicht denn das Gebot der Nächstenliebe – immerhin eine zentrale Idee unserer Religion – nicht aus? Die Antwort lautet: Wohl nicht immer. In bestimmten Situationen droht der Hass nämlich so stark zu werden, dass er alles andere verdrängt. In diesen Fällen sollte der Mensch zumindest an das ausdrückliche Verbot des Hasses erinnert werden.
Wie aktuell dieses Gebot ist, zeigt sich auch dieser Tage, in einer Zeit, in der Hass immer unverhohlener ins politische und gesellschaftliche Leben eindringt. Das gilt nicht etwa nur für jüngste Landtagswahlergebnisse, bei denen viele Wähler eine Hass schürende politische Plattform mit ihrer Stimme belohnt haben. Vielmehr nehmen auch von Hass motivierte Gewalttaten zu. Die rechtsextreme Szene hat in Flüchtlingen ein bequemes Ziel gefunden. Der Hass auf den Fremden, den Anderen ist aber auch in anderen Ländern zu einer mächtigen politischen Triebfeder geworden und fällt auf fruchtbaren Boden. Das sieht man gegenwärtig auch auf der anderen Seite des Atlantiks.
Auf Hass beruht auch die Gewaltbereitschaft in der islamistischen Szene. Diese hasst unsere Gesellschaftsordnung abgrundtief und schmiedet aus ihrem Hass ein brutales Terrornetz. In Deutschlands Nachbarländern wurden die Drohungen islamistischer Terroristen grausige Wirklichkeit, und auch die Bundesrepublik ist bedroht.
Hass ist nicht nur verwerflich. Er ist brandgefährlich. Dafür gibt es erschreckende Beispiele aus der Geschichte. Damit soll nicht gesagt werden, westliche Demokratien stünden heute vor dem Zusammenbruch. Allerdings ist die gegenwärtige Entwicklung ein lautes Warnsignal. Hass und Gewalt beschädigen die Demokratie und schränken unser aller Freiheit ein.
Eine Schwächung der westlichen Demokratie wäre auch für Menschen ein schwerer Schlag, die heute in Diktaturen leben und auf eine freie, bessere Zukunft hoffen. Sie sehen in unseren freien Ländern ein Vorbild, dem es nachzueifern gilt. Wenn sich unsere demokratische Lebensweise aber als dem Extremismus nicht gewachsen zeigt, wird sie auch als weltweites Ideal an Bedeutung verlieren.
Es gibt also viele Gründe, dem Hass entgegenzutreten. Sich nur in den eigenen vier Wänden über ihn zu entrüsten, ist nicht genug. Das hat auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland erkannt. In der öffentlichen Debatte setzen jüdische Stimmen deutliche Zeichen gegen Extremismus und Demagogie.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht es als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, in diesem Kampf aktiv zu sein. Das zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Stellungnahmen seiner Vertreter in der öffentlichen Debatte. Vielmehr ist unsere Organisation auch an der Bildung von Koalitionen gegen Hass, Diskriminierung und Extremismus beteiligt. Im Februar war der Zentralrat eine der zehn Gründerorganisationen der „Allianz für Weltoffenheit, Solidarität, Demokratie und Rechtsstaat – gegen Intoleranz, Menschenfeindlichkeit und Gewalt“. Ziel der Allianz ist es, demokratische Grundwerte und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren sowie Hass und Intoleranz entgegenzutreten. Ebenfalls im Februar gehörte der Zentralrat zu den Gründern einer neuen Initiative für Solidarität mit den Sinti und Roma in Europa.
In jedem Fall brauchen die freien Gesellschaften eine umfassende Strategie, um möglichst viele Bürger über die Gefahren des Extremismus aufzuklären. Dabei kann jüdische Ethik eine große Hilfe sein.

zu