Laudatio von Christina Rau anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises 2016 in Düsseldorf

Sperrfrist: Mittwoch, 18. Mai 2016, 18.30 Uhr MESZ

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

als ich gehört habe, wer in diesem Jahr den Paul-Spiegel-Preis bekommt, habe ich mich sehr gefreut. In Deutschland gibt es mehr als 620.000 Vereine. Einer davon - ein ganz besonderer - ist der Verein „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“.

Im Sommer des Jahres 2000 kamen aus vielen Orten in Deutschland Meldungen und Berichte über fremdenfeindliche, rassistisch motivierte Attacken und Übergriffe auf Menschen anderer Hautfarbe, anderer Herkunft und anderen Glaubens. Gegen diesen Hass, gegen diese Gewalt wollten Uwe-Karsten Heye, Paul Spiegel und Michel Friedman ein öffentliches Zeichen setzen: Sie gründeten den Verein „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“.

Aus dieser Initiative ist in bisher gut fünfzehn Jahren ein ganz besonderer Verein geworden. Er beschäftigt sich nicht in erster Linie mit den Interessen seiner gut dreihundert Mitglieder. Er beschränkt sich nicht darauf, im Kleinen etwas zu verändern oder zu zeigen, was möglich ist, wie das so viele Vereine mit großem Engagement und mit Erfolg tun.

„Gesicht zeigen!“ will mehr: Eine unüberhörbare Stimme sein gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus und gegen rechtsextreme Gewalt. „Gesicht zeigen!“ will dafür sorgen, dass Hetze und Hass, Aggression und Gewalt beim Namen genannt werden, nicht unwidersprochen bleiben und gesellschaftlich geächtet werden. „Gesicht zeigen!“ will möglichst viele Menschen ermutigen, sich in die öffentlichen Angelegenheiten einzumischen, weil sie erkennen, dass das ihre eigenen Angelegenheiten sind. Menschen ermutigen, Menschen dabei unterstützen, selber etwas zu tun, das gefällt mir an der Arbeit von „Gesicht zeigen!“ besonders gut.

Sie tun das seit 15 Jahren mit großem Engagement. Sie tun das mit Phantasie, mit neuen Ideen. Sie wissen, wie wichtig es ist, neben den Köpfen der Menschen auch die Herzen zu erreichen. Deshalb verbreiten sie nicht nur Informationen, nicht nur Zahlen, Daten und Fakten, so wichtig die natürlich sind. Sie wollen den ganzen Menschen erreichen mit allen seinen Sinnen. Sie arbeiten mit Plakaten und Filmspots, mit Vorträgen, Diskussionsveranstaltungen und Spielen, mit „Schlauen Heften“ und Solidaritätskampagnen. Ich möchte zwei Beispiele nennen, die mir besonders gelungen scheinen.

Beim „4 Ecken Spiel“ geht es darum, sich in Situation zu versetzen, in denen Menschen im Alltag Opfer von Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit werden: Eine junge schwarze Frau wird im Zug beleidigt, weil sie schwarz ist. Bei einer Familienfeier werden Judenwitze erzählt. In der Stadt oder Gemeinde, in der man wohnt, soll das Konzert einer Neo-Nazi-Gruppe stattfinden. Die meisten finden das nicht gut, aber viele wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie selber einmal in eine solche Situation geraten. Viele bleiben stumm oder schauen weg, weil sie unsicher sind, was sie machen sollen, nicht weil sie einverstanden sind mit dem, was geschieht.

Hier setzt das Spiel an. Wer mitspielt, soll lernen, soll die Erfahrung machen, dass man kein Held sein muss, um denen zu widersprechen und zu widerstehen, die andere zu Menschen zweiter Klasse machen wollen.

Zivilcourage ist eben nicht nur eine Frage des guten Willens. Gerade junge Menschen können aus den Erfahrungen anderer lernen, wie man am besten widerspricht, wie man andere dazu bringt, auch etwas zu tun, wie man sich verhält, wenn Gewalt droht.

Das Spiel soll jungen Menschen dabei helfen, einen eigenen Standpunkt zu finden und zu vertreten. Sie sollen lernen, Situationen richtig einzuschätzen, sich in die Situation anderer zu versetzen. Das sind wichtige Voraussetzungen dafür, dass Zivilcourage möglichst große praktische Wirkung hat.

Darum geht es ja: Um Zivilcourage und ihre praktische Wirkung im Alltag: Gegen Menschenfeindlichkeit und für die Menschenwürde jedes einzelnen Menschen. So wird der erste Satz unseres Grundgesetzes mit Leben erfüllt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Es ist ja kein Zufall, sondern Programm, dass dort nicht steht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar.

Wenn ich zum „4 Ecken Spiel“ vor einigen Tagen auf der Homepage von „Gesicht zeigen!“ den Hinweis gelesen habe: „Aufgrund der hohen Nachfrage kann es zu Wartezeiten kommen!“ dann ist das für mich ein sehr erfreuliches Zeichen dafür, wie viel Anklang und Interesse diese zugleich spielerische und sehr ernsthafte Form der Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus findet.

Unter den vielen hervorragenden Projekten und Initiativen möchte ich eine zweite, hervorheben die „Störungsmelder on tour“. Wir hören und lesen fast jeden Tag von Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte bis hin zu Mordanschlägen. In den Kommentarspalten der online-Medien und in den sozialen Netzwerken- die leider oft alles andere als sozial wirken- wird eine Enthemmung sichtbar, wie sie noch bis vor kurzem unvorstellbar war.

Das Thema Flucht und Asyl ist zum Kernthema der rechten und rechtspopulistischen Kräfte geworden. Es genügt nicht, das zu beklagen. Man muss etwas dagegen tun. Manches ist eine Angelegenheit für Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte. Die müssen ihre Arbeit tun. Nichts aber geht über möglichst viele Menschen, die Gesicht zeigen und öffentlich auftreten gegen Menschenfeindlichkeit und für die Würde jedes einzelnen Menschen.

Das tun die „Störungsmelder on tour“. „Gesicht Zeigen“ geht mit prominenten Vorbildern bundesweit an Schulen. Sie sprechen mit Schülerinnen und Schüler über Rechtsextremismus, die Hintergründe und Gefahren, über Argumentationsmuster und über Ziele von Rechtsextremen und ihre eigene Haltung dazu. Sie zeigen Gesicht.

Es hat lange, viel zu lange gedauert, bis wir in Deutschland die tödliche Gefahr erkannt und unmissverständlich benannt haben, die von rechtsextremen Gewalttätern ausgeht. Die Mord-Serie des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds ist nur ein besonders dramatisches Beispiel dafür, dass auch und gerade die zuständigen staatlichen Stellen zum Teil blind waren für die Gefahren, und in manchen Fällen musste man leider den Eindruck gewinnen, dass sie sich selber blind gemacht haben.

Dass rechtsextreme Aktivisten Gewalt nicht nur verherrlichen, sondern manche von ihnen selber Gewalt bis hin zum Mord verüben, das überstieg offenbar das Vorstellungsvermögen vieler Verantwortlicher so sehr, dass sie jede andere Spur wichtiger nahmen. Nicht erst seit dem bedrückenden Prozess gegen die NSU-Mitglieder in München wissen wir, mit welchem Aufwand und mit welchen Mitteln versucht wurde, Angehörige von Mordopfer zu Tätern, zu Komplizen oder Mitwissern zu machen.

Wie konnte es dazu kommen? Ich kann mir das nur so erklären, dass wichtige Teile in Gesellschaft und Staat, vor allem in den für die Sicherheit verantwortlichen Behörden, auf dem rechten Auge blind waren. Das Wort Terror gab es nur im Zusammenhang mit Attentaten und Anschlägen der „Roten Armee-Fraktion“ und ihrer Ableger oder später im Zusammenhang mit islamistischen Selbstmord-Attentätern.

Das Problem rechtsextremer Hetze und Einschüchterung, von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wurde dagegen immer wieder geleugnet oder kleingeredet. In manchen Ländern der Bundesrepublik Deutschland haben politisch Verantwortliche es erst in den vergangenen Monaten geschafft, die Dinge beim Namen zu nennen.

Ich möchte heute stellvertretend für alle Opfer des rechtsextremen Terrors in Deutschland die Namen von fünf Menschen nennen, mit deren Hinterbliebenen sich mein Mann mehr als zehn Jahre lang immer wieder getroffen und mit ihnen gesprochen hat:

Gürsün Ince, Hatice Genc, Gülüstan Öztürk, Hülya Genc, Saime Genc.

Sie alle waren Opfer des mörderischen Brandanschlags am 29. Mai 1993 in der Unteren Wernerstrasse in Solingen. 17 Menschen haben damals Verletzungen davon getragen, die sie zum Teil bis heute auch körperlich belasten. Ich kann mich gut erinnern, wie mein Mann an diesem Pfingstsamstag erschüttert aus Solingen zurückkam. Das war, so hat er es später auch öffentlich gesagt, das einzige Mal, dass er ernsthaft überlegt hat, mit der Politik aufzuhören. Er fragte sich, welchen Sinn seine Arbeit habe, wenn so etwas geschehen könne.

Dass er sich damals anders entschieden hat, hatte auch damit zu tun, dass die Morde von Solingen eine große Welle der Solidarität in ganz Deutschland ausgelöst haben. Sehr viele Menschen waren bereit, praktisch zu helfen und Gesicht zu zeigen. Seit 1993 hat mein Mann sich deshalb noch leidenschaftlicher als zuvor für das friedliche Miteinander Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Glaubens, unterschiedlicher Weltanschauung eingesetzt.

Deshalb hatte er auch seit der Gründung im Jahr 2000 bis zu seinem Tod die Schirmherrschaft über den Verein „Gesicht zeigen!“ übernommen. Ihm war bewusst, dass das Engagement möglichst vieler durch nichts zu ersetzen ist. Er wollte, dass möglichst viele Menschen sich gegen Vorurteile und Ressentiments, gegen Intoleranz und Hass wenden und öffentlich widersprechen, wenn rassistische und fremdenfeindliche Parolen verbreitet werden.

„Gesicht zeigen!“ trägt mit seiner Informations- und Aufklärungsarbeit dazu bei, Vorurteile abzubauen, Vorbehalte zu überwinden und das gleichberechtigte Miteinander in Deutschland zu fördern. Information und Aufklärung sind wichtig, weil die rechtsextremen Hassprediger ein gestörtes Verhältnis zu Wahrheit und Wirklichkeit haben. Sie arbeiten mit Fälschungen und Verdrehungen, mit Erfindungen und Halbwahrheiten, und die sind bekanntlich oft schlimmer als ganze Lügen.

Theodor Adorno hat das, was den Antisemitismus ausmacht, in seinen „Minima Moralia“ mit einem Satz auf den Begriff gebracht: „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden.“ Leider müssen wir noch heute erleben, wie dieses Gerücht auch bei uns in Deutschland das Zusammenleben vergiftet und Menschen in Gefahr bringt.

Der Verein „Gesicht zeigen!“ für ein weltoffenes Deutschland“ bekommt heute den Paul-Spiegel-Preis, weil er sich mit aller Kraft, mit Einfallsreichtum, mit ganz unterschiedlichen Mitteln und Methoden dafür einsetzt, dass unser Zusammenleben nicht durch Gerüchte vergiftet wird.

Ich gratuliere allen, die sich als Ehrenamtliche und als Hauptamtliche, als Unterstützer und Förderer engagieren, ganz herzlich zu dieser Auszeichnung. Stellvertretend für sie alle geht mein Glückwunsch an Uwe-Karsten Heye, der von Anfang an die Aufgaben des Vorsitzenden übernommen hat.

Ich hoffe und ich wünsche mir, dass dieser Preis noch mehr Menschen und gerne auch Unternehmen dazu bringt, die Arbeit von „Gesicht zeigen!“ zu unterstützen, mit Zeit, mit Geld oder mit Dienst- und Sachleistungen.

Wir brauchen die Arbeit von „Gesicht zeigen!“ und wir brauchen Unterstützung für diese Arbeit mehr denn je in einer Zeit, in der Hass und Hetze gegen Fremde, gegen Flüchtlinge eine neue Dimension und eine neue Qualität erreichen.

Ich danke Ihnen, Herr Dr. Schuster, und dem ganzen Zentralrat der Juden in Deutschland dafür, dass Sie sich in diesem Jahr für den Verein „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ als Träger des „Paul-Spiegel-Preises“ entschieden haben.

Sie machen damit deutlich, dass Sie wissen: Gerüchte gibt es nicht nur über Juden, sondern auch über andere Gruppen und Sie wollen, dass Gerüchte über Gruppen von Menschen das gesellschaftliche Klima in unserem Land nicht prägen und unser Zusammenleben nicht bestimmen.

Wir in Deutschland haben besonderen Grund wachsam zu sein gegenüber allen Formen des Antisemitismus, weil wir wissen, wohin er geführt hat. Diese geschichtliche Erfahrung sollte uns auch für alle anderen Formen von Diskriminierung, von Ausgrenzung und erst recht von Gewalt gegen bestimmte Gruppen von Menschen sensibilisieren.

Das ist, da bin ich mir sicher, ganz im Sinne des unvergessenen und unvergesslichen Paul Spiegel, an den wir uns heute, zehn Jahre nachdem er gestorben ist, dankbar erinnern.