Dankesrede von Uwe-Karsten Heye, Vorsitzender von „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“ anlässlich der Verleihung des Paul-Spiegel-Preises 2016 in Düsseldorf

Sperrfrist: Mittwoch, 18. Mai 2016, 18.30 Uhr MESZ

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

Liebe, verehrte Christina Rau!

Ich danke für eine Laudatio, die ich im Namen von Gesicht Zeigen auch deswegen mit großer Freude entgegen nehme, weil es Johannes Rau war, Ihr verstorbener Gatte, der bereit war, als Bundespräsident der erste Schirmherr von Gesicht Zeigen zu werden. Ihnen also doppelten Dank für ihre Bereitschaft, der Bitte zu folgen und ihm nun als Laudatorin zu folgen.

Als ich mich vor gut 16 Jahren von Berlin nach Düsseldorf auf den Weg machte, um Paul Spiegel zu treffen, hätte ich mir nicht vorstellen können, heute hier vor Ihnen zu stehen und den nach ihm benannten Preis entgegen nehmen zu dürfen. Ich tue das stellvertretend für das ganze Team von Gesicht Zeigen, an der Spitze die beiden wunderbaren Geschäftsführerinnen Sophia Oppermann und Rebecca Weis. Mit ihnen arbeiten vor allem Frauen und wenige Männer hauptamtlich an den Projekten, 14 sind es insgesamt, neben vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern und prominenten Unterstützern. Sie alle arbeiten daran mit, Deutschlands Weltoffenheit zu bewahren.

Eine große Sorge hatte mich damals nach Düsseldorf reisen lassen; die Sorge über Ereignisse, die damals, am Beginn des 21. Jahrhunderts, Schlagzeilen machten. Brandanschläge gegen Synagogen, Mord- und Mordanschläge gegen „Asylanten“ und das in Ost und West gleichermaßen im seit zehn Jahren wiedervereinten Deutschland. Ich fand in Düsseldorf bei Paul Spiegel ein offenes Ohr und die Bereitschaft, den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus gemeinsam zu führen. Und neben der eigenen persönlichen Betroffenheit war mir durchaus klar, dass ich auch als Botschafter der rot-grünen Bundesregierung verstanden werden würde, für die ich als Sprecher tätig war.

Und es war nicht nur Paul Spiegel, den ich antraf, an seiner Seite stand der kluge und engagierte damalige Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman. Der auf der anschließenden Pressekonferenz zur Gründung unserer Initiative gleich die Metapher „Gesicht Zeigen“ einbrachte, die nun schon 16 Jahre unsere Erkennungsmarke ist. Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder unterstützte die Initiative ebenfalls. Er wollte damit zeigen: Der Staat steht an unserer Seite. Paul Spiegel und Michel Friedman entsprachen meiner Bitte, Mitglied des ersten Vorstandes von Gesicht Zeigen zu werden. Michel Friedman ist bis heute zur Stelle, wenn wir ihn oder seinen Rat brauchen.

Immer noch geht es darum, als private Initiative für ein weltoffenes Deutschland einzutreten. Und es geht – immer noch - ganz praktisch darum, Flüchtlinge vor der aggressiven Gewaltbereitschaft des rechten Randes der Gesellschaft zu schützen. Mehr als tausend Attacken gegen Flüchtlinge, auch auf Helfer, und dutzende Brandanschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte sind das Ergebnis einer Hetzkampagne, die im Netz und zunehmend auch bei PEGIDA verbreitet wird. Der Verfassungsschutz rechnet zudem mit einer wachsenden Zahl gewaltbereiter Rechtsextremisten und Neonazis, die er mit zwischen fünfzehn- und zwanzigtausend angibt. Mit einigem Erstaunen wurde zudem die Nachricht aufgenommen, dass mehr als 370 mit Haftbefehl gesucht Neo-Nazis abtauchen konnten. Der Haftbefehl konnte nicht vollzogen werden. Allein gegen 170 der im Untergrund abgetauchten Neonazis wird wegen Gewaltdelikten ermittelt. Wird hier erneut deutlich, dass auch bei den Sicherheitsbehörden ein struktureller Rassismus zu beklagen ist? So wie ja auch die Jenaer Zelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) zehn Jahr unerkannt morden und rauben konnte, weil die Ermittler im Nebel eigener Vorurteile, rechtsextreme Täter ausschlossen und sie ausschließlich in den Familien oder im Freundeskreis der Opfer gesucht wurden. Braut sich da erneut etwas zusammen? 180 Tote wurden seit der Vereinigung Opfer rechtsextremer Gewalt und ungezählte schwer verletzte Opfer kommen dazu. Erst jetzt, mit der Berufung eines neuen Generalbundesanwalts und ersten Verhaftungen, wird zugegeben, dass es neben dem IS von außen, längst den Terror von Innen gibt, der rechtsextrem und neonazistisch agiert.

(Anrede)

Den Deutschen wird ja als eine Art Urtrieb nachgesagt, für alles und jedes einen Verein zu gründen. Und ich habe mir eigentlich in meinem Leben nicht vorstellen können, genau das eines Tages tun zu müssen, weil anders die Gemeinnützigkeit unserer Arbeit nicht gewährleistet werden kann. Auf diese Weise aber haben wir unsere Unabhängigkeit - von welcher Einflussnahme auch immer - bewahren können. Und natürlich hat sich die Arbeit in diesen Jahren auch verändert. Wir sind wirklich ein „Verein“ – der Kräfte vereint, für ein gemeinsames Ziel.

Es gibt sie immer noch: Unsere öffentlichen und bundesweiten Kampagnen gegen rechts, aber auch und mittlerweile überwiegend, projektbezogene Arbeit, die auch international wahrgenommen wird. Neue Wege auch, um die Geschichte des Holocaust so zu erzählen, dass sie von jungen Menschen verstanden wird. Ein außerschulischer Lernort ist so in Berlin entstanden, in den S-Bahnbögen der Station Bellevue. Dort ist unsere interaktive Ausstellung „7mal jung“ zu erleben. Das ist im besten Sinne ein „Event“: eine Erlebnisausstellung, die eine Brücke schlägt zwischen der jüngeren deutschen Geschichte und heute. Wir nennen den Ort auch einen „Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt“.

15.000 Jugendliche, mit und ohne Migrationshintergrund, waren bislang in Tagesseminaren bei uns in den erst sieben, jetzt mit „Fliehen und Ankommen“ acht Themenräumen in der künstlerisch und didaktisch aufwendig gestalteten Ausstellung. Das Gästebuch, in das sich unsere jungen Gäste oft eintragen, lohnt zu lesen und gern schickt das Auswärtige Amt ausländische Delegationen, manche auch auf eignen Wunsch, zu uns. Was wir sonst noch tun, kann man auf vielen Seiten im Netz nachlesen, wozu ich Sie – meine Damen und Herren- gern ermuntern will.

Diese Arbeit findet heute mit dem Paul-Spiegel-Preis eine Würdigung und Aufmerksamkeit, über die wir uns sehr freuen. Wir fühlen uns tief geehrt.

Hier wird die Handlungsfantasie des Gesicht-Zeigen- Teams unter der Leitung von Sophia Oppermann und Rebecca Weis in wunderbarer Weise gewürdigt. Ich danke den beiden auch für den Optimismus, mit dem sie die zeitweilige Niedergeschlagenheit, die mich manchmal packt, überwinden helfen. Es gibt einfach zu viele Nachrichten - nicht nur aus Dresden, Sachsen oder Dortmund -, die einem den Tag verderben können. Die Politik sollte daher sich davor hüten, verbreiteten Stimmungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nachzugeben. Eine Mahnung, die ich vor allem nach Bayern richte. Wohin das führt, zeigt sich gerade bei unseren österreichischen Nachbarn.

Anrede

Die Schrift-Prägung auf der Buber-Rosenzweig-Medaille, Psalm 133, die Gesicht Zeigen 2006 verliehen wurde, passt sehr gut auch auf die Fluchtbewegungen unserer Tage. 60 Millionen Flüchtlinge weltweit. Sie lautet: „Wohlan, wie gut und wie mild ist`s, wenn Brüder mitsammen auch siedeln. Denn dorthin hat er entboten den Segen…“ Diejenigen, die das christliche Abendland zu verteidigen vorgeben, wird das kaum zur Umkehr bringen. Daher gilt: Haltung bewahren und jetzt erst recht: Gesicht Zeigen!

Im Namen aller, die für Gesicht Zeigen einstehen, danke ich der Laudatorin und allen, die Gesicht Zeigen für den Paul-Spiegel-Preis 2016 ausgewählt und damit die heutige Ehrung ermöglicht haben. Herzlichen Dank.