16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

„Das Bier ist der Wein dieses Landes“

Münchner Ausstellung widmet sich der Rolle von Juden in der Geschichte des bayerischen Bierbrauens

Von Rozsika Farkas

Das wahrscheinlich berühmteste Gasthaus der Welt ist das Münchner Hofbräuhaus, eine der bekanntesten Biermarken heißt Löwenbräu. Beide gehören zu den wichtigsten Wahrzeichen Bayerns. Auch generell ist Bier ein urbayerisches und Ur-Münchner Thema.
Das bedeutet aber nicht, dass die Bayern die ersten Bierbrauer der Welt waren. Neuesten Hypothesen zufolge ist Bier schon 9000 Jahre alt. Auch die antiken Israeliten brauten Bier, lange bevor die Bajuwaren das erlernten. Bei Bier gibt es aber auch jüdisch-bayerische Gemeinsamkeiten. Speziell die Rolle von Juden in der bayerischen und Münchner Braugeschichte ist Thema der im Münchner Jüdischen Museum zu sehenden Ausstellung „Bier ist der Wein dieses Landes. Jüdische Braugeschichten“.
Der Ausstellungstitel bezieht sich auf eine Geschichte aus dem Talmud: Ein Rabbiner war einst zu Gast bei einer Familie und sollte den Segen sprechen. Dazu hätte der Rabbi nach den Regeln Wein zur Hand haben müssen. Die Familie hatte aber nur Bier im Haus. Nach einigem Hin-und-her-Überlegen entschied der Schriftgelehrte schließlich: Wo es keinen Wein gibt, sondern Bier das wichtigste Getränk einer Gegend darstellt, ist es statthaft, den Segen auch über Bier zu sprechen. Ein Gleiches könnte fürs südliche Bayern gelten, wo es früher ebenfalls leichter war, an Bier zu kommen als an Wein.
Den Anlass für die Ausstellung bietet ein Jubiläum: Seit 500 Jahren halten die Bayern ihr Reinheitsgebot hoch, das längst in ganz Deutschland gilt und das besagt, dass nur Hopfen, Malz, Wasser und Hefe für die Bierherstellung Verwendung finden dürfen. Das Schöne aus jüdischer Sicht: Damit ist Bier auch gleich koscher. In jedem Fall beteiligten sich Juden jahrhundertelang rege am Brauwesen in Deutschland. Das betraf das Rohmaterial – im Hopfenhandel etwa waren so viele Juden aktiv, dass das Geschäft an hohen jüdischen Feiertagen mehr oder weniger zum Erliegen kam – ebenso wie Herstellung der teilweise höchst kunstvollen Trinkgefäße, aus denen das fertige Produkt genossen wurde. Jüdische Bierkrugveredler schufen mit Zinndeckeln versehene, gravierte, bemalte und mit Reliefs verzierte Bierseidel aus Steingut oder Glas, auch mal in Form der Frauentürme oder des Münchner Kindls. Vertrieben wurden sie vornehmlich in kleinen Läden rund um den Marienplatz von ebenfalls jüdischen Händlern. Museumschef Bernhard Purin hat für die Ausstellung eine stattliche Auswahl solcher Trinkgefäße zusammengetragen.
Als Bierbrauer betätigten sich nur wenige Juden, die aber mit Erfolg wie in der Schlossbrauerei Hirsch in Pla­negg oder, spektakulärstes Beispiel, bei Löwenbräu: Das prominente Brauhaus war von 1921 bis 1935 im Besitz der Familie Schülein. Josef Schülein war aus Franken nach München gekommen, dort übernahm er 1895 die angeschlagene Unionsbrauerei und gründete die Unionsbrauerei Schülein & Cie. Die wirtschaftete so erfolgreich, dass sie 1904 die Münchner Kindl AG übernehmen und 1912 die Schlossbrauerei Kaltenberg dazukaufen konnte. Größter Coup war die Fusion mit der Löwenbräu AG, in der die Schüleins der stärkere Partner waren, aber den Markennamen Löwenbräu beibehielten.
Bis 1935 war Josefs Sohn Hermann Generaldirektor des Bierkonzerns, dann musste er auf Druck der Nazis seine Position räumen. Allerdings wurde er später als Bierbrauer in den USA erfolgreich, blieb aber seiner ehemaligen Heimatstadt München eng verbunden. Tragisch war dagegen das Schicksal des Aufsichtsratsvorsitzenden der Löwenbräu AG, Dr. Jakob Schulmann. Er wurde genötigt, sein Anwesen an der Schwabinger Leopoldstraße „unentgeltlich“ dem SA-Hauptsturmbannführer Hans Wegner, Leiter der „Arisierungsstelle“, zu überlassen. Wenige Monate danach nahm Schulmann sich das Leben.
So beendete die Naziherrschaft eine bayerisch-jüdische Biergemeinschaft, die übrigens auf geheimnisvolle Weise durch ein gemeinsames Symbol verbunden ist: Das Zunftzeichen der Brauer, der Zoigl oder Zeigl (Brauerstern), ist identisch mit dem Davidstern. Wie es dazu kam, kann auch die Münchner Ausstellung nicht erklären.
Eine erstaunliche Erneuerung in Sachen Bierkultur findet aktuell in Israel statt. Goldstar und Maccabi – auf diese beiden Marken beschränkte sich das Angebot die längste Zeit. Aber in den letzten Jahren hat die Craft-Beer-Bewegung, die in Mikrobrauereien nach alter Handwerkertradition Bier herstellt, Fuß gefasst. An die 40 Kleinstbrauereien gibt es in Israel inzwischen – eine davon ist der Herzl Beer Workshop von Itai Gutman und Maor Helfman, die als einzige innerhalb der Stadtgrenzen von Jerusalem Bier brauen. Die beiden Männer sind nun nach Bayern gekommen, um in Unterschleißheim bei München mit der dortigen Crew Republic, ebenfalls eine kleine Brauerei, für die Ausstellung den „Collaboration Brew“ herzustellen, ein angenehm süffiges, warm vergorenes Lagerbier. Während der Ausstellung, die bis zum 8. Januar 2017 zu sehen ist, wird es in der Museums-Cafeteria ausgeschenkt in Gläsern, die ebenfalls für diesen Anlass kreiert wurden.
Zu der Ausstellung ist im Volk Verlag ein großformatiger Katalog erschienen, der weiterführende Einblicke in das Thema bietet.