16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

Sicherer Hafen

Einwanderungsaktion für jemenitische Juden abgeschlossen – oder doch fast

Im vergangenen Monat wurde ein weiteres Kapitel der jahrtausendealten Geschichte der Juden in arabischen Ländern weitgehend geschlossen. In einer Rettungsaktion brachte die Jewish Agency eine Gruppe von 19 Juden aus dem Jemen nach Israel. Es handelte sich, wie die Organisation mitteilte, um die letzten auswanderungswilligen Juden aus dem im Süden der Arabischen Halbinsel gelegenen Staat. Damit wurde eine mehrjährige, fernab der Öffentlichkeit durchgeführte Operation, in deren Rahmen rund 200 jemenitische Juden nach Israel gebracht worden waren, beendet – und publik gemacht.
Die Neuankömmlinge wurden in einem Eingliederungszentrum in Beer Schewa untergebracht und von ihren bereits in Israel lebenden Familienangehörigen und Freunden in Empfang genommen. Auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ließ es sich nicht nehmen, sie zu begrüßen.
Nachdem der Schleier der Geheimhaltung mit dem Abschluss der Operation gelüftet worden war, entwickelte sich die Ankunft der letzten Immigrantengruppe zu einem medialen Großereignis. Zwar brachten die Einwanderer keine materiellen Reichtümer mit, dafür aber einen seltenen Schatz: eine Torarolle, deren Alter auf 500 bis 800 Jahre geschätzt wird. Auch sie wurde zu einem viel beschriebenen und viel fotografierten Objekt.
Die ohnehin prekäre Situation der kleinen jüdischen Gemeinschaft im Jemen war durch den 2015 ausgebrochenen Bürgerkrieg noch schwerer geworden. Unter diesen Umständen entschlossen sich auch die meisten, die bis dahin vor Ort ausgeharrt hatten, einen sicheren Hafen in Israel zu finden. Nach der Einwanderung der letzten Gruppe erklärte die Jewish Agency, nur noch etwa 50 Juden seien im Jemen verblieben. 40 von ihnen, so die Organisation, lebten in einem abgeschirmten Wohnkomplex in der Hauptstadt Sanaa unweit der amerikanischen Botschaft und stünden unter dem Schutz der jemenitischen Behörden.
Indessen muss erst abgewartet werden, wie endgültig die Entscheidung dieser Gruppe, im Jemen zu bleiben, auf Dauer bleiben wird. Einem Medienbericht zufolge denken die verbliebenen Juden nun doch über eine Übersiedlung nach Israel nach. Dazu trägt unter anderem die Sorge um die Zukunft ihrer jüdischen Identität bei. Ihrerseits betonte die Jewish Agency, jedem Juden, der aus dem Jemen nach Israel kommen wolle, auch künftig behilflich sein zu wollen.
Jüdische Präsenz im Jemen reicht in die vorislamische Zeit. Eine Hypothese besagt, jüdische Kaufleute aus Babylonien und Persien seien bereits in der Zeit des Zweiten Tempels im Jemen tätig gewesen, zuerst als reisende Händler, später als niedergelassene Einwohner. Das Leben der Juden im Jemen unter islamischer Herrschaft war oft von Diskriminierung, Verfolgung und Zwangsbekehrung geprägt. Dennoch führten die jemenitischen Juden ein reichhaltiges religiöses Leben. Als eine weitgehend isolierte Gemeinschaft bewahrten sie alte jüdische Bräuche und Traditionen, die in anderen Ländern mit der Zeit verschwunden waren. Nach der Gründung des Staates Israel wanderten die meisten jemenitischen Juden dorthin aus. Allerdings emigrierten jemenitische Juden zum kleineren Teil auch in die USA.
Zu den Lebensbereichen, in denen jemenitische Juden in Israel einen herausragenden Beitrag geleistet haben, gehört Musik. Alle drei bisherigen israelischen Sieger des Eurovision Song Contest – Yizhar Cohen, Gali Atari und Dana International – haben jemenitische Wurzeln.

wst