16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

Alltag in der Hölle

Wie Juden während der Schoa um ihre Religion und Identität kämpften / Interview mit dem Historiker Dr. David Silberklang

Theater in Ghettos, Gottesdienste in Zwangsarbeitslagern, Kaschrut trotz Lebensgefahr – während der Schoa versuchten Juden selbst unter den unmenschlichsten Bedingungen, einen jüdischen Alltag aufrechtzuerhalten. Über dieses Kapitel des Holocausts sprach die „Zukunft“ mit dem Holocaust-Forscher an der Gedenkstätte Yad Vashem und Chefredakteur der wissenschaftlichen Zeitschrift „Yad Vashem Studies“, Dr. David Silberklang.

Zukunft: Der Wille unzähliger Juden, im Angesicht einer bevorstehenden Vernichtung dem religiösen Lebenswandel treu zu bleiben, jüdische Kultur auszuleben und soziale Strukturen aufrechtzuerhalten, ist ohne jeglichen Zweifel bewundernswert. Warum aber war es ihnen so wichtig? Hatten sie nicht genug andere Sorgen?
Dr. David Silberklang: Sorgen hatten sie mehr als genug. Es ging ja ums Überleben. Selbst in Ländern oder Regionen, in denen Juden, nicht ghettoisiert oder in Lagern inhaftiert, sondern „nur“ entrechtet, diskriminiert, von zu Hause vertrieben und auf andere Weise verfolgt wurden, war die existenzielle Bedrohung stets präsent.
Das gilt natürlich umso mehr für Ghettos und Lager, wie sie es vor allem, aber nicht nur in Polen gab. Dort hatten viele Juden versucht, sich der Verfolgung durch Flucht zu entziehen – meistens vergeblich. Andere hatten sich für den Notfall Verstecke zurechtgemacht oder sich falsche, „arische“ Papiere besorgt. Letztendlich aber blieben die meisten Juden in den Ghettos oder wurden dorthin deportiert – als Zwischenstation auf dem Weg zur Vernichtung.

Und da hatten sie noch Lust, „Hamlet“ auf Jiddisch im Ghettotheater zu spielen?
Dr. Silberklang: Na ja, so viele Theater gab es in den Ghettos nicht. Dort aber, wo es sie gab, etwa in Warschau, Lodz oder Wilna, dort, wo sie von den Deutschen erlaubt wurden, spielten sie und all die anderen kulturellen Aktivitäten eine wichtige Rolle. Sie gaben den Menschen das Gefühl, ihre Menschenwürde zu behalten. Nicht allen Juden gefiel das übrigens. Herman Kruk, Bibliothekar und Chronist des Wilnaer Ghettos, erklärte etwa: „Auf einem Friedhof spielt man kein Theater.“ Doch waren die Befürworter der Kulturtätigkeit wohl in der Mehrzahl.
Kultur war zugleich eine Art Widerstand. Dafür gibt es zahllose Beispiele. Ich nenne nur eins: Bei einem Gelöbnis der auf deutschen Befehl geschaffenen jüdischen Polizei in Kowna wurde die „Hatikwa“ gesungen (damals Hymne der zionistischen Bewegung, später Israels Nationalhymne; Anm. d. Red.). Das war ein Protest, auch wenn er am Schicksal der Verfolgten nichts zu ändern vermochte.
Man bemühte sich auch sehr bewusst, ein Erziehungswesen für Kinder aufrechtzuerhalten. Nicht nur weil Lernen an sich wichtig ist, sondern auch um die Kinder zu beschäftigen, ihnen zumindest einen Hauch einer Normalität zu geben, die eine Kindheit braucht. Es ging auch darum, die Kinder auf eine jüdische Zukunft vorzubereiten, auf die man trotz allem hoffte.

Während rundherum Menschen an Hunger und Seuchen starben?
Dr. Silberklang: Gerade dann.

Und wie sah das religiöse Leben aus?
Dr. Silberklang: Bestenfalls rudimentär. Allein in Zentral- und Westpolen zerstörte die Besatzungsmacht in den ersten Monaten nach der Eroberung Polens rund 3000 Synagogen. In Ghettos dienten erhaltene Synagogen oft als Flüchtlingsunterkünfte. Allein im Warschauer Ghetto gab es rund 100.000 Juden, die von außerhalb in die Stadt verbracht worden waren.
Es gab Juden, die sich angesichts der Schrecken der Verfolgung von der Religion abgewandt hatten. Diejenigen, die versuchten, sich außerhalb des Ghettos als Christen zu tarnen, mussten ihr Judentum sowieso verstecken. Allerdings gab es im Familienlager der berühmten Partisaneneinheit der Bielski-Brüder im Naliboki-Wald – seinerzeit Ostpolen, heute Weißrussland – neben einer Schule und einem Krankenhaus auch eine improvisierte Synagoge.
In den Ghettos versuchten viele, so gut es ging, nach den Regeln der Religion zu leben. Man kam in Privathäusern zum Gebet zusammen. Es hab Versuche, manchmal erfolgreich, manchmal nicht, zu Pessach Matzot zu backen. Was ging und was nicht, hing oft von der Laune der deutschen Kommandeure ab. In Lublin erhielten die Juden zu Pessach 1940 und 1941 sogar Extrarationen von Mehl für Matzot; 1942 stellte sich die Frage aber nicht mehr: Kurz vor Pessach hatten die Deportationen ins Vernichtungslager Belzec eingesetzt.
Viele Rabbiner hatten die Ghettoinsassen von der Pflicht entbunden, sich koscher zu ernähren. Es war schwer genug, überhaupt Essen zu besorgen. Dennoch gab es solche, die es irgendwie schafften, Tiere koscher zu schlachten und koscheres Fleisch zu essen oder mit anderen zu teilen. Das war nicht nur mit hohen Kosten verbunden, die die Menschen auf sich nahmen. Auf die Sch’chita stand die Todesstrafe.

Noch weniger Möglichkeiten der Religionsausübung gab es in den Lagern.
Dr. Silberklang: Gewiss. Aber selbst dort versuchten Juden, wenn es ging, in einer der Baracken zu beten. Ähnliche Berichte gab es beispielsweise auch aus den – von dem mit Hitler verbündeten ungarischen Regime geschaffenen – Arbeitsdienstbataillonen für jüdische Männer.

In wenigen Tagen ist Jom Haschoa. Wie fügt sich der Kampf um den Alltag, über den wir gerade gesprochen haben, in das Gedenken an den Holocaust?
Dr. Silberklang: Am Jom Haschoa we-ha-Gwura, wie er mit vollem Namen heißt, also am Tag der Katastrophe und des Heldentums, sollte uns dieses Kapitel sehr bewusst sein. Juden, die damals ein möglichst jüdisches und ein möglichst menschenwürdiges Leben zu führen versuchten und anderen dabei halfen – diese Juden waren wahre Helden. Sie sind und bleiben ein Vorbild für uns und für die kommenden Generationen.