16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

Vielfältige Ansätze

Tagung der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland widmete sich jüdischer Philosophie und Ethik

Von Heinz-Peter Katlewski

Große Denker sind in der jüdischen Geschichte nichts Neues, sie begleiteten die Entwicklung des Judentums von Anbeginn. Eine moderne Debatte um jüdische Philosophie und Ethik begann aber erst im 19. Jahrhundert, und zwar zeitgleich mit der rechtlichen Emanzipation der Juden in Europa.
Dabei weckten Ideen von Philo von Alexandrien (1. Jahrhundert vor der Zeitenwende), Moses Maimonides (12. Jahrhundert), Baruch de Spinoza (17. Jahrhundert) oder Moses Mendelssohn (18. Jahrhundert) breitere Aufmerksamkeit in bürgerlichen jüdischen Kreisen und inspirierten zu neuen Entwürfen. Im Mittelpunkt des Interesses standen weniger die religiösen als die philosophischen Meinungen dieser Gelehrten. Mit der Schoa riss die Debatte über jüdische Philosophie und Ethik in Deutschland weitgehend ab. Im März stellte sich die Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland die Aufgabe, mit einer Tagung diese Debatte erneut in Gang zu bringen.
Die Leiterin der Bildungsabteilung, Sabena Donath, konnte 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begrüßen. Unter dem Titel „Philosophie und Ethik im Judentum – Zugänge und Fragestellungen“ luden Donath und Prof. Dr. Doron Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Abteilung, zu einer Tour d’Horizon ein. Die zentrale Frage lautete: Tut uns die Beschäftigung mit jüdischer Philosophie gut oder ist Philosophie zu universalistisch, um „jüdisch“ sein zu können?
Eine zweifellos jüdische Perspektive bot der Frankfurter Gemeinderabbiner Julian-Chaim Soussan. Am Beispiel von Themen zwischen Leben und Tod demonstrierte er, wie das jüdische Religionsrecht, die Halacha, zu ethischen Entscheidungen findet. Darf einem Kranken Medizin verabreicht werden? Schließlich – so eine Meinung – habe Gott die Krankheit gegeben, dann dürfe nur er sie wieder nehmen. Aus einem konkreten Fall, der im Pentateuch Erwähnung findet (2. Buch Mose 21:19), leiten die Rabbinen allerdings ab, dass es den Menschen sogar aufgetragen sei, zu heilen. In der Mischna (Sanhedrin IV:5) werde das bekräftigt: Jeder, der ein Menschenleben rette, erhalte eine ganze Welt.
In den Debatten des Talmuds gehe es vor allem um ethische Fragen, betonte Dr. George Kohler vom Institut für Jüdisches Denken der israelischen Bar-Ilan-Universität. Universalistische Ansätze fände man bereits im Tanach. Deutlich werde das an der Geschichte von Abraham in Sodom (1. Buch Mose 18): Gott wolle Sodom und alle seine Einwohner auslöschen. Abraham weise darauf hin, dass es immerhin einige Gerechte geben könne, und derentwegen dürfe Gott Sodom nicht vernichten. Abraham habe mit Gott gehandelt, noch nicht, wie später Moses, gestützt auf ein göttliches Gebot, sondern getrieben von seinem Gewissen. Er appelliere deshalb an Gott: „Fern sei von Dir, solches zu tun, zu töten den Gerechten mit dem Frevler, und der Gerechte sei wie der Frevler; fern sei’s von Dir!“ Und Abraham frage Gott: „Wird der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?“ (1. Buch Mose 18:25) Auch Gott stehe nicht außerhalb der Ethik, folgert Kohler, sie sei eben universal.
Anders als Philosophen wie Aristoteles, Spinoza oder Hegel, die Ethik als zeitbedingte moralische Verabredungen verstünden, seien die meisten jüdischen Denker des 19. und 20. Jahrhunderts überzeugt, das Ethik im Prinzip universal sei. Sie orientierten sich an Immanuel Kant (1724–1804), erläuterte Kohler. Dessen kategorischer Imperativ laute: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ Während allerdings bei Kant die Ethik von der Vernunft hervorgebracht werde, habe sie im Judentum ihren Ursprung in den Geboten Gottes.
Aus der Sicht von Hermann Cohen (1842–1918), einem der wichtigsten Vertreter der modernen jüdischen Philosophie, entsprächen diese Gebote den kantischen Gesetzen der Vernunft, legte Kohler dar. „Zedaka“, der jüdische Zentralbegriff für Wohltätigkeit, bedeute Gerechtigkeit, nicht etwa Almosen, und habe vom Anspruch her mit Freiwilligkeit nichts zu tun. Gaben an die Armen zu geben, sei eine ethische Pflicht und eher einer moralischen Steuer als einer Spende vergleichbar. Jüdische Ethik sei prinzipiell eine Pflichtenethik.
Im Sinne der Pflichterfüllung mag man das Engagement der gänzlich areligiösen Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) deuten, die sich nach dem Reichstagsbrand 1933 verantwortlich fühlte, etwas zu unternehmen. Obwohl sie keine Zionistin war, engagierte sie sich zunächst in Deutschland für die zionistische Bewegung. Später flüchtete sie nach Frankreich und half dort jüdischen Flüchtlingen, nach Palästina auszuwandern. 1941 emigrierte sie in die USA und wurde schließlich zu einer international angesehenen Vertreterin der politischen Theorie und Philosophie.
Der Religionsphilosoph Martin Buber (1878–1965) dagegen war sowohl ein religiöser Mensch als auch sehr früh schon ein Zionist. Dr. Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Professur an der Universität Frankfurt, skizzierte ihn als einen Denker, der im Laufe seines Lebens zu dem Schluss gelangt sei, dass nicht der Kampf die Menschen weiterbringe, sondern der Dialog. Den suchte Buber sowohl mit palästinensischen Arabern und nach 1945 auch mit den Deutschen. Sein berühmtestes Werk „Ich und Du“ behandelt gleichermaßen das Verhältnis zwischen Mensch und Gott wie das des Menschen zu den Mitmenschen.
Emmanuel Levinas (1906–1995) postulierte: „Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden.“ So zitierte die Berliner Theologin und Levinas-Expertin Dr. Silvia Richter den aus Litauen stammenden französischen Philosophen. Levinas habe stets von dem „Anderen“, dessen „Antlitz“ und der Verantwortung für ihn gesprochen.
Der Begriff „Verantwortung“ bildet wohl auch den wichtigsten gemeinsamen Nenner unter den jüdischen Philosophen, doch bleiben die Ansätze zum Verständnis jüdischer Philosophie vielfältig. Diese Ansätze näher auszuleuchten, wird eine Aufgabe künftiger Tagungen sein.