16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

Positive Perspektive

In Frankfurt fand eine Podiumsdiskussion über jüdisches Leben im 21. Jahrhundert statt

Von Barbara Goldberg

„Perspektiven jüdischen Lebens im 21. Jahrhundert“ – so hieß das Thema einer Podiumsdiskussion, die im April im Festsaal der Jüdischen Gemeinde Frankfurt stattfand. Als Gesprächspartner nahmen Maram Stern, stellvertretender Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses mit Sitz in Brüssel, und Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, auf der Bühne Platz. Die Aufgabe des Moderators hatte Professor Michael Brenner übernommen, der in München und an der American University in Washington Jüdische Geschichte und Kultur lehrt.
Nach Einschätzung von Susanna Keval, der Kulturreferentin der Frankfurter Gemeinde, die diese Debatte organisiert hatte, steht die jüdische Gemeinschaft in Europa momentan im Angesicht des islamistischen Terrorismus vor neuen Herausforderungen. Doch waren es vor allem innerjüdische Debatten, um die sich am Ende das Gespräch drehen sollte. So provozierte Brenner gleich zu Beginn mit der Frage, ob das in Deutschland seit langem erfolgreich praktizierte Modell der Einheitsgemeinde nicht allmählich ausgedient habe – eine These, der Daniel Botmann sogleich vehement widersprach. Brenner hatte auf die leeren Synagogen verwiesen, in denen sich selbst am Schabbat oder an den Hohen Feiertagen immer weniger Juden einfänden. 30 bis 40 Prozent der in Deutschland lebenden Juden seien kein Mitglied einer jüdischen Gemeinde. Dass sich viele von ihnen in den Gemeinden nicht mehr aufgehoben fühlten, wollte Botmann indes nicht gelten lassen. Er hob vielmehr die enorme Bandbreite an Angeboten zur Teilhabe am jüdischem Leben hervor, die die Einheitsgemeinden in Deutschland für ihre Mitglieder, auch für die jüngeren unter ihnen, bereitstellten. Veranstaltungen wie der Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle, der mit 400 Teilnehmern in Frankfurt erfolgreich abgehalten worden sei, der alljährliche Schabbaton, der im Schnitt von etwa 300 jungen orthodoxen Familien besucht werde, sowie der Jewrovision Song Contest mit 1200 Aktiven im Alter zwischen 10 und 18 Jahren seien Beweis genug für die enorme Aktivität und Attraktivität der Einheitsgemeinden.
Auch Maram Stern lobte die Einheitsgemeinde als einzigartiges Konstrukt: „Das ist ein deutsches Phänomen, das kann man nicht nachmachen“, sagte er. Stern ist in Brüssel für die Außenpolitik aus jüdischer Perspektive zuständig und überraschte die Zuhörer an diesem Abend mit seinen erstaunlichen Einblicken in die Welt und Usancen der internationalen Politik. So verblüffte er das Publikum etwa mit seiner Feststellung, dass seiner Schätzung nach circa 150 jüdische Mitarbeiter der EU-Kommission ihr Judentum tunlichst verbergen würden, weil es ihre Karrierechancen beeinträchtigen könnte.
Wie halten wir es mit Israel? Auch mit dieser Frage versuchte Brenner seine Gesprächspartner zu provozieren. Brenner wie auch Stern beklagten die permanente Gleichsetzung von Juden und Israelis. So sind in allen Außenministerien die für jüdische Fragen zuständigen Mitarbeiter dem Israel-Referat unterstellt, berichtete etwa Maram Stern. Aber muss man auf Distanz zu Israel gehen, nur um diese Identifikation zu vermeiden? „Bei keinem anderen Land wird wie bei Israel permanent betont, dass man es kritisieren darf“, erklärte Botmann. „Wir müssen uns doch nicht vor der nichtjüdischen Bevölkerung rechtfertigen, sondern vielmehr deutlich machen, dass wir zu Israel stehen, auch wenn wir mit dessen Regierungshandeln nicht immer einverstanden sind“, sagte er. „Schließlich ist Israel unsere Lebensversicherung.“
Das Publikum setzte seinerseits auch Probleme vor Ort auf die Tagesordnung. So etwa wurde der Vorwurf geäußert, die Gemeinden täten nicht genug, um sich für Neuzugänge zu öffnen. Zudem fehle es an Angeboten, vor allem für Kinder, um Traditionen und Inhalte des Judentums besser kennenzulernen. Schließlich sei es schwierig, die jüngere Generation der 20- bis 30-Jährigen für eine aktive Mitgestaltung des Gemeindelebens zu gewinnen. Ein Problem, das die jüdische Gemeinschaft gewiss auch mit anderen Religionen teilt.
Doch ist die Welt hierzulande, darin herrschte dann doch auf dem Podium Konsens, noch ziemlich in Ordnung. So zeichne sich in der Bundesrepublik bislang nicht wie in Frankreich der Trend zur Auswanderung nach Israel aus Angst vor islamistischem Terror ab. Gleichzeitig sei das Angebot an jüdischer Teilhabe reichhaltiger und vielfältiger als in anderen europäischen Ländern. Natürlich, so die Einschätzung von Maram Stern, werde die Zukunft viele Veränderungen mit sich bringen. Aber eines sei gewiss: „Es gibt eine Zukunft. Hierzulande sehe ich kein Problem.“ Das ist zweifelsohne eine positive Perspektive.