16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

Ernstes Thema

Der diesjährige Jugendkongress beriet über islamistischen Fundamentalismus und Terrorismus

Von Barbara Goldberg

In der letzten Märzwoche fand der vom Zentralrat der Juden in Deutschland und der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ausgerichtete Jugendkongress statt. In diesem Fall kamen die Teilnehmer – mehr als 400 Jugendliche und junge Erwachsene aus zahlreichen jüdischen Gemeinden Deutschlands – zum ersten Mal in Frankfurt am Main zusammen, und zwar genau zu Purim. Vier Tage lang tauschten die Teilnehmer sich aus, lernten gemeinsam, diskutierten – und feierten auch zusammen.
Das für dieses Jahr ausgewählte Thema lautete „Terrorgefahr. Der islamische Fundamentalismus – Herausforderungen und Perspektiven“. Durch die wenige Tage vor Kongressbeginn verübten Anschläge in Brüssel erhielt dieses Thema traurige Aktualität und Brisanz. „Wir werden uns in Deutschland wie die Israelis daran gewöhnen müssen, mit dem Terror zu leben“, sagte denn auch Vera Szackamer, Präsidiumsmitglied und Jugenddezernentin des Zentralrats, in ihrer Begrüßung.
Insgesamt war es den Veranstaltern gelungen, eine beindruckende Liste von Referenten und Rednern zusammenzustellen. Dazu zählten unter anderem der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), Holger Münch, wie auch Boaz Bismuth, Chefredakteur der Zeitung „Israel Hayom“, der Vizepräsident der Universität Tel Aviv, Eyal Zisser, der israelische Terrorexperte Haim Tomer und der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, Elmar Theveßen, der mit seinen kenntnisreichen und präzisen Recherchen als Kenner der islamistischen Terrorszene gilt.
In seinem Eröffnungsvortrag beschrieb BKA-Präsident Münch die „Dynamik, mit der sich der Terror momentan entwickelt“. Denn seit der „Islamische Staat“ (IS) in Syrien weniger militärische Erfolge zu verzeichnen habe, versuche er, durch „erhöhten Anschlagsdruck weltweit verlorenes Ansehen zurückzugewinnen“. Daher rufe die Führung des IS auch nicht mehr alle nach Syrien, sondern gebe stattdessen die Devise aus, Attentate dort zu verüben, wo die „Kämpfer“ lebten: in Frankreich, in Belgien, in England – und in Deutschland?
Nach Münchs Meinung ist das Risiko derzeit auch für die Bundesrepublik hoch: „Deutschland wird explizit als Anschlagsziel genannt“, berichtete der BKA-Präsident, betonte aber zugleich: „Wir leben nach wie vor in einem der sichersten Staaten der Welt.“ So konnten, dank der internationalen Zusammenarbeit der Nachrichtendienste, mehrere auf Deutschland zielende Attentatspläne vereitelt werden. Auch sieht Münch nicht nur die jüdische Gemeinschaft hierzulande als bedroht an. Vielmehr richte sich der Hass der islamischen Fundamentalisten generell gegen den westlichen Lebensstil und westliche Gesellschaften. Der BKA-Chef warnte außerdem davor, syrische Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen: „Die überwältigende Mehrheit ist doch gerade vor Terror geflüchtet und möchte damit nichts zu tun haben.“ Gleichwohl müssten Identifizierung und Registrierung der hier eintreffenden Menschen aus Nahost verbessert werden. „Aber wir erkennen keinen Terroristen am Fingerabdruck“, dämpfte der ranghöchste deutsche Polizist allzu große Erwartungen an die Sicherheitskräfte.
Elmar Theveßen empfahl in seinem Vortrag, die Prävention zu verstärken, also auch zu verhindern, dass junge Menschen für die Anwerbung durch den IS anfällig werden: „15 Jahre nach dem 11. September 2001 reicht es nicht aus, nur kriminologisch gegen den Terror vorzugehen“, zeigte sich der stellvertretende ZDF-Chefredakteur überzeugt. Auf diese Ausführungen reagierten mehrere Zuhörer mit Kritik: „Um niemanden muss man sich so sehr bemühen wie um junge Moslems, nur um keine Angst vor ihnen haben zu müssen“, meldete sich etwa ein junger Mann aus dem Publikum zu Wort. „Wir, unsere Eltern oder Großeltern waren auch Einwanderer“, ergänzte sein Nachbar in der Stuhlreihe. „Wir wurden zunächst auch abgelehnt, weil wir anders sprachen und für hiesige Ohren vielleicht merkwürdige Namen trugen. Aber wir wussten: Wir mussten in der Schule einfach besser als die anderen sein, um uns zu behaupten und um Anerkennung zu finden. Angst aber brauchte niemand vor uns zu haben!“
Fakten zur Entstehung und Geschichte des sunnitischen und schiitischen Terrorismus vermittelte Nahost-Experte Haim Tomer. Die zwischenzeitliche Allianz beider Strömungen ist seines Erachtens momentan beendet – ob das die Situation für den Westen verschärfe oder entschärfe, sei allerdings bislang nicht auszumachen. Doch helfe es sicher nicht, nur Feindbilder auf beiden Seiten zu zementieren.
Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster, der für die Abschlussdiskussion nach Frankfurt angereist war, zeigte Verständnis für die Situation der Flüchtlinge, allein schon aufgrund seiner eigenen Familiengeschichte. Aber leider müsse man davon ausgehen, dass viele Flüchtlinge eine ausgemachte Israel- und Judenfeindlichkeit als Gedankengut in ihrem Gepäck mitbrächten, sagte Dr. Schuster und rief dazu auf, „aktiv auf die muslimischen Flüchtlinge zuzugehen und ihnen ein anderes Bild vom Judentum zu vermitteln“.
Ein äußerst sympathisches Bild von der jüdischen Gemeinschaft hierzulande vermittelte der Jugendkongress auf jeden Fall. Denn trotz des ernsten Themas ließen sich die 400 angereisten jungen Menschen die Stimmung nicht verderben und feierten eine ausgelassene Purim-Party. Manche, wie der Erfurter Anwalt und stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Thüringen, Juri Goldstein, waren schon das zehnte Mal dabei, andere, wie die 20 Jahre alte Abiturientin Naomi aus Trier, hingegen zum ersten Mal. Alle betonten: „Wir kommen, weil wir andere junge jüdische Menschen kennenlernen oder wiedersehen wollen.“ So kam eine eindrucksvolle Demonstration von Zusammenhalt und Stärke zustande.