16. Jahrgang Nr. 4 / 29. April 2016 | 21. Nissan 5776

Die Botschaft des 27. Nissan

Den Grundsatz „Wehret den Anfängen“ haben Juden existenziell verinnerlicht / Gedanken zum Jom Haschoa

Von Josef Schuster

Der 27. Nissan – in diesem Jahr fällt dieses Datum auf den 5. Mai – ist der israelische Gedenktag für die Schoa. An diesem Tag, der an den Aufstand im Warschauer Ghetto erinnert, wird in Israel und in der jüdischen Welt der Opfer des Holocausts gedacht. In Israel ertönen morgens um 10 Uhr die Sirenen, der Verkehr kommt zum Erliegen – das Leben steht für ein paar Minuten still. Im Vergleich zu dem internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar wird dem in Israel im Jahr 1951 eingeführten Jom Haschoa weniger Aufmerksamkeit von der internationalen Öffentlichkeit geschenkt. Er bleibt eine weitestgehend innerjüdische Angelegenheit.
Deshalb ist Jom Haschoa eine gute Gelegenheit, um den Blick nach innen zu kehren und den Zustand der jüdischen Gemeinschaft und der jüdischen Welt mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Völkermordes zu betrachten. Der Schoa fiel ein Drittel aller 1939 lebenden Juden zum Opfer.
Die Folgen sind immer noch zu spüren – trotz der unglaublichen Aufbauleistung, die das Judentum nach der Katastrophe der Schoa geschafft hat. Heute ist die jüdische Gemeinschaft weltweit besser organisiert und selbstbewusster als je zuvor. Der jüdische Staat ist stark und dynamisch. Die jüdische Kultur blüht und schafft – oft in einem nie da gewesenen Dialog mit der nichtjüdischen Umgebung – nach wie vor Meisterwerke. Religiöse Gelehrsamkeit ist ein ungebrochenes Kernstück unserer Identität und verbindet dank ihres intellektuellen Reichtums unsere jahrtausendelange Tradition mit der Modernität. Eine zentrale Rolle nehmen dabei unsere Rabbiner ein. Daher können wir uns glücklich schätzen, dass mittlerweile jedes Jahr in Deutschland neue Rabbiner ordiniert werden und wir wieder Ausbildungsstätten für Rabbiner in Deutschland haben.
Diese Erfolge sind ein eindrucksvoller Beweis von Willens- und Schaffenskraft. Sie können aber nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass all das keinen Ersatz und keinen Ausgleich für den unvorstellbaren Verlust darstellen kann, den unser Volk erlitten hat. Wir bemühen uns, an die große jüdisch-europäische Tradition anzuknüpfen. Doch der Weg des Wiederaufbaus ist noch weit.
Das Trauma der Schoa hat unser Sensorium für Gefahren weiter geschärft. Gewiss: Im Laufe ihrer jahrtausendelangen, an Verfolgungen nicht armen Geschichte hatten Juden ohnehin gelernt, ihre Widersacher ernst zu nehmen. Die versuchte „Endlösung der Judenfrage“ durch das nationalsozialistische Deutschland fügte unserer Wahrnehmung jedoch eine gänzlich neue Dimension hinzu.
So ist es nicht erstaunlich, dass die jüdische Gemeinschaft weltweit eine Art Frühwarnsystem entwickelt hat. Wir reagieren sensibel auf antisemitische Äußerungen oder Aktionen von Menschen, Organisationen oder Staaten, die uns mit Vernichtung drohen. Antisemitische Ausfälle, Diskriminierung oder Boykott können den Einstieg in weitaus Schlimmeres bilden – das ist uns sehr bewusst.
Passivität kann solche Kräfte stärken. Dieser Gefahr muss vorgebeugt werden – und zwar nicht nur in Bezug auf Bedrohungen, denen wir uns als Juden gegenübersehen. Wenn Minderheiten diskriminiert oder Menschenrechte missachtet werden, ist dies ein Problem für die gesamte Gesellschaft. Es ist daher kein Zufall, dass viele Juden weltweit im Kampf um Menschen- und Bürgerrechte engagiert sind. Das entspringt unserer Ethik. Es hat aber auch sehr viel damit zu tun, dass wir nach der Schoa den Grundsatz „Wehret den Anfängen“ auf geradezu existenzielle Weise verinnerlicht haben. Auch das ist eine Botschaft, die wir uns an Jom Haschoa am 27. Nissan bewusst machen sollten.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland