16. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2016 | 14. Adar II 5776

Scheinblüte

Neues Buch gewährt faszinierende Einblicke in den jüdischen Fußball im „Dritten Reich“

Von Klaus Hansen

Statistiken können paradox sein. So auch diese: Anfang 1933 gab es in Deutschland rund 40 jüdische Fußballklubs. In den nachfolgenden Jahren stieg ihre Zahl auf circa 200 mit etwa 10.000 jüdischen Spielern. Der Grund für diese Scheinblüte war, versteht sich, nicht etwa eine plötzlich expandierende Lust deutscher Juden am Fußballspiel, sondern die Verfolgung durch das Naziregime.
Im April 1933, mehrere Wochen nach der Machtergreifung durch die NSDAP, begann die Säuberung der Vereine des Deutschen Fußballbundes (DFB) von jüdischen Mitgliedern auf Grundlage eines neu in die Satzungen eingeführten „Arierparagrafen“. So blieb den Ausgeschlossenen keine Wahl, als eigene, separate Klubs zu gründen.
Diese Information – auf den zweiten Blick nicht überraschend, aber doch erleuchtend – findet sich in dem kürzlich erschienen Buch „Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Eine Spurensuche“. Die Verfasser, Lorenz Peiffer, Professor für Sporthistorie in Hannover, und Henry Wahlig, Leiter des Kulturprogramms im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, haben nach gründlicher Recherche ein umfangreiches Werk zu dem heute in der Öffentlichkeit kaum bekannten Thema vorgelegt.
Die Lektüre des 576 Seiten starken Buchs bringt auch sonst vieles an den Tag, was dem heutigen Leser kaum bewusst sein wird. So etwa, dass jüdische Spieler nach der Verdrängung aus dem DFB nicht nur einen, sondern zwei jüdische Fußballverbände gründeten. Dabei war der Deutsche Makkabikreis zionistisch orientiert, während sich der Sportbund Schild als deutschnational verstand – eine Gesinnung, die sich ein Teil der Juden in Deutschland auch durch Hitler und dessen Konsorten nicht nehmen ließ. Beide Verbände trugen eigene Reichsmeisterschaften und Pokalwettbewerbe aus. Dementsprechend gab es damals in Deutschland nicht nur einen, sondern genau genommen drei Fußballmeister. Im Jahr 1937 etwa errang der
FC Schalke 04 die Meisterschaft des DFB, während Bar Kochba Frankfurt beim Deutschen Makkabikreis und Schild Stuttgart beim Sportbund Schild die Spitzenposition errangen.
Mit ihrer Arbeit übten die jüdischen Klubs zugleich eine Art Widerstand aus, indem sie der Nazi-Ideologie vom degenerierten Untermenschen den körperlich starken und sportlich gewandten „Muskeljuden“ gegenüberstellten, der im Wettkampf seinen Mann stand. Allein die Namen der jüdischen Vereine strotzten vor Physis: Man erinnert mit „Makkabi“ und „Bar Kochba“ an altjüdische Freiheitskämpfer oder nennt sich gleich „Hakoah“ (die Kraft) oder „Hagibor“ (der Held). Es ist wichtig, dass das Buch an diesen Widerstand erinnert.
War so viel jüdisches Selbstbewusstsein im Sinne des NS-Regimes? Natürlich nicht, doch genossen die jüdischen Sportler erst einmal eine Schonfrist, und zwar dank der Olympischen Spiele in Berlin 1936, mit denen sich die Nazis freundlich und weltoffen zeigen wollten. Mit dem Ende der Olympiade setzte folgerichtig eine radikale Verfolgung jüdischer Sportler ein. Nach den Pogromen vom 9. November 1938 wurden auch die letzten noch verbliebenen jüdischen Vereine aufgelöst. Das war das Ende der „Blütezeit“.
Peiffer und Wahlig lassen es aber nicht bei einer Allgemeinbetrachtung bewenden. Vielmehr ist ihr Werk ein Handbuch des jüdischen Fußballs in Deutschland zwischen 1933 und 1938, das Porträts von 200 Vereinen und Protokolle ihrer sportlichen Aktivitäten in den vier Saisons zwischen 1934 und 1938 enthält. Vereine werden wiederentdeckt, die selbst in den Orten, in denen sie heimisch waren, vergessen sind. An Spieler und Macher wird erinnert, die heute niemand mehr kennt.
Drei Namen sind hier vor allen anderen zu nennen: Walther Bensemann, Gottfried Fuchs und Julius Hirsch. Bensemann gehörte 1900 zu den Gründern des DFB. 1920 gründete er den „Kicker“, ein Sportmagazin, das noch heute führend ist. Bensemann war auch der Gründer des Karlsruher FV,
der 1910 die Deutsche DFB-Meisterschaft errang und aus dessen Reihen die bis heute einzigen deutschen Nationalspieler jüdischen Glaubens kommen: Gottfried Fuchs und Julius Hirsch, die es zusammen auf 13 Länderspiele brachten. Mit Julius Hirsch hatte übrigens 1913, also vor 103 Jahren, zuletzt ein deutscher Jude in der deutschen Fußballnationalmannschaft gespielt.
Fuchs ist einigen Fußballfreunden deshalb noch in Erinnerung, weil er einen unerreichten Rekord hält. Beim 16:0-Sieg über Russland während der Olympischen Spiele 1912 gelangen ihm zehn Tore. Zehn Treffer in einem Länderspiel – das ist bis heute unübertroffen. Fuchs floh vor den Nazis ins kanadische Exil und entging so dem Schicksal seines Kameraden Hirsch, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Seit 2005 vergibt der DFB jährlich den „Julius-Hirsch-Preis“ für Initiativen aus dem Fußball, die sich gegen Rassismus und Antisemitismus wenden.

Dr. Klaus Hansen ist Professor für Politische Wissenschaft und Politische Bildung an der Hochschule Niederrhein in Krefeld/Mönchengladbach und Fußballexperte

Lorenz Peiffer/Henry Wahlig: Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Eine Spurensuche. Verlag Die Werkstatt, Göttingen, 2015,
ISBN 978-3-7307-0221-5, 44,90 €