16. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2016 | 14. Adar II 5776

Das Undarstellbare darstellen

Der preisgekrönte Film „Son of Saul“ versucht, das Grauen der Schoa aus der Perspektive des Einzelnen sichtbar zu machen

Von Iris Menelzon

Jeder Film über die Schoa steht vor einer nicht zu bewältigenden Herausforderung: das Undarstellbare darzustellen, unermessliches Grauen in ein Bildnis für die Leinwand zu pressen. Daher kann jeder Film über die Schoa nur Echo jener Zeit sein.
Das gilt auch für den preisgekrönten Film „Son of Saul“ des ungarischen Regisseurs László Nemes, der im März in deutschen Kinos angelaufen ist. Allerdings versucht das Werk, dessen Handlung im Herbst 1944 spielt, den Zuschauer auf eine ganz eigene Art und Weise anzusprechen: Die Kamera zeigt das Geschehen aus der Sicht des Protagonisten, des ungarischen Juden Saul Ausländer, der von der SS im Vernichtungslager Auschwitz im Sonderkommando eingesetzt wird, also zu denjenigen gehört, die die Leichen von Vergasten aus den Gaskammern zu räumen haben. Saul wird meisterhaft von dem aus Ungarn stammenden, heute in New York lebenden Dichter Geza Röhrig verkörpert.
Die meiste Zeit verharrt die Kamera auf Sauls Gesicht oder zeigt, was er selbst sieht. Bei dieser Perspektive ist das Gesichtsfeld stark eingeschränkt, sind Dinge, an denen Sauls Blick nicht haftet, verschwommen. Es ist eine besondere, eine verstörende Perspektive. Der Soundtrack untermalt die Handlung nicht nur, er ist ein eigenständiges, ergreifendes Element des Films.
Der Film „Son of Saul“ ist für die Zuschauer kein leichtes Erlebnis, er packt sie sozusagen an der Gurgel – und die Art, in der er gemacht wurde, wird vielleicht auch Kritiker haben. Seine Entstehungsgeschichte ist ebenfalls ungewöhnlich. Mit knappem Etat wurde er innerhalb von nur 28 Tagen gedreht. Zudem ist der Hauptdarsteller zwar studierter Filmemacher, aber kein professioneller Schauspieler.
Und doch ist der Film ein Meisterwerk. Er gewann bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2015 den Großen Preis der Jury. Im Februar dieses Jahres wurde er bei der Oscarverleihung als der beste ausländische Film ausgezeichnet.
Wie der Blick der Kamera ist auch die Handlung des Films in einen engen Rahmen gedrängt. Sauls Leben – oder eher sein roboterhaftes Funktionieren –
wird unterbrochen, als er beim Räumen der Gaskammer einen Jungen entdeckt, den er für seinen Sohn hält: daher auch der Name des Films. Unbegreiflicherweise hat der Junge die Vergasung überlebt, er atmet noch, wird aber unverzüglich von einem SS-Arzt erwürgt.
Saul beschließt, seinen – wahren oder imaginären – Sohn nach jüdischem Ritus beizusetzen, statt ihn den Flammen des Krematoriums preiszugeben. Dazu muss er aber unter den Häftlingen einen Rabbiner finden, der ein ordnungsgemäßes Begräbnis durchführen kann. Saul gelingt es, die Leiche des Jungen vor einer Autopsie zu bewahren und zu verstecken. Er versucht, unter Neuankömmlingen eines Transports einen Rabbiner zu finden. Männer, die „wie ein Rabbiner“ aussehen, spricht er verzweifelt mit „Rabbi“ an.
Die Handlung findet vor dem Hintergrund eines, freilich hoffnungslosen, Aufstands des Sonderkommandos statt. Dieser bleibt aber im Hintergrund, denn Saul konzentriert sich, obsessiv, auf sein Ziel: „seinem“ Jungen ein jüdisches Begräbnis zu geben. Doch vergeblich. Als Saul während des Aufstands zum Fluss flieht und mit der Leiche ins Wasser geht, ist die Last zu erdrückend. Die Strömung schwemmt den toten Körper fort. Der vermeintliche Rabbiner hat sich zum Schluss ohnehin als Hochstapler erwiesen; er wäre nicht imstande gewesen, das Begräbnis nach der Halacha durchzuführen. So ist Sauls Traum zerplatzt, gerade als er Wirklichkeit zu werden schien.
Saul und einige seiner Leidensgenossen verstecken sich in einer Hütte, werden aber von den SS-Wachen entdeckt. Saul schafft es noch, den Blick auf einen polnischen Jungen zu erhaschen, der lächelnd durch den Wald läuft. Und zum ersten Mal in dem Film lächelt Saul. Dann wird die Leinwand schwarz, nur noch die Schüsse der SS-Mörder sind zu hören.
Ein weiterer Aspekt, der zum Nachdenken zwingt, ist der Name des Helden – und zwar in zweierlei Hinsicht. Der Familienname, Ausländer, deutet auf Fremdheit hin. Der hebräische Vorname Schaul (Saul) wiederum bezeichnet nicht nur den ersten biblischen König. Das Wort „scha’ul“ bedeutet auch so viel wie „geborgt“, und so lebt Saul Ausländer in der Vernichtungsmaschine von Auschwitz in geborgter Zeit: einer Zeit, deren Grausamkeit in „Son of Saul“ uns Heutigen erschütternd nahegebracht wird.