16. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2016 | 14. Adar II 5776

Brücke zwischen damals und heute

Israelische Archäologie leistet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der jüdischen Geschichte

In kaum einem anderen Land der Welt steht Archäologie so sehr im Rampenlicht der Öffentlichkeit wie in Israel. Neue Funde und Forschungsergebnisse machen regelmäßig Schlagzeilen – oft genug auf den ersten Seiten der Zeitungen.
Das ist verständlich: Schließlich spielt die ferne Vergangenheit an kaum einem anderen Ort der Welt eine so wichtige Rolle für das Selbstverständnis des Landes und die Identität seiner Bewohner. Für Angehörige einer Nation, die ihre Souveränität nach 2000 Jahren am geografischen Ursprung ihrer Geschichte erneuert hat, sind Artefakte, die Archäologen ans Tageslicht bringen, keine verstaubten Altertümer, sondern eine direkte Brücke zwischen damals und heute. Und da Israel die Wiege des Judentums ist, ist die Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart auch für die jüdische Welt als Ganzes von Bedeutung.
So ist es auch keine Überraschung, dass archäologische Aktivitäten bereits in den ersten Jahrzehnten des 1948 gegründeten Staates eine wichtige Rolle spielten. Ein herausragendes Beispiel sind die vom weltberühmten Archäologen – und früheren Generalstabschef der israelischen Armee – Jigael Jadin geleiteten Ausgrabungen in Massada, der Bergfestung am Toten Meer, die während des Großen Aufstands (66 bis 73 nach der Zeitenwende) erbitterten Widerstand gegen die römische Übermacht leistete. Wegen der symbolischen Bedeutung wurde Massada zu einem Gelöbnisort für israelische Truppen, und der Satz „Ein zweites Mal wird Massada nicht fallen“ wurde zu einem festen Bestandteil des israelischen Kollektivbewusstseins.
Nach dem Sechstagekrieg von 1967 erhielten israelische Archäologen Zugang zu Stätten, die für sie bis dahin unerreichbar waren. Das wichtigste Beispiel ist das historische Jerusalem einschließlich der Perioden des Ersten und des Zweiten Tempels. Von den sich ihnen öffnenden Möglichkeiten machten die Archäologen schon damals intensiv Gebrauch – und tun dies bis heute. Gleichzeitig werden heute neue Such- und Forschungsmethoden eingesetzt, die neue Erkenntnisse ermöglichen. Das gilt nicht nur für genauere Datierungen mithilfe der Radiokarbonmethode, vielmehr stehen israelischen Forschern auch neuartige Techniken wie echomagnetische Abtastung und Bodenuntersuchung mit Radiowellen zur Verfügung, um im Erdboden lagernde Objekte ausfindig zu machen.
Dass die archäologischen Schätze in absehbarer Zeit zur Neige gehen, ist nicht zu befürchten. Jetzt schon gibt es in Israel 30.000 offizielle archäologische Fundstätten. Neue kommen laufend hinzu – oft aus Anlass von Infrastruktur- oder Bauprojekten. Bevor nämlich das schwere Baugerät auffährt, prüfen Mitarbeiter der Antiquitätenbehörde das Gelände. In den meisten Fällen, in denen archäologische Artefakte gefunden werden, werden sie vor Ort fotografiert und dokumentiert. Bei Bedarf werden Ausgrabungen durchgeführt. Die Funde werden zur Antiquitätenbehörde zu weiteren Untersuchungen gebracht. „Die meisten Fundstätten geben wir dann für die Bauprojekte frei“, erklärt Dr. Yehiel Zelinger, Forschungsarchäologe bei der Antiquitätenbehörde. So lagern bei der Behörde archäologische Objekte, die mit Leichtigkeit mehrere Museen füllen könnten.
Indessen werden nicht alle Fundstätten geräumt. So etwa wurde vor einigen Jahren bei den Vorbereitungen eines Bauprojekts in Modi’in eine Sy­nagoge aus der Zeit des Zweiten Tempels gefunden. Zwar war es nicht die erste Synagoge aus dieser Zeit, doch befanden sich die drei zuvor entdeckten Bauten an Zufluchtsorten von Kämpfern des Großen Aufstands – Massada und Gamla – beziehungsweise im Königspalast von Herodes dem Großen (Herodion). Demgegenüber wurde die Synagoge von Modi’in in einem ganz normalen ländlichen Wohnort gefunden: ein wichtiges Indiz dafür, dass Synagogen bereits vor der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 zum jüdischen Alltag gehörten. Zwar dienten sie damals nicht zum Gebet, wohl aber zum Tora-Studium und gelehrten Debattieren. Diese wichtige Fundstätte wurde nicht abgerissen, um Wohnhäusern zu weichen, vielmehr wurden die Baupläne geändert.
Naturgemäß stellt die biblische Zeit einen Schwerpunkt des öffentlichen Interesses an der Archäologie dar. Der Wissensfundus über diese Epoche wird durch die Archäologie ständig bereichert, einschließlich bahnbrechender Entdeckungen. 2007 etwa konnte eine von Dr. Zelinger geleitete Ausgrabung am Zionsberg, außerhalb der südwestlichen Ecke der heutigen Jerusalemer Altstadtmauer, die Reste einer massiven drei Meter breiten Stadtmauer aus der Zeit des Zweiten Tempels entdecken. Damit war das letzte Stück eines archäologischen Puzzles gefunden, dank dessen sich die Grenzen Jerusalems in jener Epoche bestimmen ließen. Die Stadt war zweieinhalbmal so groß gewesen, wie frühere Archäologen vermutet hatten: eine historische Erkenntnis erster Größenordnung.
Jerusalem war aber nicht nur groß, sondern – wie es sich für die Hauptstadt gehörte – auch relativ wohlhabend. Das belegen nicht nur Funde relativ großer Gebäude, sondern auch die Analysen von Tierknochen aus jener Zeit. Wie die Archäologen festgestellt haben, schlachteten Jerusalemer Bürger Schafe im Alter von einem Jahr und Rinder im Alter von zwei Jahren – sozusagen als Gourmet-Stücke. Dagegen ergaben Knochenfunde in der inneren Ebene, in der eher Agrarsiedlungen zu finden waren, dass die Bewohner nicht nur weniger Fleisch als die Jerusalemer aßen, sondern die Tiere auch in einem viel höheren Alter schlachteten. Will heißen: Rinder und Schafe wurden erst mehrere Jahre als Nutztiere verwendet und dann erst verspeist – typisch für eine ärmere Agrargegend. Solche Befunde geben einen Einblick in die Soziologie der biblischen Ära.
Auch die Verbreitung der jüdischen – ­
oder der frühen protojüdischen – Bevölkerung lässt sich mithilfe der Archäologie gut nachzeichnen. So ist nachgewiesen, dass israelitische Bewohner bereits im 10. Jahrhundert v. d. Z.
in der Gegend von Jerusalem wohnten – also in etwa zur Zeit der Eroberung Jerusalems durch König David. Als Nachweis für die Wohnsitznahme der Israeliten in der Stadt dienen Gefäße mit typisch israelitischen Merkmalen. Die Ankunft protojüdischer Bewohner in Jerusalem war zugleich der Abschluss eines längeren historischen Prozesses. Nach archäologischen Erkenntnissen waren die ersten israelitischen Siedlungen der beginnenden Eisenzeit – nämlich um das Jahr 1200 v. d. Z. – nördlich von Jerusalem entstanden und von dort aus nach Jerusalem und südlich davon expandiert.
Artefakte aus dem Ersten Tempel, erbaut von König Salomo, wurden bisher nicht gefunden. Falls solche Relikte unterhalb des Tempelbergs lagern sollten, so werden sie auf absehbare Zeit unentdeckt bleiben: Um einen Konflikt mit der islamischen Welt zu vermeiden, verzichtet Israel auf Ausgrabungen unterhalb der Tempelberges, auf dem heute die Al-Aksa-Moschee steht. Allerdings bestätigen archäologische Befunde die Zerstörung Jerusalems und des Ersten Tempels im Jahr 586 v. d. Z.
In diese Zeit konnten die Archäologen eine Verbrennungsschicht in Jerusalem datieren. Offenbar war es eine Feuersbrunst, die die babylonischen Truppen in der Stadt entfachten und der auch der Tempel zum Opfer fiel.
Ein anderes Kapitel jüdischer Geschichte im Lande Israel – die Expansion des Makkabäer-Königreichs nach dessen Gründung im 2. Jahrhundert v. d. Z.
nach Westen – ist dagegen durch archäologische Befunde belegt. Wie Dr. Zelinger erklärt, sind in den präzise datierten Überresten jüdischer Siedlungen nicht nur Mikwaot (Ritualbäder), sondern im Vergleich zu nichtjüdischen Siedlungen auch zahlreiche steinerne Gefäße in Privathäusern zu finden. Der Grund: Nach der Halacha nehmen tönerne Gefäße die Unreinheit der Toten auf und mussten jedes Mal, wenn jemand im Haus verstorben war, weggeworfen werden. Dagegen genügte es bei steinernen Gefäßen, auch wenn diese in der Anfertigung aufwändiger waren, sie nach einem Todesfall zu spülen, sodass sich ihre Herstellung beziehungsweise Anschaffung langfristig lohnte.
Nun ist es nicht die Aufgabe der archäologischen Wissenschaft, die Richtigkeit des biblischen Berichts zu beweisen oder zu widerlegen. Gleichwohl, so Dr. Zelinger, werden durch die archäologischen Funde viele biblische Angaben bestätigt.
Interessant ist auch der Vergleich der Ergebnisse der modernen Archäologie mit den Schriften des jüdischen Historikers Josef Ben Matitjahu – Spross einer priesterlichen Familie und Kommandeur jüdischer Aufständischer in Galiläa während des Großen Aufstands, der sich den Römern ergab, in ihre Dienste trat und sich später den römischen Namen Titus Flavius Iosephus zulegte. Bei Josefs Schilderungen politischer Entwicklungen, so Dr. Zelinger, sei Vorsicht angebracht, da dieser aus der Sicht seiner römischen Herren zu schreiben versuchte oder diese zumindest nicht verärgern wollte. Bei der Beschreibung von Orten und Objekten dagegen erweisen sich die Werke des Historikers als erstaunlich präzise. So etwa konnte seine Beschreibung des antiken Hafens von Caesarea durch maritime Ausgrabungen als zutreffend bestätigt werden.
Im Jahr 2013 wurden in einem Kanal zwischen der archäologischen Stätte Stadt Davids und dem Teich von Schiloach drei Kochtöpfe und eine keramische Öllampe gefunden. Nach Auffassung der Antiquitätenbehörde stimmt dieser Fund mit Josefs Schilderung der Hungersnot in Jerusalem während der römischen Belagerung der Stadt zur Zeit des Großen Aufstands überein. Damals, so Josef, hätten Menschen Nahrungsmittel versteckt aus Angst vor Beschlagnahme durch die Rebellenkräfte, die die Stadt verteidigten. Gegessen habe man die versteckten Speisen an unbeobachteten Orten – beispielsweise in einem Kanal.
Seit 1968 ist eine weitere Angabe Josefs archäologisch belegt: Damals wurde bei Ausgrabungen an der südlichen Mauer des Tempelbergs ein Kreidesteinbrocken mit der Aufschrift „le-Beit ha-T’kiya“ (zum Haus des Trompetens) gefunden. Das aber war, so Josef ben Matitjahu in seinem Werk „Der jüdische Krieg“, eine Stelle des Tempels, von der aus Priester den Schabbateingang und -ausgang mit einer Trompete ein- und ausläuteten. Übrigens wird der Schabbat auch heute in Israel eingeläutet: zwar nicht mit Trompeten, wohl aber mit Luftalarmsirenen.

wst