16. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2016 | 14. Adar II 5776

Große Hilfe für die Kleinen

Jüdische Kindergärten vermitteln dem Nachwuchs jüdische Tradition und vieles mehr

Von Heinz-Peter Katlewski

Anders als beispielsweise die Universitäten erscheinen die Kindergärten, die jemand besucht hat, im Erwachsenenalter nicht prominent im Lebenslauf. Dabei kann ein Kindergarten den Kleinen eine entscheidende Prägung fürs Leben geben. Das gilt auch für jüdische Kindergärten in der Bundesrepublik – und davon gibt es nicht wenige: In der Adressenkartei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) sind bundesweit 27 Kindergärten erfasst.
Die meisten jüdischen Kindergärten können sich nicht auf die Infrastruktur einer der nicht allzu vielen Großgemeinden stützen, die es in Deutschland gibt. Dennoch finden sie kreative Lösungen. So etwa in Chemnitz. „Irgendwann wurde mir klar, dass die Gemeinde für ihre Zukunft dringend einen Kindergarten benötigt“, erinnert sich Dr. Ruth Röcher, Vorsitzende der 600 Mitglieder starken Jüdischen Gemeinde in der sächsischen Großstadt. Im September 2011 gelang es Dr. Röcher, die Kindergartengruppe „Schalom“ zu eröffnen. Diese ist ein – eigenständiger – Teil des städtischen Kindergartens im Stadtteil Sonnenberg. Heute erleben dort 18 Kinder während der Woche einen traditionellen jüdischen Alltag.
Auch in Osnabrück fand man eine Lösung. Michael Grünberg, Vorstand der Jüdischen Gemeinde und Vorsitzender des Bundes traditioneller Juden, setzt sich seit Jahren für Kindergärten auch in kleineren Gemeinden ein. „Wir müssen junge Familien ermutigen, sich den Gemeinden anzuschließen“, erklärt er. Das Mindeste aber, was sie benötigten, sei eine jüdische Kindergartengruppe. 2011 schloss Grünberg in Osnabrück einen Kooperationsvertrag mit der Katholischen Domgemeinde. Die ist nun nicht nur Träger von katholischen Kindergärten, sondern auch einer jüdischen Kindertagesstätte (Kita). Was in dieser geschieht, bestimmt die jüdische Gemeinde.
Bis kurz vor 9 Uhr bringen die Eltern ihren Nachwuchs zur jüdischen Kita – derzeit 17 Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren. Zwölf sind jüdisch. Fünf aus der unmittelbaren Nachbarschaft gehören einer anderen Religion an, ihre Eltern akzeptieren, dass hier jüdische Religion gelehrt und gelebt wird.
Der Tag beginnt mit dem Morgenkreis, erläutert Kita-Leiterin Anne Feldmann. Die Jungs setzen ihre Kippa auf; gemeinsam wird dann auf Hebräisch das traditionelle „Mode Ani“ gebetet, ein Dankgebet für das jeden Morgen neu geschenkte Leben. Es folgt die erste Zeile des „Schma Jisrael“, das Bekenntnis zu dem Einen Gott. Danach wird über den Tag geredet, was ihn auszeichnet und welche Pläne es dafür gibt. Während in den jüdischen Familien oft die russische Muttersprache gepflegt wird, achtet die Kita auf gutes Deutsch, damit später der Übergang in die Grundschule auf keine Hindernisse stößt.
Vor und nach dem – koscheren – Essen werden gemeinsam Tischgebete gesprochen. Der Vormittag hat jeden Tag einen anderen Schwerpunkt: Mal wird gebastelt und gemalt, mal in kleinen Gruppen gespielt, zuweilen kommt der Kantor zum Singen von hebräischen Liedern vorbei. Am Donnerstag wird Challa gebacken und am Freitag Schabbat gefeiert. Die Kinder reißen sich darum, Ima (Mutter) und Abba (Vater) zu spielen, die Lichter zu zünden und den Segen über den Traubensaft zu sprechen. Zu jüdischen Festen kommt Rabbiner Avraham Radbil vorbei.
Ähnlich sieht der Alltag auch in anderen jüdischen Kindergärten aus. Diejenigen, die im Rahmen großer Gemeinden angesiedelt sind, können naturgemäß eine größere Vielfalt als die in kleinen Gemeinden bieten. Die Kita in Düsseldorf hat 130 Kinder, im Frankfurter Westend sind allein 30 Kinder unter drei Jahren in der Krippe und weitere 102 in fünf Gruppen für ältere Kinder untergebracht.
Dennoch haben alle Kindergärten dasselbe Ziel: Den Jungen und Mädchen eine schöne Kindheit zu bereiten und ihnen zugleich beste Voraussetzungen für die Schule zu vermitteln. Erziehung zu Selbstständigkeit und Sprachförderung seien sehr, sehr wichtig, betont Nadine Schleicher, Leiterin des Kindergartens der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. „Aber die jüdische religiöse Erziehung, die macht uns aus“, sagt sie. Die Leiterin der Frankfurter Kita, Elvira Güver, sieht das genauso: „Wir sind eine orthodoxe Gemeinde, zu uns muss auch der Frömmste seine Kinder bringen können.“
Dr. Rebecca Seidler, pädagogische Leiterin der Kita „Tamar“ in Hannover, würde so nicht formulieren. Ihre Einrichtung im Stadtteil Leinhausen wurde 2007 gegründet und gehört zur Liberalen Jüdischen Gemeinde. Einige Eltern ihrer 40 Kita-Kinder gehören einer anderen jüdischen Gemeinde an, einige Kinder kommen aus einer christlichen Familie. 90 Prozent der Kinder, sagt Rebecca Seidler, wachsen nicht mit Deutsch als Familiensprache auf. Dennoch wird nicht nur Sprachförderung betrieben, sondern auch gebetet. Es werden Schabbat, jüdische Feiertage und Feste gefeiert. Im Unterschied zu orthodox geführten Kitas ist die Küche weder fleischig noch milchig: Die Mahlzeiten sind vegetarisch. Außerdem legt man Wert auf die Gleichheit der Geschlechter, gerade bei Ritualen. Jungen tragen dann eine Kippa, Mädchen dürfen das auch. Und zu Schabbat zünden Jungen oder Mädchen die Kerzen an oder sprechen den Segen. „Wir wollen, dass sich die Kinder hier geborgen fühlen und in einer jüdischen Atmosphäre selbstbewusst aufwachsen“, bekräftigt Dr. Seidler. „Weihnachten und Ostern spielen bei uns keine Rolle. Die Kinder sollen auch die Erfahrung kennen, einmal in der Mehrheit zu sein!“ Das sieht man in Chemnitz, Osnabrück, Düsseldorf und Frankfurt ganz genauso.
In jedem Fall bleiben die Kindergärten im Gespräch miteinander. Ein wichtiges Forum dabei ist das Treffen der Erzieherinnen und Erzieher, das die ZWST jedes Jahr organisiert, koordiniert von ZWST-Jugendreferent Nachumi Rosenblatt. Das jüngste dieser Treffen fand im vergangenen Monat statt. Neben dem allgemeinen Erfahrungsaustausch kamen dabei auch Fachthemen wie beispielsweise die Inklusion von Kindern mit Konzen­trations- und anderen Problemen zur Sprache.