16. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2016 | 14. Adar II 5776

Tradition des Dialogs

Die Woche der Brüderlichkeit ist nicht nur für die interreligiösen Beziehungen wichtig, sondern findet auch darüber hinaus große Beachtung

Von Heinz-Peter Katlewski

Wie viele Jahre braucht eine Veranstaltung, um sich als Tradition zu etablieren? Die Woche der Brüderlichkeit – das zentrale Jahresereignis im christlich-jüdischen Dialog – hat es jedenfalls längst geschafft. Die von den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit seit 1952 im März eines jeden Jahres bundesweit veranstaltete Vielzahl von Begegnungen und Gesprächen ist längst fester Bestandteil des öffentlichen Lebens. Heute sind in Deutschland 85 regionale Gesellschaften tätig.
Die zentrale Eröffnungsfeier, mit der die Woche der Brüderlichkeit eingeläutet wird, ist ein auch in den Medien viel beachtetes Ereignis. In diesem Jahr fand der Auftakt im Theater am Aegi in Hannover statt. Unter den Gästen des Ereignisses waren neben Bundespräsident Joachim Gauck und dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil auch Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok, zahlreiche Rabbiner, Vertreter jüdischer Gemeinden und Repräsentanten der Kirchen, darunter der Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, und der stellvertretende Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Diözesanbischof Norbert Trelle.
Das jährlich wechselnde Motto der Woche der Brüderlichkeit war diesmal doppeldeutig: „Um Gottes Willen“. Zum einen ist es ein religiöses Bekenntnis, zum anderen aber, in der Alltagssprache, ein Ausdruck des Erschreckens. In seiner Begrüßungsansprache setzte sich auch Rabbiner Dr. h.c. Henry G. Brandt, Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz und jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) mit diesem Motto auseinander. Manche behaupteten, so Rabbiner Brandt, sie wüssten genau, was Gottes Wille sei, andere wollten in einer weitgehend säkular geprägten Welt Gott aus dem Spiel lassen. Was wir alle aber sehen könnten, sei die grandiose Herrlichkeit unseres Universums, seine Ordnung und Gesetzlichkeit und eine bestimmte übergreifende Harmonie. „Möglicherweise könnte man es als den ‚Willen‘ Gottes verstehen, die Ordnung und Gesetzlichkeit der Schöpfung unserer Welt, in unserer Gesellschaft abzubilden und zu erhalten.“ Eine redliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik, meinte Rabbiner Brandt, werde wohl zu dem Schluss führen, „um Gottes Willen“ bedeute gleichermaßen „um des Menschen Willen“.
Hannover richtete die Eröffnungsveranstaltung zum zweiten Mal aus, zuletzt vor 37 Jahren, wie der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil in seinem Grußwort feststellte. Als Gastgeber haben Land und Stadt keine Mühe gescheut, um die Idee des Dialogs zu fördern: Mit ihrer Unterstützung hat die örtliche Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Kooperation mit zahlreichen Partnern ein umfangreiches Programm aus Ausstellungen, Vorträgen, Seminaren, Studienreisen und Exkursionen zusammengestellt, das zumindest in der Landeshauptstadt die Woche der Brüderlichkeit auf ein halbes Jahr ausdehnt.
Aus dem Dialog, so Bundespräsident Joachim Gauck, selbst ordinierter Pfarrer, habe man einiges gelernt. An die Adresse rechtspopulistischer politischer Bewegungen gerichtet, die vorgeblich das Abendland verteidigen wollen, erklärte das Staatsoberhaupt: „Wer glaubt, das christliche Abendland mit der Herabsetzung anderer, mit Ausgrenzung Andersgläubiger, mit Hassparolen und Säuberungsfantasien verteidigen zu sollen, hat es schon verraten.“ Weitgehende Einigkeit in der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen bekundeten am Tag nach der Eröffnungsveranstaltung auch die Bischöfe und Rabbiner bei dem Treffen der Bischöfe mit Vertretern der Rabbinerkonferenzen.
Traditionell wird im Rahmen der Eröffnungsfeier zur Woche der Brüderlichkeit die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Die Auszeichnung wird vom DKR seit 1968 alljährlich an Persönlichkeiten, Initiativen oder Einrichtungen vergeben, die sich im Geiste der Religionsphilosophen Martin Buber (1878–1965) und Franz Rosenzweig (1886–1929) in besonderer Weise um die Verständigung zwischen den Religionsgemeinschaften verdient gemacht haben. In diesem Jahr fiel die Wahl auf Prof. Dr. Micha Brumlik. Prof. Dr. Margot Käßmann, ehemalige EKD-Ratsvorsitzende, würdigte Brumlik als einen streitbaren Repräsentanten des Judentums im Gespräch mit seinen christlichen Partnern. Er sei kein Vertreter des sanften Wortes, sondern angriffslustig und lasse ein Störgefühl zurück, das am Ende in tieferes Nachdenken führe.
Brumlik wurde als jüdisches Flüchtlingskind 1947 im schweizerischen Davos geboren, ging in Frankfurt am Main zur Schule, lebte, arbeitete und studierte zwei Jahre in Israel, kehrte nach Frankfurt zurück und setzte sein Studium der Philosophie, Pädagogik und Soziologie dort fort. 1977 promovierte er im Fach Philosophie. Er forschte und lehrte an verschiedenen Universitäten in Deutschland, darunter von 1981 bis 2000 an der Universität Heidelberg. Im Jahr 2000 wurde er als Professor ans Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaften der Frankfurter Universität berufen und blieb dort bis zu seiner Emeritierung 2013.
Mit Bedauern wurde die Mitteilung von Rabbiner Brandt aufgenommen, dass er nach fast 31 Jahren sein Amt als jüdischer Vorsitzender des DKR demnächst in jüngere Hände legen wolle. Über Jahrzehnte ist er eine Art „theologischer Chefdiplomat“ der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland im Verhältnis zu den Kirchen. In dieser Eigenschaft hat er sich von allen Seiten anerkannte Verdienste um das Miteinander der Religionen erworben. Wie es aber seiner Art entspricht, kündigte Brandt seinen bevorstehenden Rücktritt ohne Pathos, sondern mit verschmitztem Humor an, mit dem er das Publikum zu einem versöhnlichen Lachen bringen konnte.