16. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2016 | 14. Adar II 5776

Gebote der Freiheit

Der Auszug aus Ägypten erinnert uns nicht nur an das Ende der Knechtschaft, sondern auch an moralische Grundwerte unseres Lebens

Moses, die zentrale Figur des Auszugs aus Ägypten, dessen wir am Pessach-Fest gedenken, war eine faszinierende Gestalt. Ein Mann des Glaubens, ein Freiheitskämpfer, ein Menschenführer. Einer der grundlegenden Aspekte seiner Persönlichkeit war aber auch die Einsicht, dass Gesetze und Werte nicht nur niedergeschrieben, sondern auch verinnerlicht werden müssen. Dafür bietet das Zerbrechen der ersten Bundestafeln, mit denen Moses vom Berg Sinai zurückgekehrte, einen an Ausdruckskraft nicht zu überbietenden Beleg. Als Moses sah, dass sich die Kinder Israel während seiner Abwesenheit das Goldene Kalb geschaffen hatten, zerschmetterte er die steinernen Tafeln.
Eine der Erklärungen für Moses’ scharfe Reaktion besagt, er habe erkannt, wie sehr die Israeliten noch „Abtrünnige“ und damit für die strikten Normen der Tora unreif waren. Ihnen die Gebote Gottes zu schenken, wäre deshalb unangebracht gewesen.
Stand das Zerbrechen der Bundestafeln wie eine geöffnete Klammer am Anfang der Wüstenwanderung, so wurde diese Klammer durch Moses’ Worte an das Volk unmittelbar vor seinem Tod geschlossen. Als er wusste, dass sein Ende nahte, verlangte Moses keine Ehrenbezeigungen. Vielmehr wandte er sich an die Menschen, um sie erneut auf die Gebote einzuschwören. Seine Rede bildet das letzte der fünf Bücher der Tora. Moses war klar, dass die Verinnerlichung der Gesetze mit dem bevorstehenden Einzug in das Land Israel nicht abgeschlossen sein, sondern auch künftig eine Herausforderung bleiben würde. Die Schwächen des menschlichen Charakters und die Anfälligkeit der Gesellschaft für gefährliche Versuchungen waren ihm bewusst, hatte er doch immer wieder dagegen angekämpft – nicht immer mit vollem Erfolg.
Wie so vieles in der jüdischen Überlieferung ist auch diese Erzählung von universeller Relevanz. Gewiss braucht eine Gesellschaft Freiheit, um sich zum Wohl ihrer Mitglieder entwickeln zu können, so wie die Befreiung der Kinder Israel aus ägyptischer Knechtschaft eine Voraussetzung für die Entstehung des biblischen Volkes Israel war. Allerdings muss sich jede Gesellschaft auch fragen, wie sie ihre Freiheit nutzt. Just an dieser Stelle setzen beim Auszug aus Ägypten die Gebote an. Sie erinnern den Menschen daran, dass er nicht der Herrscher der Welt ist, sondern sich selbst mit angemessener Bescheidenheit zu betrachten hat. Sie regeln das Zusammenleben der Menschen und betonen das Lebensrecht des Einzelnen, das Recht auf Hilfe und Fürsorge sowie die Pflicht zu Ehrlichkeit und Solidarität. Sie stärken zudem die Rechte des Volkes, denn der König steht nicht über dem Gesetz.
Eine Gesellschaft, die die äußere Freiheit hat, ihre Werte aber vernachlässigt, gerät zwangsläufig auf die schiefe Bahn. Die Geschichte ist voller Beispiele für Staaten und Gesellschaften, in denen die Missachtung von Werten zu Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Aggression nach innen wie nach außen führte, und in unserer Zeit ist es nicht anders. Auch in Gesellschaften, die das Glück haben, in geordneten, freiheitlichen und humanen Verhältnissen zu leben, ist es erforderlich, Moral, Menschlichkeit, Mitgefühl und Akzeptanz zur Grundlage der politischen und sozialen Ordnung zu machen und die Macht der Stärkeren zu bändigen.
Nicht minder wichtig ist es, die moralischen und zivilisatorischen Grundwerte an die jeweils nächste Generation weiterzureichen. Sonst wird auch die Freiheit nicht von Dauer sein. In der Haggada heißt es, in jeder Generation müsse sich der Mensch so betrachten, als sei er persönlich aus Ägypten ausgezogen. Das bedeutet nicht nur, sich über die Befreiung aus der Knechtschaft zu freuen, sondern stets auch, nach dem richtigen Umgang mit der Freiheit zu suchen.

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