16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Menschen und Schicksale

Berliner Dauerausstellung führt das Schicksal jüdischer Bewohner des Stadtbezirks Schöneberg in der NS-Zeit vor Augen

Von Heinz-Peter Katlewski

Das Berliner Rathaus Schöneberg ist für eine dauerhafte Gedenkinstallation ein ungewöhnlicher, wenn auch würdiger Ort. Hier, am Sitz von Verwaltung und Parlament des Berliner Stadtbezirks Tempelhof-Schöneberg, wird die Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ gezeigt. Zu der Ausstellungshalle mit ihrem historischen Glasdach leiten einige Wegweiser durch die verwinkelten Flure des Gebäudes. Hier wird an Leben und Schicksal ehemaliger jüdischer Bürger erinnert, die in diesem Bezirk bis zur Naziherrschaft gewohnt haben. Die Präsentation ist als Dauerausstellung angelegt, wird aber noch immer erweitert. Sie zeigt den Besuchern, darunter vielen Schulklassen, Familiengeschichten und Lebenswege. Es wird deutlich, welche Verbrechen Nazideutschland begangen hat. Zugleich erfahren Besucher, die die Mappen auf den Bibliothekspulten durchblättern oder sich an den Hörstationen auf Interviewmitschnitte von Zeitzeugen einlassen, ganz konkret, wer damals aus der Nachbarschaft ihres Stadtbezirks vertrieben oder deportiert wurde.
In Schöneberg und dort vor allem im Bayerischen Viertel unweit des Rathauses lebten einst viele Berliner Juden. Das Gebiet erschlossen und entwickelt hatte der jüdische Unternehmer Salomon Haberland in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Einige jüdische Bewohner des Quartiers hatten in den dreißiger Jahren bereits einen großen Namen, andere wurden später im Exil berühmt. Zu diesem Kreis gehörten der Physiker Albert Einstein, der Philosoph Walter Benjamin, die Fotohistorikerin Gisèle Freund, die Journalistin und Schriftstellerin Inge Deutschkron, der Psychologe und Autor Erich Fromm, der Fotograf Helmut Newton und die Sozialreformerin Alice Salomon. Auch drei Mitglieder des bis heute legendären Sextetts „Comedian Harmonists“ waren Schöneberger. Rabbiner Leo Baeck (1873–1956), der letzte große Repräsentant des deutschen Judentums in dieser Zeit, gehörte ebenfalls dazu. Die Liste ließe sich nahezu beliebig erweitern.
Auf den Lesetischen des Saales bringen 152 Mappen in Text und Bild die Geschichte von einzelnen Menschen –
nicht alle, versteht sich, berühmt –
und deren Familien in Erinnerung. Etliche von ihnen konnten Deutschland rechtzeitig verlassen und, oft auf verschlungenen Pfaden, in die USA, nach Israel oder in ein anderes der 37 Länder auswandern, in denen die Flüchtlinge schließlich eine dauerhafte Bleibe fanden. Ein Rundständer aus Bildtafeln dokumentiert, wo in der Welt die Exilanten sich niederließen. Aber längst nicht allen war die Flucht möglich. Von den 16.000 Juden, die 1933 in Schöneberg lebten, wurden über 6000 deportiert und ermordet. Sortiert nach Straßen und Hausnummern werden ihre Namen auf Karteikarten genannt, die den Raum an den Wänden flankieren. Erstellt wurden die Karten anhand der von den Juden verlangten Vermögenserklärungen.
Die Idee zu dieser Installation reicht in das Jahr 1983 zurück. Damals waren die West-Berliner Bezirke gefordert, sich mit ihren Heimatmuseen anlässlich des 50. Jahrestages der Machtergreifung Hitlers ihrer Nazivergangenheit zu stellen. Während sich der Arbeiterbezirk Neukölln mit dem Arbeiterwiderstand beschäftigte, konzentrierte man sich in der Schöneberger Kulturbehörde zunächst auf das Viertel um den Bayerischen Platz. Im Herbst eröffnete die Schöneberger Kunstamtsleiterin Katharina Kaiser ihre erste Ausstellung in der bezirkseigenen Galerie „Haus am Kleistpark“. Im Mittelpunkt stand die Alltagswelt der früheren jüdischen Einwohner. Dabei stützte sich die studierte Kulturwissenschaftlerin hauptsächlich auf Interviews mit Zeitzeugen und auf Exponate, die ihr die Gesprächspartner zur Verfügung gestellt hatten. Neben Informationsveranstaltungen und Besuchen von Zeitzeugen, initiierte sie im Zehnjahresrhythmus weitere Gedenkveranstaltungen. 1993 konfrontierte sie Passanten und Bewohner des Quartiers mit einer Aktion der Berliner Künstler Renate Stih und Frieder Schnock: An 80 Lampenmasten der Gegend wurden Schilder mit Abbildungen von Alltagsgegenständen und mit Zitaten aus antijüdischen Gesetzen und Verordnungen der Jahre 1933 bis 1945 angebracht. 2003 entstand eine vielbeachtete Ausstellung über „Verfolgung und Verwaltung“ in Zusammenarbeit mit dem „Haus der Wannsee-Konferenz“ (www.ghwk.de).
2005 schließlich konnte Katharina Kaiser das Rathaus selbst zum Gedenkort erheben. Bis heute richtet sie als Kuratorin – in Zusammenarbeit mit anderen Mitstreitern – den Ausstellungssaal ein. Immer wieder entstehen neue Mappen. Geschrieben werden sie von Zeitzeugen, häufig auch von Familienmitgliedern der zweiten und dritten Generation oder von Fachwissenschaftlern. Gegenwärtig sind zwei Präsentationen in Vorbereitung. 2005 gründete Katharina Kaiser mit einigen Mitstreitern den Verein „frag doch!“ (www.verein-fragdoch.de), der nach ihrer Pensionierung 2012 die offizielle Trägerschaft für die Ausstellung übernahm und sich verpflichtete, das nötige Geld für den laufenden Betrieb einzuwerben: eine ehrenvolle – und ehrenamtliche – Aufgabe, deren Bewältigung nicht immer leicht ist.
www.wirwarennachbarn.de