16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Ideale und Spannungen

Berliner Tagung leuchtete das Verhältnis zwischen der deutschen Arbeiterbewegung und Juden aus

Von Carsten Dippel

Die Arbeiterbewegung in Europa wurde nicht nur von der Forderung nach einer Umverteilung von Eigentum und Wohlstand zugunsten der verarmten arbeitenden Massen vorangetrieben. Vielmehr wurde sie auch von dem Wunsch nach einer besseren Welt und einer gerechten Gesellschaft beflügelt. Es war daher kein Zufall, dass viele Juden in Europa als Angehörige einer bestenfalls diskriminierten, oft auch verfolgten Minderheit sich zu diesem Zukunftsmodell hingezogen fühlten. So stand das europäische Judentum wie die Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert für das Streben nach Emanzipation, nach gesellschaftlicher Anerkennung und nach der Beseitigung sozialer wie politischer Barrieren.
Daraus ergaben sich vielfach Berührungspunkte, wenn nicht gar Überschneidungen. Zugleich aber kam es zwischen Juden und der Arbeiterbewegung zu Spannungen, Missverständnissen, Misstrauen und Konflikten. Das galt auch für die deutsche Arbeiterbewegung. Ende Januar und Anfang Februar nahm sich das Ludwig Rosenberg Kolleg der Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam mit dem Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien des hochkomplexen Verhältnisses zwischen dem Judentum und der Arbeiterbewegung in Deutschland in einer internationalen Tagung in Berlin an.
Die Arbeiterbewegung besaß für viele, zumal arme Juden eine ungeheure Anziehungskraft. Jack Jacobs (New York) verwies auf die oft führende Rolle, die von Juden in fast allen linken Bewegungen rund um den Globus eingenommen wurde. Die jeweiligen Motive für dieses Engagement konnten ganz unterschiedlicher Natur sein. Was sie verband, war die Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritt – und nicht zuletzt auch auf ein Ausbrechen aus einer religiös-traditionellen Welt, die überkommenen Werten anzuhängen schien.
Ihrerseits tat sich die Arbeiterbewegung mit der „jüdischen Frage“ schwer. Denn antijüdische Vorurteile saßen auch dort tief. In weiten Teilen der Arbeiterschaft herrschte hartnäckiger Antisemitismus. Linke Intellektuelle wiederum betrachteten die „Judenfrage“ aus marxistisch geprägter Sicht, die den Antisemitismus als ein Problem des Kapitalismus sah. Gleichzeitig aber – hierin lag eine der zahlreichen Inkonsequenzen – wurden Juden als Teil ebendieses Problems betrachtet. Der bürgerliche, als wohlhabend betrachtete Jude galt nämlich als Kapitalist.
Als bezeichnend nannte bei der Tagung Anja Jungfer (Potsdam) einen Aufsatz in der kommunistischen Zeitung „Gegen-Angriff“, die ab April 1933 im Prager Exil erschienen war. Der Beitrag zählte auf, welche Juden angeblich zu Hitler stünden. Zu diesen zählte das Blatt die Bürgerlich-Liberalen, die Religiösen und die Zionisten. Nationale und religiöse Konzepte wurden von den Autoren entschieden abgelehnt. Die emanzipatorische Lösung der „Judenfrage“ sah man in einem Aufgehen des Judentums in einem – erst aufzubauenden – sozialistischen Kollektiv der Werktätigen. Das Dilemma, dem sich Juden in der Arbeiterbewegung nicht selten gegenübersahen, war damit ausgerechnet ihre jüdische Herkunft.
Oft fiel es jüdischen Intellektuellen schwer, ihre jüdische Herkunft in der kommunistischen Bewegung offen zu thematisieren. Dies zeigte Stephan Braese (Aachen) am Beispiel des Philosophen Walter Benjamin, für dessen Denken jüdische Tradition ein Bezugsrahmen und eine reiche Quelle war. Gleichzeitig versuchte Benjamin, den jüdischen Wissensfundus zu marginalisieren. Diese Verschleierungstaktik gab er erst nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom August 1939 auf, den er als tiefen Schock empfand. Nun fühlte sich Benjamin frei genug, die für sein Denken so wichtigen jüdisch-traditionellen Motive in seinem Werk „Thesen zum Begriff der Geschichte“ offenzulegen.
Werner Scholem, KPD-Reichstagsabgeordneter, stand hingegen zu seiner jüdischen Herkunft auch als Kommunist. Scholem sah sich dennoch in erster Linie als Vertreter des Proletariats und definierte sein Judentum nicht ethnisch oder konfessionell. Hieraus entsprang denn auch, so Ralf Hoffrogge (Bochum), Scholems universalistische Kritik am Antisemitismus. In der sogenannten Ostjudendebatte im Preußischen Landtag im Jahr 1922 warb Scholem für die volle Freizügigkeit der Migranten, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt. Denn in der Spaltung in assimiliertes Westjudentum und „unerwünschte“ Ostjuden sah er eine große Gefahr.
Der Journalist Egon Erwin Kisch, eine der wohl besten Federn, die das politische Feuilleton im deutschsprachigen Raum je hervorbrachte, war ebenfalls Kommunist und Jude. Weder schämte er sich dessen, noch galt ihm sein Judentum als Auszeichnung. Es sei nichts mehr als das Ergebnis der Geburt. Dennoch interessierte sich Kisch für jüdische Geschichte. Seine Betrachtungen dazu ziehen sich immer wieder durch sein Werk, so zum Beispiel in den „Geschichten aus sieben Ghettos“, die 1934, ein Jahr nach seiner Ausweisung aus Deutschland, erschienen. Kisch zeigte dabei, so Marcus Patka (Wien), in einem kulturhistorischen Sinne großen Respekt für die traditionelle jüdische Welt. Was Kisch mit Blick auf Osteuropa jedoch ablehnte, war der weitverbreitete jüdische Wunderglaube und eine als mittelalterlich empfundene Schtetl-Welt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich eine Reihe jüdischer Kommunisten in der sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der späteren DDR nieder. Einige von ihnen erlangten prominente Positionen im Machtapparat der SED. Ihr Judentum war generell bekannt, wurde aber nicht betont. Judenfreundlich war das DDR-Regime nicht. Regelrechte antijüdische Säuberungen blieben aber aus, sei es, weil es dafür nicht genug jüdische Genossen gab, sei es, weil die offene Verfolgung von Juden dem „ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat“ doch zu peinlich gewesen wäre.