16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Langer Weg

Schweizer Juden feiern 150 Jahre Emanzipation

Von Peter Bollag

Mitte Januar feierte die jüdische Gemeinschaft der Schweiz in der Hauptstadt Bern den 150. Jahrestag ihrer Emanzipation. Der Stichtag war nicht zufällig gewählt: Im Januar 1866 hatte eine Volksabstimmung den jüdischen Schweizern die freie Wahl des Wohnorts zugestanden. Bis dahin mussten Juden in der Schweiz vor allem in den beiden aargauischen „Judendörfern“ Endingen und Lengnau leben. Nun aber öffneten sich ihnen auch die Tore anderer Städte und Orte.
Insofern war 1866 in der Tat eine Zäsur. Ein wirkliches Ruhmesblatt für das Land war die Abstimmung aber kaum. So war der Weg zu dem Volksentscheid überaus steinig. Noch die 1848 beschlossene neue Verfassung hatte die Juden nämlich ausdrücklich von der Niederlassungsfreiheit ausgenommen. Das führte unter anderem dazu, dass vor allem jüdische Handelsleute aus dem Ausland, die sich in der Schweiz niederzulassen versuchten, auf große Hürden stießen: Hürden, für die die Politiker und Wirtschaftsführer der Herkunftsländer wenig Verständnis aufbrachten. Auch wenn der Antisemitismus im Ausland durchaus ausgeprägt war, so ließ sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Kampf um neue Absatzmärkte eben mit den Fingern auf ein Land – nämlich die Schweiz – zeigen, das in der sogenannten Judenfrage offenbar noch rückständiger war.
Vor allem Frankreich, Holland und Großbritannien engagierten sich in dieser Frage. Als sich auch die USA in den Konflikt einschalteten, wurde die Position der Schweiz in der Frage der Niederlassungsfreiheit für Juden noch unhaltbarer. Treibende Kraft auf US-Seite war der damalige US-Botschafter in der Schweiz, Theo Fay. 1859 übergab er der Schweizer Regierung eine Denkschrift „betreffend der Zulassung der nordamerikanischen Israeliten zur Niederlassung in der Schweiz“. Darin protestierte der Botschafter unter anderem dagegen, dass amerikanische Juden in der Schweiz kein Niederlassungsrecht erhielten.
Er bezog sich dabei auch auf den Fall eines Mannes namens Sigmund Mülhauser, der die amerikanische Staatsbürgerschaft besaß und dem der – sonst liberale – Kanton Basel-Stadt 1858 verbot, sich im Stadtkanton niederzulassen. Ein Fall, der hohe Wellen schlug und schließlich sogar einen Kongress-Ausschuss in Washington beschäftigte.
Von da bis zur Einsicht der Schweizer Regierung, dass man wohl nicht allein den ausländischen Juden die Niederlassungsfreiheit gewähren könne und den „eigenen“ Schweizer Juden nicht, war der Weg dann nicht mehr so weit. So schrieb der Schweizer Bundespräsident Jakob Dubs 1864 selbstanklagend: „Wenn wir da einen Ausblick tun auf die Welt, so finden wir mit Beschämung, dass wir in dieser Judenfrage allein stehen oder in einer Gesellschaft, die fast noch schlimmer ist als das Alleinsein.“
Zwei Jahre später kam die Volksabstimmung und damit die Wende. Wohl wahr: Mit 170.000 gegen 150.000 Stimmen fiel die Mehrheit zugunsten der Reform nur knapp aus. Beschlossen war die Niederlassungsfreiheit damit aber schon.
Dennoch war der Weg zur wirklichen Gleichstellung noch lang. So etwa wurde die Glaubensfreiheit erst 1874 eingeführt. Auch blieben den Juden auf dem Weg zur Emanzipation Enttäuschungen nicht erspart. Schon 1893 setzten die Schweizer Stimmbürger wieder ein Zeichen, diesmal allerdings ein negatives. Sie nahmen nämlich ein Schächtverbot an, das bis heute gilt. Zu denken geben vor allem die vulgär-antisemitischen Parolen, die sich hinter der Maske des Tierschutzes versteckten und die Emanzipation von 1866 relativierten. In der Nazizeit mussten Schweizer Juden dann wieder um ihre Stellung kämpfen, wobei die Situation durch das Verhältnis der Schweiz zu jüdischen Flüchtlingen an den Landesgrenzen zusätzlich verschärft wurde.
Bei der Jubiläumsfeier in Bern spielte die Geschichte allerdings keine Rolle: Abgesehen von der Ansprache des Schweizer Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann, der seine Worte vor allem der Gegenwart widmete, beleuchtete das begleitende Kulturprogramm, wie vielseitig die Schweizer jüdische Gemeinschaft sich heute präsentiert. Gleichzeitig wurde eine Ausstellung zum jüdischen Leben in der Eidgenossenschaft eröffnet, die im Laufe des Jahres in einer Reihe von Schweizer Städten gezeigt werden soll. Sie porträtiert verschiedene jüdische Schweizerinnen und Schweizer, vom Fußball-Reporter über den DJ bis zur Kino-Unternehmerin, dem orthodoxen Agronomen und sogar einem jüdischen Alphorn-Bläser, der wohl ganz besonders zeigt, dass die jüdische Gemeinschaft des Landes angekommen ist – zwar mit Verspätung, allerdings mit der festen Absicht, zu bleiben.