16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Tora und Facebook

Das Bildungsprogramm Morasha Germany erreicht immer mehr junge jüdische Erwachsene

Von Olaf Glöckner

Das Freizeitangebot für junge Leute wird in unseren Tagen immer vielfältiger. Das macht die Zielgruppen erwartungsvoll und wählerisch zugleich. Darauf müssen sich auch jüdische Bildungsprogramme einstellen und um Resonanz kämpfen.
Zu Anbietern, die das erfolgreich tun, gehört Morasha Germany, deren Anfänge bis 2007 zurückreichen. In einem kleinen koscheren Café in Berlin-Mitte trafen sich seinerzeit junge Damen und Herren einmal pro Woche, um in lockerer, entspannter Atmosphäre über Tora, Talmud und jüdisches Selbstverständnis zu diskutieren. Jeder Interessierte war, unabhängig von Vorkenntnissen, willkommen. Bald entwickelte sich daraus eine eigene, selbstbestimmte Studiengruppe, die wiederum zum Vorbild für andere Gemeinden in Deutschland wurde. Selbstgesetztes Ziel der Organisation ist es, jungen Erwachsenen den Zugang „zum bunten jüdischen Leben“ in Deutschland zu erleichtern. Heute finden sich Morasha-Lerngruppen in Berlin, Chemnitz, Dortmund, Essen, Frankfurt am Main, Fürth, Karlsruhe, Leipzig, München, Osnabrück und Stuttgart. Unterstützt und begleitet werden sie von der Ronald S. Lauder Foundation.
Morasha Germany ist einerseits ein kreativer Selbstläufer, wird aber auch von der globalen, weltweit in insgesamt rund 100 Städten tätigen jüdischen Bildungsinitiative „Morasha Olami“ und vom Bund traditioneller Juden in Deutschland (BtJ) unterstützt. Jede lokale Lerngruppe setzt sich spontan zusammen, entwickelt eigene Vorstellungen darüber, welche Teile der jüdischen Tradition sie besonders betonen möchte und wie diese in die jüdische Gemeinschaft eingebracht werden können. „Es gibt kein vorgegebenes Curriculum, und das scheint ein Vorteil zu sein“, betont Noah Kunin, bis vor kurzem Morasha-Programmdirektor. „Die jungen Menschen entscheiden selbst über ihre Lektüre und suchen gemeinsam Antworten darauf, was die jüdische Tradition heute für das private und öffentliche Leben bedeutet.“ Als Konkurrenz zu den jüdischen Gemeinden betrachtet man sich nicht, vielmehr als Ergänzung. „Morasha knüpft an die Arbeit der Jugendzentren an“, sagt Kunin, „und wendet sich vor allem an Studenten und Erwachsene im Alter von 18 bis 30 Jahren.“
Wenn die „Chemie“ in den Lerngruppen stimmt, entsteht häufig auch mehr Lust auf gelebte Gemeinschaft. Regelmäßig feiern Morasha-Studenten zusammen Schabbat oder treffen sich an jüdischen Feiertagen. Sehr beliebt ist der jährliche „nationale Shabbaton“, bei dem sich die Teilnehmer in einer europäischen Großstadt – wie Amsterdam 2014 und Prag 2015 – für ein gemeinsames Studien-Wochenende treffen. Als mindestens ebenso attraktiv erweisen sich inzwischen angebotene Morasha-Auslandsreisen, bei denen historische Spurensuche, Naturerlebnisse und gemeinsames Studium kombiniert werden. Noah Kunin erklärt: „Auf der einen Seite gibt bei diesen Reisen grandiose Plätze der biblischen jüdischen Geschichte zu besuchen. Auf der anderen Seite gibt es Raum für intensive Gruppenerlebnisse, sei es eine Klettertour an Wasserfällen, ein Tag bei Schafhirten in Galiläa oder eine Safari durch die Wüste.“
Einige Morasha-Gruppen haben sich inzwischen so dynamisch entwickelt, dass dies nun den jüdischen Gemeinden vor Ort und ähnlichen Initiativen zugutekommt. Junge Frauen und Männer entschließen sich, Arbeitskreise und Vereine zu übernehmen, oder beginnen ein eigenes Engagement beim Bundesverband Jüdischer Studierender in Deutschland. Andere entwickeln eigene Projekte und Netzwerke zur Stärkung der jüdischen Tradition in jungen Familien, wie beispielsweise die Initiative „Jewish Experience“ in Frankfurt am Main.
Um besonders motivierten jungen Leuten eine erweiterte Perspektive für ihr ehrenamtliches Engagement zu eröffnen, bietet Morasha Germany mittlerweile auch lokale Seminare „Social Justice & Leadership“ an. Im Rahmen dieses Programms lernen die Teilnehmer viele verschiedene Facetten der Gemeindearbeit vor Ort kennen und werden so für spezielle Herausforderungen und Probleme der jüdischen Gemeinden sensibilisiert. Damit will Morasha auch einen Beitrag zur langfristigen Stärkung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland leisten.
Bei aller Eigenständigkeit der lokalen Gruppen hat es sich als effizient erwiesen, die Arbeit der Gruppen ein Stück weit aufeinander abzustimmen und zu koordinieren. Seit 2012 liegt dies in der Hand von einigen jungen Menschen, die zuvor eine solide jüdische Ausbildung in Einrichtungen der Ronald S. Lauder Foundation erhalten haben. Als Morasha-Direktor fungiert der ursprünglich aus England stammende und heute in Berlin ansässige Rabbiner David Rose. Noah Kunin, ursprünglich aus Connecticut (USA) kommend und über den Umweg Israel nach Deutschland gekommen, betreute über Jahre hinweg das Tora Zentrum Leipzig und baut nun die Morasha-Gruppe in Berlin aus. In Leipzig hat er auch Pawel Segal kennengelernt, einen jungen Zuwanderer aus der ukrainischen Stadt Tschernihiw (Tschernigow), der ebenfalls viel in den Aufbau von Seminaren investierte und der nun die Zentrale von Morasha Germany in der Hauptstadt managt.
Doch nicht nur im Führungsteam von Morasha geht es sehr international zu. „In Berlin und in München treffen wir inzwischen viele junge Israelis, die für längere Zeit in Deutschland bleiben wollen“, erzählt Noah Kunin. „Einige bieten bei uns Hebräisch-Intensiv-Projekte an, das heißt, sie vermitteln Hebräisch-Kenntnisse, die dann wiederum gleich zur Textlektüre verwendet werden können.“ Auch italienische Juden interessieren sich zunehmend für die Seminare. Kein Zweifel, Morasha Germany ist schon jetzt ein wichtiger Baustein für die jüdische Bildung von jungen Erwachsenen in Deutschland – und eine wichtige Investition in die Zukunft.