16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Bereit für die Zukunft

Bei der Jewrovision 2016 kochte das Mannheimer Congress Centrum Rosengarten fast über / 400 Akteure begeisterten 2000 Zuschauer

Von Helga Boschitz

„Es ist mir wichtig, dass ich mit anderen jungen Leuten aus ganz Deutschland meinen Glauben und meine Traditionen teilen kann, dass die jüdische Kultur wieder einen festen Platz in Deutschland bekommt – und dass wir dabei auch noch jede Menge Spaß zusammen haben!“ So ernsthaft und gleichzeitig jugendlich-unbekümmert fasst der 13-jährige Max aus Karlsruhe seine Motivation zusammen, Teil der Jewrovision zu sein. Damit hat er ziemlich genau den Kern der Sache beschrieben: Die Jewrovision, die sich nach dem Vorbild des internationalen Eurovision Song Contest in den 15 Jahren ihres Bestehens zu Europas größtem jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb gemausert hat, will jüdische Identität stärken. Sie will junge Menschen motivieren, ihre Religion, ihre Werte und Traditionen selbstbewusst zu leben und sie an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Und was könnte dazu besser geeignet sein als so ein buntes, fröhliches, lautes Event voll Musik, Rhythmus und Lebensfreude?
Die Jewrovision rockt – da sind sich nicht nur die Jugendlichen einig. Auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, outete sich als „Jewro“-Fan. Seit 2013 richtet der Zentralrat die Jewrovision aus. In Mannheim wurde der Zentralratspräsident vom Vorsitzenden der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden, Rami Suliman, und der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Mannheim, Schoschana Maitek-Drzevitzky, flankiert und begrüßte auch die zahlreich anwesenden anderen Vorstände jüdischer Gemeinden in Deutschland sowie zwei Vertreter der Genesis-Stiftung, die die Veranstaltung unterstützt.
Die diesjährige Jewrovision hat wieder einmal sämtliche Rekorde gebrochen: Mit 400 Akteuren aus 18 Jugendzentren und rund 2000 Zuschauern im voll besetzten Mozartsaal des Mannheimer Congress Centers Rosengarten hat der Wettbewerb an Beliebtheit noch gewonnen. Aus fast allen Ecken Deutschlands waren die Teilnehmer gekommen: Hannover und Düsseldorf, Gelsenkirchen, Oldenburg, München, Recklinghausen und Dortmund, Berlin und Stuttgart, Frankfurt am Main, Köln und Wiesbaden. Teilnehmer aus mehreren kleinen jüdischen Gemeinden aus dem badischen und dem bayerischen Raum hatten sich zu je einer Gruppe zusammengeschlossen. Zum ersten Mal dabei waren Jugendliche aus Halle und aus Osnabrück.
Alle hatten sie sich dem wohlwollenden und dennoch unerbittlichen Urteil einer prominenten Jury zu stellen. Als Jurorin trat schon zum zweiten Mal die Schauspielerin Rebecca Siemoneit-Barum auf, ihr zur Seite standen die Moderatorin Andrea Kiewel, der Mannheimer Soulmusiker Billy Davis, Schauspieler und Unternehmer Shai Hoffmann, Rapper Ben Salomo, Seriendarsteller Raúl Richter („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“) sowie als jüngster Juror der Gewinner der SAT.1-Castingshow „The Voice Kids“ Noah Levi, der sein beachtliches stimmliches Können mit mehreren Songs live unter Beweis stellte. Auch Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats, und Nachumi Rosenblatt, der Jugendreferent der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), mussten als Juroren über die Qualität der 18 Auftritte befinden.
Und die konnte sich durchaus sehen und hören lassen, auch wenn nicht jeder Ton und jeder Schritt hundertprozentig saß. Den Spaß und die Leidenschaft für das gemeinsame Tun brachten alle Gruppen so deutlich zum Ausdruck, dass das Publikum von Anfang an begeistert mitging und mit teils ohrenbetäubenden Sprechchören und Gesängen die jeweilige „Heimatgruppe“ anfeuerte.
Das jährlich wechselnde Motto der Veranstaltung soll kreativ und mit glaubwürdiger Botschaft in die Darbietungen eingebunden werden. 2016 lautete es „Next Generation – Ledor Wador“. Gemeint war das Gebot, Werte und Traditionen von Generation zu Generation weiterzugeben und Verantwortung für die Zukunft der jüdischen Gemeinden und des jüdischen Lebens in Deutschland zu übernehmen. Dass die jungen Menschen diese Aufgabe sehr ernst nehmen, wurde deutlich. „Wir müssen uns ändern, bevor alle kentern, die Zukunft liegt in unserer Hand“, rappten etwa die Kids des Düsseldorfer Jugendzentrums Kadima. „Keine Sorge, diese Welt wird bald wunderbar – wir sind die Generation, in der Maschiach kommt“, sangen optimistisch die Jugendlichen von Chesed Gelsenkirchen. Und die Jungs und Mädchen von Chasak Hamburg verkündeten: „Es gibt noch viel zu tun – wir stehen jetzt auf, hört zu – wir machen den Schritt und bewegen ganz Deutschland!“ Bekannte Pop-, Rock- und Rapsongs, vereinzelt auch Schlager- und Swing-Klassiker wurden fantasievoll interpretiert und mit historischen Bezügen, religiösen Statements und Bekenntnissen zu Frieden und multikulturellem Miteinander aufgepeppt. So gerieten die Show-Acts zu selbstbewussten Darstellungen jüdischer Identität und letztlich zu einer Kampfansage an antijüdische Ressentiments in Deutschland.
Da sah man die jüdischen wie nichtjüdischen Ehrengäste im Saal begeistert applaudieren und mitwippen, sogar lautstarke „Bravo“-Rufe kamen aus der ersten Reihe. Während sich die Jury zur Punktevergabe zurückzog, brachte der israelische Sänger „Golden Boy“ Nadav Guedj als Special Act den Saal noch einmal zum Kochen. Er hatte 2015 Israel bei der Eurovision vertreten und es dort auf den neunten Platz gebracht. So war das Publikum trotz der späten Stunde außer Rand und Band, als sich die Jury zur Urteilsverkündung auf der Bühne versammelte. Und bald darauf durften die Gastgeber jubeln: Souverän gewannen zum zweiten Mal in Folge die Jugendlichen von Or Chadash Mannheim und nahmen strahlend den Siegerpokal entgegen. Das Jugendzentrum Chai Hannover wurde zweiter Sieger, den dritten Platz belegte Amichai Frankfurt am Main.
Ob die Jewrovision 2017 wieder in Mannheim stattfinden wird, steht noch nicht fest. Klar ist jedoch schon eines: Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist gerüstet für die Zukunft.