16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Kompromiss

Israelische Regierung billigt die Schaffung eines nichtorthodoxen Gebetsareals an der Westmauer

In dem seit Jahren schwelenden Streit um die Möglichkeit nichtorthodoxen Gebets an der Jerusalemer Westmauer konnte ein Kompromiss erzielt werden. Ende Januar machte sich die israelische Regierung die Empfehlungen einer Expertenkommission zu eigen, die die Schaffung eines neuen, zusätzlichen Vorplatzes für nichtorthodoxe Beter vorsehen. Der bisherige Vorplatz wird, so der Regierungsbeschluss, weiterhin nur für den orthodoxen Ritus bestimmt sein. Südlich davon – also zur Rechten, wenn man mit dem Gesicht zur Mauer steht – entsteht ein neues, mit allen erforderlichen Kultgegenständen ausgestattetes Areal. Dieses wird ausschließlich Gebeten und Gottesdiensten dienen, die nicht der orthodoxen Praxis entsprechen. Dazu gehören Gebete und Gottesdienste, bei denen Frauen und Männer nicht getrennt, sondern gemeinsam beten. Dieses Areal richtet sich, so die von der Regierung übernommenen Empfehlungen, vor allem an die reformierte und die konservative Strömung des Judentums. Aber auch die Organisation „Frauen der Mauer“, die sich für das Recht von Frauen einsetzt, an der Westmauer aus der Tora vorzulesen und mit Talit (Gebetsschal) und Kippa zu beten, soll in der nichtorthodoxen Sektion ihren Platz finden.
Die neue Sektion wird unweit des sogenannten Robinson-Bogens errichtet – des vom Amerikaner Edward Robinson vor 180 Jahren entdeckten Überbleibsels eines Bogenbaus aus der Tempelzeit. Damit wird auch sie an der Westmauer liegen, die bekanntlich viel länger als der heutige Vorplatz ist. Die orthodoxe Sektion wird vom (orthodoxen) Rabbinat der Westmauer verwaltet, während für die neue Sektion ein eigener Verwalter und ein separates Aufsichtsgremium ernannt werden sollen. Dennoch sollen beide Sektionen einen zusammenhängenden Komplex bilden und durch einen gemeinsamen Eingang erreichbar sein. Beide werden für alle Besucherinnen und Besucher zugänglich sein, doch müssen sich diese nach dem Brauch der jeweiligen Sektion richten.

wst