16. Jahrgang Nr. 2 / 26. Februar 2016 | 17. Adar I 5776

Ohne uns

Rechtspopulisten sind keine Bündnispartner der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland

Von Josef Schuster

In letzter Zeit sind wir Zeuge einer bizarren Erscheinung: Vor dem Hintergrund der Flüchtlingswelle, die Deutschland erreicht hat, bekunden rechtspopulistische Kreise Sympathie für die jüdische Gemeinschaft und Verständnis für unsere Sorgen. Sie versuchen den Anschein zu erwecken, ausländerfeindliche Rechte und Juden seien eine Art natürliche Partner im „Kampf“ gegen die ihrer Meinung nach von den mehrheitlich muslimischen Flüchtlingen ausgehenden Gefahren.
Dass hinter solchen Allüren ein wirkliches Verständnis für jüdische Anliegen, geschweige denn ein echter Wunsch nach Nähe zu Juden steht, muss man bei realistischer Einschätzung bezweifeln. Gegenwärtig richten sich die von den Rechtspopulisten genährten Ressentiments gegen Flüchtlinge und Muslime. Es gibt aber keinen Zweifel daran, dass sie sich auch gegen Juden kehren würden, sobald dies den selbsternannten Volkstribunen opportun erscheint. Zum Teil sind antijüdische Stimmungen in rechtsextremen Kreisen natürlich auch jetzt schon unverhohlen anzutreffen. Der Wunsch, sich dennoch mit Juden sozusagen schmücken zu wollen, sollte daher als das erkannt werden, was er ist: ein Griff in die Taktik-Kiste.
Wir brauchen keine Warnungen von rechts, um zu erkennen, dass das Einsickern gewaltbereiter Islamisten – die allerdings eine kleine Minderheit der Flüchtlinge darstellen – für die deutsche Gesellschaft als Ganzes und für unsere Gemeinschaft Risiken mit sich bringt. Jüdische Einrichtungen hierzulande gelten schon seit langem als gewaltgefährdet, und zwar, wohlgemerkt, auch durch Extremisten von rechts. Diesen Gefahren muss begegnet werden, doch ist die von rechten Kreisen vom Zaun gebrochene Hetze gegen Ausländer, gegen Muslime und letztendlich gegen alles „Fremde“ nicht der dafür geeignete Weg. Nicht nur, dass Hetze und Gewalt auf der Grundsatzebene abzulehnen sind. Sie werden – anders als von den Propagandisten des Hasses behauptet – die innere Sicherheit in Deutschland nicht etwa verbessern, sondern verschlechtern.
Unsere wahren Verbündeten im Kampf gegen Hass und Gewalt sind die demokratischen Kräfte in der deutschen Politik und Gesellschaft, und zwar nicht erst im letzten Jahr, sondern von jeher. Gerade die jüdische Erfahrung lehrt uns, dass eine freie, tolerante, rechtsstaatliche – und natürlich auch wehrhafte – Demokratie unersetzlich ist. Ethnozentrische Panikmache hat darin keinen Platz. Insofern dürfen sich die Juden in Deutschland nicht im Namen einer imaginären Interessengemeinschaft vor den rechtspopulistischen Karren spannen lassen.
Das und mehr: In großen Teilen der deutschen Bevölkerung scheint sich der Eindruck festgesetzt zu haben, Juden und Moslems seien eine Art „natürliche“ Feinde. Dazu muss man deutlich sagen: Auch wenn uns klar ist, dass radikale muslimische Kreise in uns in der Tat Feinde sehen, unterstellen wir keineswegs „den“ Moslems, diese Auffassung zu teilen. Aus jüdischer Sicht gibt es ohnehin keinen Grundsatzkonflikt mit dem Islam. Trotz theologischer Unterschiede erkennt das Judentum den Islam als eine streng monotheistische Religion an. Im Lauf von Jahrhunderten lebten Juden und Moslems in vielen Ländern zusammen. Es ist kein Zufall, dass sich die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik heute aktiv an der Hilfe für die Flüchtlinge beteiligt. Diese Hilfe war auch ein Schwerpunkt des letzten, vom Zentralrat der Juden in Deutschland initiierten und von zahlreichen jüdischen Gemeinden und Organisationen und Tausenden von Freiwilligen – darunter auch dem Verfasser dieser Zeilen – durchgeführten Mitzvah Day im November 2015.
Wir sind, wie gesagt, für die Wirklichkeit nicht blind. Wir verkennen auch nicht die Tatsache, dass Zuwanderer aus arabischen Ländern über Jahrzehnte mit antiisraelischen und antijüdischen Klischees aufgewachsen sind. Das schafft einen Nährboden für Antisemitismus, und es wäre gefährlich, wenn dieser sich in Deutschland weiterentwickeln würde. Allerdings lässt sich auch diese Gefahr nicht mit rechtsextremer „Hilfe“ bannen. Partner für eine unheilige Allianz mit Rechtspopulisten wollen und werden wir jedenfalls nicht sein.

Dr. Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland