22.02.2016

Schuster: Erfolg der Rechtspopulisten erschreckt mich

Interview von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung", 20.02.2016

Dr. Josef Schuster.

Osnabrück. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, spricht im Interview mit unserer Redaktion über wachsende Judenfeindlichkeit in Deutschland, die Risiken des Flüchtlingszuzugs und die Beliebtheit der Neuauflage von „Mein Kampf“.

Herr Schuster, inwiefern spüren Sie, dass antisemitische Strömungen in Deutschland zunehmen?

In den jüdischen Gemeinden sitzen immer noch die Erfahrungen aus dem Sommer 2014 wie ein tiefer Stachel. Es war erschreckend, was wir während des Gaza-Konflikts auf deutschen Straßen gesehen und gehört haben. Das hat zu einer deutlichen Verunsicherung geführt und die Frage nach der dauerhaften Existenz jüdischer Gemeinden in Deutschland aufgeworfen.

Was genau macht Ihnen Sorgen?

Mich beunruhigt, dass die politische Stimmung in unserer Gesellschaft offensichtlich nach rechts abdriftet. Damit meine ich zum Beispiel den Erfolg der AfD: Da entwickelt sich eine rechtspopulistische Partei, die Vertreter rechtsradikaler Positionen in ihren Reihen hat und sich nicht genügend davon abzugrenzen vermag oder nicht abgrenzen will. Dass diese Partei bei den kommenden Landtagswahlen auf zweistellige Ergebnisse hoffen kann, erschreckt mich.

Welche Rolle spielen mit Blick auf ein Erstarken des Antisemitismus muslimische Flüchtlinge?

Das ist ein wichtiges Thema, weil unter den Zuflucht Suchenden ein erheblicher Anteil arabischstämmiger Menschen ist, die mit juden- und israelfeindlichen Stereotypen aufgewachsen sind. Diese Einstellung streifen die Flüchtlinge ja nicht einfach ab, wenn sie die deutsche Grenze überqueren. Und ich habe die Erfahrungen während des Gaza-Konflikts 2014 erwähnt: Wenn ich mir vorstelle, wir kämen heute in eine ähnliche Situation, weiß ich nicht, was wir dann auf deutschen Straßen erleben würden.

Das klingt gefährlich.

Ich möchte da nicht missverstanden werden: Ich schere nicht alle Menschen, die zu uns kommen, über einen Kamm. Aber selbst wenn nur ein Prozent gewaltbereit gegen Juden ist, dann sind das bei einer Million Flüchtlinge 10 000 Menschen. Das wäre dann schon eine Größenordnung, die ich als ernsthaft bedrohlich für die jüdischen Gemeinden in Deutschland bezeichnen würde.

Was schlagen Sie vor, um dieser Gefahr zu begegnen?

Den Menschen, die zu uns kommen, muss klar werden, dass antisemitisches Verhalten in Deutschland nicht toleriert wird. Das gehört als Thema in die Integrationsarbeit und muss dort offensiv angesprochen werden. Andere Grundsätze wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau sind ohne Zweifel ebenso wichtig. Doch die Ablehnung von Antisemitismus und die Anerkennung des Staates Israel sind zentrale Punkte, die in Integrationsmaßnahmen zwingend eine Rolle spielen müssen. Es gilt, deutlich zu machen, welches Verhalten in Deutschland angemessen ist und welches nicht. Auch die Bundesregierung hat erfreulicherweise ja unmissverständlich klar gemacht, dass die Existenz jüdischer Gemeinden in Deutschland von niemandem infrage gestellt werden darf.

Wie zeigt sich diese Verunsicherung in den jüdischen Gemeinden ganz konkret?

In den Gemeinden gibt es durchaus besorgte Diskussionen, in welche Richtung die Gesellschaft sich entwickelt und welchen Platz Juden künftig in dieser Gesellschaft haben. Auch Fragen der Sicherheit spielen – natürlich auch wegen der Terroranschläge von Paris – eine größere Rolle. Ich sehe derzeit allerdings keine jüdische Auswanderungswelle aus Deutschland bevorstehen. Aber noch vor einem Jahr habe ich nach den Anschlägen auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ in Paris voller Überzeugung gesagt, dass Überlegungen zur Auswanderung aus Deutschland in jüdischen Gemeinden kein Thema sind. Das würde ich heute in dieser Form nicht mehr sagen. Die Gedanken darüber sind inzwischen deutliche präsenter.

Wie reagieren Sie darauf?

Es werden sehr häufig gedanklich Vergleiche zu den 1930er-Jahren gezogen. Doch da gibt es ja einen wesentlichen Unterschied, und das ist die Einstellung des Staates. Auf Regierungsebene herrscht schließlich absoluter Konsens, dass es keinerlei Vorbehalte gegen jüdisches Leben in Deutschland gibt, sondern im Gegenteil Schutz und Förderung. Deshalb sehen weder ich noch der Zentralrat der Juden insgesamt jüdisches Leben in Deutschland ernsthaft gefährdet.

Noch einmal zur Flüchtlingsfrage: Welche Kräfte könnten in dieser aufgeladenen gesellschaftlichen Stimmung deeskalierend wirken?

Da sind Kirchen und muslimische Organisationen ebenso gefragt wie Arbeitgeber- und Arbeitnehmer- oder Wohlfahrtsverbände und Sportvereine. Diese Organisationen und Einrichtungen haben das auch erkannt. Gemeinsam haben wir in der vergangenen Woche die "Allianz für Weltoffenheit" gegründet und einen Aufruf veröffentlicht, in dem wir klar den Schutz der Menschenwürde an die oberste Stelle rücken. Darin machen wir sehr deutlich, wie wichtig es auf der einen Seite ist, Menschen in Not zu helfen, auf der anderen Seite aber auch, dass die Zuwanderer die Werte unserer Gesellschaft verinnerlichen müssen.

Welche Verantwortung sehen Sie zur Lösung der Flüchtlingskrise bei der EU?

Es wäre die wünschenswerteste Möglichkeit, entsprechend der Leistungs- und Wirtschaftskraft der verschiedenen Länder innerhalb der Europäischen Union Kontingente zur Verteilung von Flüchtlingen zu schaffen. Aber diese Entwicklung sehen wir derzeit ja leider nicht. Dabei ist es doch klar, dass es beim besten Willen nicht machbar sein wird, dass ein, zwei oder drei Länder in Europa die Gesamtlast der Flüchtlingszuwanderung tragen.

Anfang des Jahres wurde eine kommentierte Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ veröffentlicht. Die erste Auflage ist schon vergriffen, so groß ist die Nachfrage. Beunruhigt Sie das?

Nein, das beunruhigt mich gar nicht. Es war klar, dass mit dem Erscheinen dieses Buches ein großes Interesse einhergehen würde. Aber die kommentierte Ausgabe wird einem Rechtsextremisten wenig Freude bereiten. Ich kann mir niemanden vorstellen, der das Buch mit der Vielzahl an Kommentaren von Seite eins bis 2000 liest. Durch die wissenschaftliche Einordnung demaskiert diese Ausgabe den Inhalt von „Mein Kampf“ sehr gut.

Interview: Franziska Kückmann