16.02.2016

"Ansporn, unseren Beitrag zu einer solidarischen Gesellschaft zu leisten"

Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster zur Verleihung des Jakob Herz Preises 2016 der Medizinischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, 12.02.2016, Erlangen

Dr. Schuster bei der Preisverleihung.

Anrede,

wir ehren heute einen herausragenden Mediziner und Forscher: Professor Fred Gage hat mit seinen bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der adulten Neurogenese und in der Stammzelltechnologie zu neuen Erkenntnissen und einem deutlich besseren Verständnis schwerer Gehirnerkrankungen beigetragen. Gerade angesichts der steigenden Zahlen von Demenzkranken sind seine Forschungsergebnisse wertvoller denn je.

Ich möchte dem Laudator nicht vorgreifen, aber an dieser Stelle schon dem Preisträger meinen tiefen Respekt und meine Hochachtung ausdrücken!

Es ist eine große Freude für mich, dass ich heute zu diesem Anlass sprechen darf. Als normalsterblicher niedergelassener Internist ist mir dies eine besondere Ehre!

Wir begehen in diesem Jahr zugleich den 200. Geburtstag von Jakob Herz.

Lassen Sie mich auf das Leben und Wirken von Jakob Herz kurz eingehen. Denn seine Biographie ist geradezu exemplarisch für den Werdegang jüdischer Wissenschaftler im 19. Jahrhundert und für den Umgang der Mehrheitsgesellschaft mit jüdischen Persönlichkeiten bis in die heutige Zeit.

1816 in Bayreuth geboren, begann Jakob Herz 1835 sein Medizinstudium hier in Erlangen. Schon vier Jahr später promovierte er über Klump-Füße und wurde OP-Assistent bei Professor Louis Stromeyer. Sie entwickelten eine Operationstechnik, die erstmals Menschen mit Klump-Füßen wirklich half, so dass zahlreiche Patienten mit diesem Leiden nach Erlangen kamen.

1841 wechselte Herz als Assistent von der orthopädischen in die chirurgisch-augenärztliche Abteilung des Universitätskrankenhauses und wurde Prosektor am anatomischen Institut. In dieser Zeit hielt er bereits Vorlesungen und war beliebter als einige der Professoren.

1854 stellte er ein Habilitationsgesuch – das abgelehnt wurde. Denn Jakob Herz hatte die falsche Konfession, er war jüdisch. Nur dies spielte eine Rolle. Vor allem Professor Johann Michael Leupoldt, der einer christlich-germanischen Auffassung der Heilkunde anhing, votierte gegen Herz. Der Senat erklärte, eine grundsätzliche Voraussetzung für die Habilitation an einer bayerischen Hochschule sei die Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession.

Dies änderte sich erst 1861, als Juden in Bayern rechtlich fast die völlige Gleichstellung erhielten. Der Senat der Universität Erlangen stellte ein Gesuch, Jakob Herz zum außerordentlichen Professor zu ernennen. Er wurde zunächst aber nur Honorarprofessor. Erst als er drohte, die Stadt zu verlassen, wurde er 1863 schließlich zum außerordentlichen Professor ernannt – der erste jüdische Professor in Bayern. 1867 wurde Jakob Herz Ehrenbürger von Erlangen.

Im deutsch-französischen Krieg übernahm er die Leitung eines Spitalzugs, was sich angesichts seiner angeschlagenen Gesundheit als zu große Belastung erwies: 1871, im Alter von nur 55 Jahren, starb Jakob Herz.

Dann geschah etwas Ungewöhnliches: Nur vier Jahre nach seinem Tod wurde ein Denkmal für ihn enthüllt – obwohl er Jude war. Das muss man so betonen. Es war das erste Denkmal, das einem Juden in Bayern gewidmet wurde.

Die Jahrhundertwende und das beginnende 20. Jahrhundert waren, was die gesellschaftliche Anerkennung und Integration betraf, eine gute Zeit für Juden in Deutschland. An den Universitäten waren zunehmend jüdische Wissenschaftler anzutreffen. Verleger, Journalisten, Schriftsteller, Komponisten, Schauspieler – unter den namhaften Intellektuellen fanden sich viele Juden, ebenso wie unter erfolgreichen Kaufleuten und Unternehmern, denken Sie etwa an die großen Warenhäuser wie Wertheim oder eine Bank wie Sal. Oppenheim.

Obwohl der Antisemitismus nie verschwunden war, fühlten sich die deutschen Juden als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Ebenso wie andere Deutsche hefteten sie sich stolz das Eiserne Kreuz aus dem Ersten Weltkrieg an die Brust und stellten sich im Dezember einen Weihnachtsbaum ins gut-bürgerliche Wohnzimmer.

Es ist also nicht erstaunlich, dass auch viele Juden Hitlers Reden zunächst als nicht ernst zu nehmendes Geschwätz eines Emporkömmlings abtaten. Genauso wie weite Teile des Bürgertums. Sie glaubten an das Land der Dichter und Denker.

Was für ein Irrtum!

Wenn wir nur allein auf unseren Berufsstand schauen, auf die Mediziner, wird deutlich, wie gründlich und systematisch die Nazis zu Werk gingen:

Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 erließen sie das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufbeamtentums. Sämtliche jüdischen Dozenten mussten die Universitäten verlassen.

Jüdischen Ärzten wurde ab 1933 systematisch die Existenzgrundlage entzogen. Sie wurden aus Kliniken und Instituten entlassen und verloren ihre Kassenzulassung. Juden wurden vom Studium ausgeschlossen. 1938 folgte das endgültige Berufsverbot für jüdische Ärzte.

Viele Mediziner entschlossen sich, Deutschland den Rücken zu kehren. Das war nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein seelischer Kraftakt. Nicht wenige mussten ihre Eltern oder andere Angehörige sowie ihren Besitz zurücklassen.

Rund die Hälfte der jüdischen Ärzte war bis 1937 emigriert. Von ihnen kehrten nach 1945 nur rund fünf Prozent nach Deutschland zurück. Manchen war der rettende Schritt ins Ausland verwehrt, manche entschieden sich zu spät zur Flucht. Nach Schätzungen überlebte rund ein Viertel der insgesamt 8.000 deutschen jüdischen Ärzte die Shoa nicht.

Auch Jakob Herz zählte unter den Nationalsozialisten natürlich nicht mehr zu den Menschen, denen man ein ehrendes Andenken bewahren wollte. Schon 1933 wurde sein Denkmal vom Luitpoldplatz entfernt und das Material vermutlich zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Eine Straße, die in Bayreuth nach ihm benannt war, benannten die Nazis um.

Und es ist auch symptomatisch und nicht untypisch, wie lange es dauerte, bis sich Bürger nach dem Krieg wieder seiner erinnerten. 1967 – also 22 Jahre nach Kriegsende – wurde an seinem früheren Wohnhaus eine Gedenktafel enthüllt. 1983 folgte eine Stele zum Gedenken, die später noch um weitere Gedenktafeln ergänzt wurde. 2009 vergab diese Universität erstmals den Jakob-Herz-Preis.

Diesen Beschluss der Friedrich-Alexander-Universität begrüße ich sehr. Einen Preis nach einem jüdischen Wissenschaftler zu benennen, dessen Biographie den unseligen Umgang mit Juden in Deutschland widerspiegelt – das zeugt von einer hohen Sensibilität und von Verantwortungsbewusstsein.

Es drückt in meinen Augen auch so etwas wie eine Verpflichtung aus: Die Verpflichtung, auch heute auf unseren Umgang mit Minderheiten oder Andersgläubigen zu achten.

Wir leben in einer Einwanderungsgesellschaft. Wer das bisher nicht wahrhaben wollte, kommt wohl spätestens seit dem vergangenen Jahr um diese Erkenntnis nicht mehr herum. Das heißt: Auch als Ärzte sind wir bei unseren Patienten und auch bei Kollegen mit verschiedenen Kulturen konfrontiert. Das erfordert einen sensiblen Umgang, Kenntnisse und Empathie.

Wie reagiere ich als männlicher Internist, wenn ich bei einer muslimischen Patientin eine Darmspiegelung machen muss? Wie respektiere ich ihre kulturellen oder religiösen Gepflogenheiten, ohne auf eine notwendige Untersuchung zu verzichten?

Damals musste Jakob Herz sich sagen lassen, dass er die falsche Konfession habe, um Professor zu werden. Gibt es ähnliche Vorgänge nicht heute noch? Geben wirklich immer nur fachliche Kriterien bei einer Berufung den Ausschlag? Oder spielen die Konfession, die sexuelle Orientierung, die Herkunft oder die Weltanschauung nicht doch manchmal leise in das Verfahren mit hinein? Diese Fragen sollten wir uns selbstkritisch stellen.

Ebenso wie wir unseren Umgang mit Kollegen anderer Herkunft überprüfen sollten. Interessiert mich ihre Kultur überhaupt? Wenn mir mein muslimischer Kollege völlig gleichgültig ist, lässt es sich bei Diskriminierung viel leichter wegschauen. Gerade in diesen Zeiten - angesichts der Veränderungen und Spannungen in unserer Gesellschaft – sollten wir aktiv aufeinander zugehen.

Welcher Arzt weiß denn, wann der Ramadan ist und ob er in dieser Zeit seinem muslimischen Kollegen vielleicht ein paar anstrengende Dienste abnehmen kann? Wer springt im Herbst an Jom Kippur für den jüdischen Kollegen ein? Wie solidarisch sind wir untereinander?

Die heutige Verleihung des Jakob-Herz-Preises erinnert an einen hervorragenden Mediziner, der durchaus Solidarität erfahren hat, der aber dennoch eine Menge an Zurückweisung einstecken musste. Nehmen wir diesen Preis alle als Ansporn, selbst unseren kleinen Beitrag zu einer solidarischen Gesellschaft zu leisten, oder um es nach einem alten jüdischen Gebot auszudrücken: Tikkun Olam – Mach die Welt ein Stückchen besser!

Ich danke Ihnen!