16. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2016 | 19. Schwat 5776

Wege aus dem Kreis der Gewalt

Rabbiner Jonathan Sacks sprach in Berlin über die abrahamitischen Religionen und die Möglichkeiten, Konflikte zu entschärfen

Von Olaf Glöckner

Esriel Hildesheimer (1820–1899), eine Lichtgestalt der deutschsprachigen Neo-Orthodoxie im späten 19. Jahrhundert, ist vielen als Mitbegründer und Rabbiner der Adass-Jisroel-Gemeinde in Berlin gut bekannt. Internationalen Ruf gewann er durch das ebenfalls von ihm ins Leben gerufene Berliner Rabbinerseminar, das von 1873 bis 1938 orthodoxe Rabbiner für ganz Europa ausbildete. Zeit seines Lebens hatte er das Ziel vor Augen, das jüdische Volk in seiner Gesamtheit zu stärken.
Auch im 21. Jahrhundert hat Hildesheimer seine theologischen und intellektuellen Erben quer über den „Alten Kontinent“. Ein berühmter Gelehrter unserer Zeit, der Hildesheimer als sein spirituelles Vorbild betrachtet, ist der ehemalige britische Oberrabbiner, Theologe und Philosoph Lord Jonathan Sacks, Autor von 25 Büchern und Gastprofessor an Universitäten in Europa, Israel und den USA. Im Dezember sprach Rabbiner Sacks an der Humboldt-Universität zu Berlin zu einem Thema, das die Menschheit seit Urzeiten begleitet und in diesen Tagen nichts an Brisanz verloren hat: „Gewalt und Recht – historische und zeitgenössische Reflektionen“.
Wie viele andere Theologen meint auch Jonathan Sacks, dass eruptive Gewalt nicht nur in politischen und ökonomischen Konflikten wurzeln muss, sondern auch religiös intendiert sein kann. Dass gerade dies in fundamentaler Weise göttlichem Willen widerspricht, schilderte er in Berlin. Das Thema hat er schon zuvor in seinem jüngsten Buch „Not in God’s Name: Confronting Religious Violence“, erschienen im Sommer 2015, aufgegriffen. Rabbiner Sacks untersucht die Wurzeln von Gewalt und ihre Beziehung zur Religion mit einem Fokus auf die historischen Spannungen zwischen den drei abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Er beschreibt diese Religionen als eine Art Verwandtschaft, eine Art Glaubensfamilie – und sieht diese im 21. Jahrhundert vor ihrer bisher größten Herausforderung. „Wenn wir Freiheit für den eigenen Glauben einfordern, müssen wir auch den Glauben der anderen res­pektieren“, sagte er im Senatssaal der Humboldt-Universität vor zahlreich erschienenem Publikum, darunter Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, sowie Professor Christian Waldhoff, Dekan für Öffentliches Recht an der Humboldt-Universität, und Rabbiner Andrew Savage, der neue Deutschland-Direktor der Ronald S. Lauder Foundation.
In Großbritannien hat der eloquente und kommunikative Theologe, Jahrgang 1948, gezeigt, wie man auch auf andere Religionsgemeinschaften zugeht und mit ihnen ins Gespräch kommt. Auch heute sucht Sacks den Kontakt zu Christen und Muslimen, die an einem interreligiösen Austausch interessiert sind. Dabei geht es ihm um eine Verständigung über Werte und Identitäten, aber auch über Verbindendes und Trennendes zwischen den Religionen. Wenn Religion ein Teil des Problems heutiger Gewalt sei, so Jonathan Sacks, „warum kann es nicht auch ein Teil der Lösung sein?“ In seinem Vortrag ging der prominente Redner auf verschiedene Stellen in der Tora ein, in denen familiäre Beziehungen – insbesondere geschwisterliche – zu Konflikten und Hass geführt haben. Eine der größten Rivalitäten, die sich aus der Interpretation der biblischen Geschichten entwickelt habe, sei diejenige zwischen den abrahamitischen Religionen.
Sacks stellte bisherige Versuche vor, Kreisläufe von Gewalt zu stoppen, so etwa durch die Einführung von religiösen Sühneopfern oder durch die Aufwertung von Nächstenliebe als eines bestimmenden Wertemusters. Dies alles, so Sacks, seien Möglichkeiten, kollektive Gewaltspiralen zu unterbrechen, unverzichtbar blieben aber auch Recht und Rechtsprechung. Rechtsprechung ohne Liebe sei harsch, doch Liebe ohne ein Rechtssystem führe ebenfalls wieder zu Gewalt. Daher, resümierte Rabbiner Sacks, müsse das Recht in diesem Fall auch der Liebe einen Rahmen abstecken.
An dieser Stelle arbeitete der Redner deutliche Unterschiede zum christlichen Glaubensverständnis heraus, in welchem rituelle Versöhnung und Liebe als das Primat gelten, um Gewalt in dieser Welt beenden zu können. „Recht ist universal, Liebe ist partikular“, betonte dagegen Jonathan Sacks und fügte hinzu: „G’tt hat diese Welt auf der Basis von Gesetzen geschaffen.“
Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster würdigte in seiner Ansprache sowohl das Werk des prominenten Referenten, als auch die vor wenigen Jahren eingerichtete Vortragsreihe der „Hildesheimer Lectures“, ein Kooperationsprojekt des vom Zentralrat unterstützten Rabbinerseminars zu Berlin und der Humboldt-Universität: „Das ist eine ganz neue Form von Zusammenarbeit. Wir brauchen diesen intellektuellen Diskurs, wir brauchen eine jüdische Debattenkultur, und wir brauchen den Austausch mit der nichtjüdischen akademischen Welt.“