16. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2016 | 19. Schwat 5776

„Das Feuer, das in meinen Händen stirbt“

Es gibt kaum noch Ladino-Sprecher und die nichtjüdische Umwelt hat wenig Interesse an Judäo-Spanisch / Myriam Moscona hat dennoch Gedichte auf Ladino geschrieben

Die Schriftstellerin und Dichterin Myriam Moscona wurde 1955 in Mexico City als Tochter jüdisch-bulgarischer Eltern geboren und wuchs in einem Haus auf, in dem vor allem die beiden Großmütter Ladino, die alte Sprache sefardischer Juden, sprachen. Seit einigen Jahren befasst sich Moscona auch literarisch mit Ladino. In ihrem preisgekrönten, 2012 auf Spanisch verfassten, aber auf Ladino betitelten Roman „Tela de Sevoya“ (Gewebe der Zwiebel) reist die Protagonistin nach Bulgarien, um ihre Wurzeln zu erforschen. 2015 veröffentlichte Moscona einen Ladino-Gedichtband, „Ansina“ (So ist es). Die „Zukunft“ sprach mit der Schriftstellerin über Ladino und über ihren Zugang zu dieser Sprache.

Zukunft: Frau Moscona, es gibt nicht mehr viele Ladino-Sprecher, doch gibt es noch immer Juden, die in Ladino schreiben. Wie viele sind es?
Myriam Moscona: Leider nur noch ganz wenige. Die Generation stirbt aus. Bereits vor 20 Jahren ist Clarisse Nicoidski verstorben. Sie schrieb Romane auf Französisch und Gedichte auf Ladino. Der argentinische Dichter Juan Gelman, der spanisch schrieb, aber auch – obwohl kein Sefarde, sondern Aschkenase – ein Buch auf Ladino verfasste, verstarb 2014. Es gibt wohl Versuche, die Sprache am Leben zu erhalten. Es gibt eine „Ladino-Gemeinschaft“ im Internet. Alles in allem aber ist Ladino, so sehr es schmerzt, eine Sprache der Toten.

Ladino, im wesentlichen Altkastilisch, ist auch ein Teil der spanischen Kultur. Wie groß ist das Interesse an Ladino in der spanischsprachigen Welt?
Ladino ist Teil der spanischen Sprachgeschichte, kein Zweifel. Als die Juden 1492 aus Spanien vertrieben wurden, nahmen sie die damalige spanische Sprache ins sprachliche Exil in andere Länder des Mittelmeerraums mit. Im Laufe der Jahrhunderte wurde Ladino durch Wörter aus anderen Sprachen, nicht zuletzt aus dem Türkischen, angereichert, doch blieb die Struktur spanisch. Altspanisch. Daher gibt es vor allem im Hochschulbereich der hispanischen Welt durchaus wissenschaftliches Interesse an Ladino. In der Gesamtbevölkerung spanischsprachiger Länder, sicher in Lateinamerika, wissen die meisten Menschen aber nicht einmal, dass es eine solche Sprache gibt.
Man sollte auch nicht vergessen, dass Ladino bis ins 20. Jahrhundert hauptsächlich in hebräischen Lettern geschrieben wurde. Der Übergang zum lateinischen Alphabet geht vor allem auf die Schriftreform des ersten türkischen Präsidenten Atatürk zurück. Er ordnete 1928 den Übergang des Türkischen von arabischen zu lateinischen Buchstaben an; in demselben Geist wurde auch das in der Türkei damals verbreitete Ladino umgestellt. Diese Änderung setzte sich auch in anderen Ländern durch. Daher kann ein Spanischsprecher nicht einfach einen alten, in hebräischen Lettern geschriebenen Ladino-Text nehmen und ihn lesen.

Gibt es erkennbare Spuren von Ladino im Spanischen, so wie etwa Einflüsse von Jiddisch im Deutschen zu finden sind?
Etwas Vergleichbares gibt es nicht, aber es gibt eine Kuriosität, die ich persönlich erlebt habe. Als die spanischen Eroberer Lateinamerika besetzten, brachten sie die spanische Sprache des 15. und des 16. Jahrhunderts mit. Manche Wörter dieser Sprache wurden von Indio-Stämmen übernommen und haben sich bis heute erhalten. Viele glauben, dass die Indios einfach kein richtiges Spanisch können, aber das ist eben nicht der Fall. Ich nenne nur ein Beispiel: „So ist es“ heißt im heutigen Spanisch „asi es“, viele Indios sagen aber auf Altspanisch „ansina“. Und „ansina“ bedeutet auch in Ladino „so ist es“.

„Ansina“ heißt auch Ihr Gedichtband.
Genau.

Warum haben Sie Gedichte in der Sprache der Toten geschrieben?
In einem meiner Gedichte, „lo ke fue“ (das was war, Anm. d. Red.), schreibe ich über den Tod der Sprache, von der nur Staub übrig bleibt und deren Wörter es nicht mehr geben wird. Zu den Toten, deren Sprache es war, gehören aber auch Menschen, die in meiner Erinnerung weiterleben. Es ist eine Sprache meiner Kindheit. Und – als mittelalterliches Kastilisch – ist es zugleich die „Kindheit“ meiner Sprache, des Spanischen.

Ist Ladino für Sie eine zweite Muttersprache?
Ich bin keine Muttersprachlerin. Wenn ich Ladino spreche, hört man das. Aber ich liebe es. Es gibt Ausdrücke, die man in anderen Sprachen so nicht sagen kann, die für mich, die ich sie zu Hause gehört habe, eine ganz besondere Bedeutung haben. Wenn ich Ladino schreibe, wärmt es mich wie ein Feuer – auch wenn es ein Feuer ist, das in meinen Händen stirbt.

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lo ke fue

akeyos polvos
trujeron estos lodos
i estas nuves
trujeron
estas luvias
i estas luvias
trujeron estos friyos
i estos friyos
trujeron estos yelos
i estos yelos trujeron
hazinura
i akeyos polvos
son lo ke fueron
ke son estos biervos
ke mas no seran

das was war

jener Staub
brachte diesen Schlamm
und diese Wolken
brachten
diesen Regen
und dieser Regen
brachte diese Kälte
und diese Kälte
brachte dieses Eis
und dieses Eis brachte
Krankheit
und jener Staub
ist das was war
denn seine Körner sind Wörter
die es nicht mehr geben wird