16. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2016 | 19. Schwat 5776

Vielstimmige Harmonie

Im Mittelpunkt des Louis Lewandowski Festivals standen die osteuropäischen Komponisten der „Chor-Schul“

Von Alice Lanzke

Mucksmäuschenstill wird es in der eben noch von Stimmengewirr erfüllten Synagoge Pestalozzistraße, als das Synagogal Ensemble Berlin die „Adon Olam“-Version von Abraham Dunajewski anstimmt. Die Stimmen der Sängerinnen und Sänger bilden einen eindrucksvollen Klangteppich, der sich in der Komposition kunstvoll mit den Solopartien von Kantor Isaac Sheffer verknüpft. Der sich auf diese Weise entspinnende musikalische Dialog demonstriert anschaulich, was den Chor-Schul-Stil bestimmt. Chor-Schul – die Choralsynagoge – war das Thema des fünften Louis Lewandowski Festivals, das im Dezember in Berlin und Potsdam stattfand. Unter dem Motto „Das östliche Firmament“ stellte es Komponisten des osteuropäischen Choralsynagogenstils vor.
Ihren Ursprung hat die Chor-Schul im Deutschland des 19. Jahrhunderts und geht wesentlich auf die Musik von Louis Lewandowski (1821–1894) und Salomon Sulzer (1804–1880) zurück. Von Deutschland aus breitete sie sich, mit ihrem westlich singenden Chor und einem frei rezitierenden Kantor, nach Osteuropa aus. In der Folge entstanden an zahlreichen Orten in Russland, Polen, Litauen, Lettland, Ungarn und Rumänien Choralsynagogen, jiddisch „Chor-Schul“. Sie boten Gottesdienste, die auch musikalisch auf hohem Niveau standen und es künstlerisch durchaus mit Opernhäusern aufnehmen konnten. Das war auch beim jüngsten Louis Lewandowski Festival zu spüren.
Allerdings würde ein solcher Vergleich damals wie heute viel zu kurz greifen, betonte bei der Eröffnung des Festivals der Berliner Rabbiner Jonah Sievers: „Diese Musik mag von vielen als konzertantes Ereignis gesehen werden, doch die Beter der Synagoge Pestalozzistraße wissen es besser. Es ist eine Musik, die die Herzen bewegt, das Gebet aufnimmt und es auf eine höhere Ebene bringt.“ Im liberalen Ritus der Synagoge spielen die Kompositionen von Lewandowski noch heute eine tragende Rolle.
Das für Lewandowski charakteristische Wechselspiel zwischen Kantor und Chor bestimmt den osteuropäischen Chor-Schul-Stil, der im Mittelpunkt des Festivals stand: Werke von Komponisten wie Nissan Blumenthal (1805–1903), Baruch Schorr (1823–1904), Nissan Spivak (1824–1906), Jacob Bachmann (1846–1905) und Jacob Samuel Morogowsky (1856–1943) wurden von den internationalen Chören dargeboten und zeigten eindrücklich, warum diese Art der Choralsynagoge ein komplettes Festival tragen kann. In ihr verschmelzen osteuropäisch-jüdische Kultur und westliche Einflüsse zu einem eigenen musikalischen Ganzen, welches eine spezielle emotionale Kraft entwickelt. Nicht umsonst wechselten sich während der verschiedenen Konzerte ergriffene Stille und begeisterter Jubel unter den Zuschauern ab.
Für Dr. Gideon Joffe, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und gemeinsam mit Berlins regierendem Bürgermeister Michael Müller Schirmherr des Festivals, schaffen die Kompositionen „akustische Traumwelten“. Den Stücken zuzuhören sei wie „ein kleiner Ritt ins Paradies“, schwärmte Dr. Joffe bei der Eröffnung der Veranstaltung, die das einzige Festival für synagogale Musik in Deutschland ist. Eben jene musikalische Form habe Louis Lewandowski berühmt gemacht. Der Namensgeber des Festivals sei dabei eng mit Kultur und Geschichte Berlins verbunden, sagte Michael Müller in seiner Rede zur Eröffnung. „Seine Musik gehört zum herausragenden Kulturerbe der Stadt“, so der Regierende Bürgermeister.
Während das Werk Lewandowskis generell einen roten Faden für das nach ihm benannte Festival bildet, hat es sich dessen Leiter Nils Busch-Petersen zur Aufgabe gemacht, seinem Publikum jedes Jahr neue Facetten der synagogalen Musik zu präsentieren. So konnten die Gäste dieses Mal gleich mehrere Premieren erleben, die erste davon schon zur Eröffnung, welche von einem eigenen Kantorenkonzert gekrönt wurde. Hier traten Yossi Birenbaum aus Jerusalem, David Rome aus London, Uriel Granat aus Moskau und Isidoro Abramovicz aus Stockholm auf. Gastgeber Berlin wurde durch die Kantoren Jochen Fahlenkamp, Mimi Sheffer, Gabriel Loewenheim und Aviv Weinberg vertreten.
Eine weitere Premiere war die Teilnahme eines Frauenchors: So gehörte der Vocaliza Women’s Choir of Tel Aviv unter der Leitung von Ira Kalechman zu den sechs teilnehmenden Chören. Hinzu kamen die London Cantorial Singers, der Jerusalem Cantors’ Choir, das Synagogal Ensemble Berlin und The Moscow Male Jewish Cappella, die sich aufgrund ihrer mitreißenden Auftritte schnell zum Publikumsliebling entwickelte. Ebenso beliebt war der Jugendchor Synagoge Pestalozzistraße, der ebenfalls erstmalig beim Festival zu hören war. „Uns ist es speziell wichtig, junge Menschen für diese Musik zu begeistern“, führte Festivalleiter Busch-Petersen aus. Dazu passt auch, dass man im kommenden Jahr den Louis-Lewandowski-Preis für den besten Solisten Israels ausloben wird. Wie Busch-Petersen ankündigte, wird der Preisträger im Jahr darauf beim Festival auftreten.
Der besondere Reiz des Louis Lewandowski Festivals besteht allerdings nicht nur darin, jedes Jahr vollkommen unterschiedliche Chöre aus aller Welt zu entdecken, sondern auch im Miteinander, das die Chöre des Festivals pflegen. Dieses Miteinander ist auch ein Ergebnis des intensiven Programms, das die Chormitglieder fernab der Öffentlichkeit gemeinsam absolvieren. So besuchten die Teilnehmer während des viertägigen Festivals den jüdischen Friedhof in Weißensee und hier auch das Grab von Louis Lewandowski. Zudem folgten sie einer Einladung ins Berliner Abgeordnetenhaus und hörten außerdem Fachvorträge zum Festivalthema. Entsprechend spürbar war das Gemeinschaftsgefühl für die Zuhörer, als beim Abschlusskonzert noch einmal alle Akteure gemeinsam auftraten und mit „Adon Olam“ von Louis Lewandowski dem Namensgeber des Festivals das Schlusswort ließen.