16. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2016 | 19. Schwat 5776

Eigentlich ein ernstes Thema

Die Bildungsakademie des Zentralrats der Juden in Deutschland widmete ihre jüngste Tagung dem jüdischen Humor

Von Barbara Goldberg

Fast 200 Teilnehmer hatten sich für die Tagung „Kennst Du den? Jüdischer Humor als Zugang zur Welt“ im Dezember in Frankfurt angemeldet. „Das ist bei uns bislang der Rekord!“, freute sich Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung im Zen­tralrat, die diese Veranstaltung gemeinsam mit Professor Doron Kiesel, dem wissenschaftlichen Direktor der Abteilung, organisiert hatte. „Kein Wunder eigentlich“, so Donath, „denn gibt es ein jüdischeres Thema als Humor?“ Schon Wochen vorher wurden die Organisatoren mit Briefen und CDs voller Witze und Anekdoten überschüttet, riefen Leute aus allen Gemeinden Deutschlands an, um ihren persönlichen Lieblingswitz am Telefon zu erzählen. „Natürlich bedeutet eine solche Tagung für uns auch die Möglichkeit, zusammen zu lachen“, hob denn auch Professor Kiesel, wissenschaftlicher Direktor der Bildungsabteilung, bei der Tagung hervor. Aber ebenso stand fest, dass es bei dieser Veranstaltung um mehr gehen sollte als um gemeinsame Belustigung und heitere Geselligkeit. Und so lebte diese Tagung, wie Salomon Korn, Vorsitzender des Frankfurter Gemeindevorstands, in seiner Begrüßung erläuterte, insgesamt „von der Spannung zwischen wissenschaftlicher Reflexion und der Vielfalt an Witzen, die wir aus unserer eigenen Lebenswirklichkeit kennen“.
Der Frankfurter Soziologe und Sozialpsychologe Tilman Allert, der bei der Tagung den Eröffnungsvortrag hielt, hat es sich als Wissenschaftler zur Aufgabe gemacht, das vermeintlich Triviale und Alltägliche am Humor zu erklären. Ihm gelang es, nicht nur die Klugheit und Lebenskunst, die im Humor verborgen liegen, herauszustellen, sondern auch zu verdeutlichen, wie vielschichtig etwas scheinbar so Selbstverständliches wie Spaß und Lachen in Wahrheit ist. Zunächst einmal erklärte Allert, Humor und Witz seien zwei verschiedene Phänomene. Während er Humor als eine „Lebenshaltung“ oder „seelische Bereitschaft, sich auf den Schlamassel namens Wirklichkeit einzulassen“ beschreibt, versteht er unter einem Witz eine abgeschlossene Geschichte, ein abrufbares Format, das in verdichteter Weise von der „Schicksalhaftigkeit der menschlichen Existenz“ handelt und das immer die Rede über einen abwesenden Dritten darstellt. Dessen Vermessenheit, Selbstüberschätzung und meistens auch Scheitern bilden den Vorwand zum Lachen; der Erzähler selbst bleibt hingegen als Person außen vor. Ganz anders beim Humor, dessen Güte sich ja vor allem darin erweist, wie weit man über sich selbst lachen kann. Insofern ist Humor laut Allert so etwas wie eine „Selbsttherapie oder Selbsttröstung“ und auch „existenzielle Notwendigkeit“. „Im Humor wird die Tendenz zur Einsamkeit durchbrochen“, ist der Soziologe überzeugt. Und er gab diesem sogar eine metaphysische Dimension: „Im Humor erneuert sich der Bund mit der göttlichen Instanz, der in Momenten der Verzweiflung aufgekündigt zu werden droht.“
Und wie bringt man Gott zum Lachen? „Erzähle ihm von Deinen Plänen!“ Mit diesem und etlichen anderen Witzen reicherte der Frankfurter Rabbiner Julien Chaim Soussan seinen Vortrag an, in dem er sich dem Thema Humor und Tora widmete. „Itzchak“ zum Beispiel – diesen Namen eines der Väter im Judentum – könne man beispielsweise als einen Scherz ansehen, den Gott sich mit den Menschen erlaube. Denn Itzchak bedeute übersetzt „Er wird lachen“. Vielleicht mache sich dieser Name über das ungläubige Lachen lustig, in welches Sara verfiel, als der Engel ihr, die damals schon über 90 Jahre alt war, Schwangerschaft und Geburt eines Kindes verheißen habe. Insofern erinnere der Name ihres Sohnes Itzchak sie stets daran, dass sie Gottes Möglichkeiten nach menschlichem Maß bewertet habe. Rabbiner Soussan zeigte sich aber auch von der heilenden Wirkung des Humors überzeugt. „Der eigentliche Sinn, der in der Mitzwa des Bikur Cholim (Krankenbesuch) liegt, besteht darin, den Leidenden zum Lachen zu bringen“, erklärte er. Als äußerst heilsam erwiesen sich auch seine eigenen Ausführungen, denn Soussan entpuppte sich als brillanter Witzeerzähler mit großem mimischen Talent.
Doch auch der Rabbiner konnte keine erschöpfende Antwort auf die eine Frage geben, die mehr oder weniger unausgesprochen alle Vorträge und Workshops prägte: Ist Humor in besonderem Maße ein jüdisches Talent? Oder: Gibt es einen spezifisch jüdischen Humor? Beides wurde nicht ausdrücklich bejaht, aber noch viel weniger verneint. Es gebe so etwas wie ein spezifisch jüdisches „Humormuster“, das sich in den spezifischen Verhältnissen, in denen Juden als Minderheit lebten, herausgebildet habe, fassten am Ende der Tagung die Leiter Sabena Donath und Doron Kiesel die Ergebnisse der dreitägigen gemeinsamen Arbeit zusammen. Und: „Lachen, sich über sich selbst lustig machen können ist etwas, das unser aller Leben enorm prägt“, so Professor Kiesel. Das mag eben daran liegen, dass Juden vielleicht Humor noch nötiger haben als andere. Die Frankfurter Migrationsforscherin Darja Klingenberg stellte in ihrem Referat fest: „Witze und Anekdoten können soziale Missstände schärfer und kompakter erfassen als jede wissenschaftliche Abhandlung.“ Und mit den subtilen bis brutalen Mechanismen des Ausgegrenzt-Werdens haben Juden in den vergangenen Jahrhunderten reichhaltige Erfahrungen gemacht. „Humor ist eine soziale Ressource, die hilft, die eigene Verletzlichkeit spielerisch zu überwinden“, ist Klingenberg überzeugt. Sie, selbst Einwanderin aus der ehemaligen Sowjetunion, hat beispielsweise eine Plattform untersucht, auf der sich junge jüdische Migranten und Migrantinnen aus der Ex-UdSSR weltweit über ihre Probleme mit Familie, Freunden und Kollegen austauschen, für die Soziologin ein faszinierender „transnationaler Kanon geteilten Weltwissens“. Dabei helfe die komische Zuspitzung und Übertreibung eigener Erlebnisse, die darin verborgenen Kränkungen zu verarbeiten. „Mit der Zeit werden diese schmerzlichen Erlebnisse zur Anekdote, die man gerne wieder und wieder erzählt.“ Humor ist also so etwas wie ein Selbstschutzprogramm der Seele oder, wie es ein Zuhörer, der der Generation der Überlebenden angehört, spontan formulierte: „Ohne Lachen gäbe es mich nicht mehr!“