16. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2016 | 19. Schwat 5776

Orientierungsrahmen

Wissenschaftlich-kritische Edition von „Mein Kampf“ veröffentlicht

Anfang Januar 2016 hat das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IFZ) Adolf Hitlers berüchtigte Programmschrift „Mein Kampf“ in einer ausführlich kommentierten, wissenschaftlich editierten Ausgabe veröffentlicht. Es handelt sich um die erste Neuauflage dieses Buches in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkrieges. In dem Buch hatte Hitler bereits 1926 nicht nur seinen eigenen Lebensweg beschrieben, sondern auch sein antisemitisches Weltbild, seinen Rassenwahn, seine Demokratiefeindlichkeit, sein freiheitsfeindliches Gesellschaftsverständnis und seine außenpolitischen Expansionspläne öffentlich gemacht.
Bis Ende 2015 konnte Bayern, auf das die Urheberrechte an der Schrift nach der Zerschlagung des “Dritten Reiches“ übergegangen waren, jedwede Neuveröffentlichung von „Mein Kampf“ in Deutschland unterbinden – auch wenn das Buch im Antiquariatshandel erhältlich und später auch im Internet aufrufbar war. Zum Jahreswechsel 2015/16 ist der Schutz der Urheberrechte indessen erloschen. Im Vorgriff darauf hat das IFZ die wissenschaftliche Edition erstellt. Mit ihr soll ein Orientierungsrahmen für ein zeitgemäßes Verständnis des Buches gesetzt werden. Die wissenschaftlich-kritische Edition, die insgesamt 2.000 Seiten umfasst, dokumentiert die Entstehungsgeschichte des Textes, erläutert zentrale ideologische Begriffe, liefert Hintergrundinformationen zu Personen und Ereignissen, legt Hitlers Quellen offen, rekonstruiert den zeitgenössischen Kontext und korrigiert Faktenentstellungen.
In der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland schwanken die Meinungen zu der Neuveröffentlichung zwischen der Hoffnung, eine kommentierte Fassung werde zur Aufklärung über die verbrecherische NS-Ideologie beitragen, auf der einen und der Sorge, das Buch könnte Wasser auf die Mühlen der ex­tremistischen Rechten sein, auf der anderen Seite. Der Zentralrat der Juden in Deutschland betonte, „Mein Kampf“ sei ein volksverhetzendes, niederträchtiges Machwerk. Zugleich äußerte der Zen­tralrat die Erwartung, dass die Verbreitung einer unkommentierten Fassung von den deutschen Behörden konsequent verfolgt werde. Er hob allerdings hervor, keine Einwände gegen diese wissenschaftlich kommentierte Ausgabe zu haben. Sie solle der historisch-politischen Bildung, der Forschung und der Lehre dienen und gegebenenfalls in Auszügen in Schulen verwendet werden. Der Präsident des Zentralrat, Dr. Josef Schuster, erklärte: „Ich hoffe, dass das Institut für Zeitgeschichte mit der wissenschaftlichen Einordnung und Erläuterung des Textes dazu beiträgt, die menschenverachtende Ideologie Hitlers insgesamt zu entlarven und dem Antisemitismus entgegenzuwirken.“

hpk