16. Jahrgang Nr. 1 / 29. Januar 2016 | 19. Schwat 5776

Gedenken braucht Wissen

Die Holocaustforschung steht noch vor vielen Herausforderungen

Oft und zu Recht wird die Notwendigkeit betont, das Holocaust-Gedenken nicht zu einem Ritual erstarren zu lassen, sondern auch Lehren aus diesem schrecklichen Kapitel der Menschheitsgeschichte zu vermitteln. Gerade aus Anlass des Internationalen Holocaust-Gedenktages ist es zugleich auch wichtig, die he­rausragende Bedeutung weiterer Erforschung der Schoa für das Gedenken zu betonen.
Gewiss ist Holocaustforschung an sich schon eine selbstverständliche Pflicht der Geschichtswissenschaft. Es würde ja auch niemand auf den Gedanken kommen, den Dreißigjährigen Krieg oder die Industrierevolution des 19. Jahrhunderts für „komplett erforscht“ zu erklären und die weitere Suche nach Quellen, Informationen und Einsichten einzustellen. Im Fall der Schoa geht es aber um mehr als Wissenschaft, um mehr als bloße Historikerpflicht. Hier gibt es auch eine moralische Pflicht gegenüber den Opfern der „Endlösung der Judenfrage“, ihr Schicksal zu erforschen und ihm einen bleibenden Platz in der menschlichen Erinnerung zu sichern.
Das Gedenken beginnt mit dem Einzelnen. Gegenwärtig sind bei der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem rund 4,5 Millionen Namen von Juden dokumentiert, die von den Nazis ermordet wurden. Das sind mindestens drei Viertel aller Opfer: eine enorme Forschungsleistung, an der Überlebende sowie Familienangehörige der Opfer einen entscheidenden Anteil haben. Ihnen ist ein Großteil der Informationen über die Identität der Ermordeten zu verdanken. Jeder weitere Name, der hinzugefügt wird, ehrt einen weiteren Menschen, dessen Leben von den Nazis und ihren Kollaborateuren geraubt wurde. Alle Namen wird man wohl nie in Erfahrung bringen können, doch ist jeder einzelne wichtig.
Die Palette der Themen, über die die Forschung bisher nicht genug weiß, geht aber über Einzelschicksale hinaus. Das gilt beispielsweise für das oft ungenügend bekannte Schicksal vieler jüdischer Gemeinden, vor allem in Städten und Ortschaften, in denen keine Ghettos errichtet wurden. Allein in Polen gab es fast eintausend solcher Gemeinden. Ein anderes Thema ist die Frage, wie sich Juden und rabbinische Autoritäten auf religiöser Ebene mit der Katastrophe auseinandersetzten, die über das jüdische Volk hereingebrochen war.
Ein weiterer Punkt: Es gibt eine Reihe von Archiven und Dokumentensammlungen, die für die Holocaustforschung wichtig sind, zu denen es aber bisher keinen ausreichenden Zugang gibt. Das und mehr: Selbst zugängliche Archivbestände sind wegen der Materialfülle und begrenzter Ressourcen bisher nicht vollständig erschlossen worden.
Unter diesen Umständen wird die Notwendigkeit, die Holocaustforschung voranzutreiben, überdeutlich. Gleichzeitig schafft das Zeitalter des Internets und der zunehmenden Digitalisierung von Archivbeständen neue Möglichkeiten, Informationsquellen zu vernetzen und sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Eine optimale Nutzung dieser Möglichkeiten erfordert eine engere Kooperation verschiedener Forschungsstätten und anderer Einrichtungen in Dutzenden von Ländern sowie die Erarbeitung schlüssiger Konzepte für diesen Prozess.
Um die Schoa, dieses an sich unfassbare Verbrechen, auch und gerade der Jugend verständlicher machen zu können, ist es zudem erforderlich, Geschichte auch als Lokalgeschichte zu vermitteln. Es ist von unschätzbarem Wert, wenn Schüler in ihrer eigenen Stadt ermitteln, was mit den jüdischen Bürgern geschehen ist, die vor der Vernichtung dort gelebt haben. Solche Projekte sollten, wo immer möglich, initiiert und gefördert werden.
Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Erforschung der Schoa ist und bleibt ein integraler, ja ein fundamentaler Teil des Gedenkens. Wir Juden sind es unseren Toten, uns selbst und den kommenden jüdischen Generationen schuldig, dazu nach Kräften einen Beitrag zu leisten.

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