15. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2015 | 6. Tewet 5776

Kampfzone Universität

Wiener Ausstellung erzählt von der Beziehung zwischen Juden und der Universität Wien vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Von Alexia Weiss

Junge Männer mit Säbel in der Hand, einer mit blutbeflecktem Hemd: Mit einer ungewöhnliche Schwarz-weiß-Fotografie aus dem Jahr 1925 bewirbt das Jüdische Museum Wien seine aktuelle Schau „Die Universität. Eine Kampfzone“, die sich im 650-Jahr-Jubiläum der Universität Wien mit der wechselvollen Beziehung zwischen Hochschule und Juden auseinandersetzt. Das besagte Bild zeigt schlagende Burschenschaftler – und zwar jüdische: Die jungen Herren auf dem Bild gehörten der jüdischen schlagenden Verbindung Emunah an. Wenn man so will ein Versuch, sich an die Bräuche des nichtjüdischen Umfelds anzupassen, ein Versuch, der alles andere als immer erfolgreich war.
Blut floss nämlich nicht nur bei Mensuren. Die Ausstellung zeigt auch die Brutalität, mit der Juden bereits lange vor dem Nationalsozialismus an der Alma Mater verfolgt wurden. Blut floss auch auf dem Universitätsgelände, zu dem die Polizei keinen Zutritt hatte. „Es war schlicht und einfach die Hölle“, zitiert Kurator Werner Hanak-Lettner den Ex-Studenten Bruno Kreisky: Der spätere sozialdemokratische Bundeskanzler Österreichs studierte ab 1929 an der größten Hochschule des Landes.
650 Jahre – das ist ein langer Blick zurück bis ins ausgehende Mittelalter. Als Rudolf IV. die Universität Wien 1365 als katholische Bildungsstätte gründete, gab es in Wien eine blühende jüdische Gemeinde, die bereits ihr eigenes Bildungssystem in der Stadt etabliert hatte. 1421 kam aber die Tragödie: Die Gemeinde wurde vertrieben, die Synagoge abgetragen, und ausgerechnet mit den Steinen des jüdischen Gotteshauses wurde die Neue Schule errichtet – das damalige neue Haus der Uni Wien.
Der Künstler Andrew Mezvinsky hat diese bisher weitgehend unbekannte Episode für die Schau in einer Videoinstallation illustriert: In seiner Arbeit „Wise Stones Falling into a Sea of Doubt“ animiert er einen Stadtplan von 1421/22 so, dass die Steine aus dem mittelalterlichen jüdischen Wien zum anderen Ende der heutigen Innenstadt wandern.
Ein weiterer Kunstgriff: Durch die Jahrhunderte der Geschichte mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen für Juden in Wien auf der einen sowie mit einer Universität, die Juden zunehmend auch Chancen eröffnete, auf der anderen Seite führt der „wiederbelebte“ Journalist, Historiker und Pädagoge Gerson Wolf. Wolf hatte in seinen 1865 erschienenen „Studien zur Jubelfeier der Universität Wien“ bereits die Frage nach dem Einfluss der Wiener Universität auf die Juden gestellt. Dieser Frage geht Museumsdirektorin Danielle Spera 2015, im Jubiläumsjahr der Hochschule, in der jetzigen Ausstellung nach.
Stichwort Chancen: Erst mehr als 400 Jahre nach ihrer Gründung öffnete die Wiener Uni im Zug des 1782 von Kaiser Joseph II. erlassenen Toleranzpatents ihre Pforten für Juden. Im Lauf des darauffolgenden Jahrhunderts trugen jüdische Wissenschaftler mit bahnbrechenden Forschungen zur Glanzzeit der Alma Mater bei. Die Hochschulen allgemein und die Wiener Lehranstalt im Besonderen waren zum Hoffnungsgebiet für die wachsende jüdische Bildungsschicht geworden, wie es Kurator Hanak-Lettner formuliert.
Der Erfolg der Juden rief allerdings auch Kritiker auf den Plan. Die Uni wurde zur Kampfzone – auf brutale Art und Weise. Lange bevor die Nationalsozialisten ihren Rassenwahn auslebten, versuchten deutschnationale und christlich-soziale Antisemiten, Juden aus der Universität zu verdrängen. Die Strategien waren unterschiedlich: Man versuchte, jüdische Lehrende durch Diskriminierung bei Habilitationen und Berufungen zu verringern. Ein Numerus clausus, der die Zahl der jüdischen Studierenden beschränken sollte, konnte gesetzlich nicht verwirklicht werden. So griff man zu physischer Gewalt: Deutschnationale Rektoren kooperierten hier mit einer wachsenden Zahl antisemitischer Studenten. Die Übergriffe nahmen ab den 1880er-Jahren drastisch zu. Regelrecht ausufernd wurde die Gewalt gegen Juden auch in der österreichischen Republik 1918. Lange vor dem „Anschluss“ Österreichs ans Nazi-Reich 1938 traten dabei auch Nationalsozialisten auf den Plan.
Der „Anschluss“ führte zu einer beispiellosen Vertreibung jüdischer Studierender und Lehrender. Viele wurden während der Schoa ermordet. Dennoch konnten viele der durch die Teilnahme an der Verfolgung jüdischer Kollegen und Studenten belasteten Professoren nach 1945 ihre universitäre Laufbahn ohne größere Einschnitte fortsetzen. Die antisemitische Geschichte der Uni wurde lange nicht aufgearbeitet. Hanak-Lettner konstatiert: „Je nach Bedarf wurde durch den ‚Anschluss‘ und die darauffolgenden Massenmorde das ‚Unmenschliche‘ an die Adresse der Täter ‚aus Deutschland‘ ausgelagert, die eigenen faschistischen Traditionen hingegen, die an den Wiener Universitäten nach 1918 zu voller Blüte gelangten, als etwas harmloses ‚Studentisches‘ kleingeredet, das nichts mit dem nationalsozialistischen Mörderregime der Jahre nach 1938 zu tun hatte.“ Mit diesem Narrativ räumen Hanak-Lettner und Museumsdirektorin Spera nun dank der aktuellen Ausstellung, die bis 28. März zu sehen ist, gründlich auf.
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