15. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2015 | 6. Tewet 5776

Informationen und Ideen

Die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen bringt Bibliotheken, Gedenkstätten, Museen und Forschungseinrichtungen zusammen

In Deutschland gibt es Dutzende von Einrichtungen, die sich mit jüdischer Thematik befassen. Sie besitzen umfangreiche Bestände von Schriften, Kultusgegenständen, Kulturgütern und anderen Objekten aus der Vergangenheit und der Gegenwart. Da können Erfahrungsaustausch und Dialog die Arbeit aller bereichern. Genau auf dieser Idee beruht die Arbeitsgemeinschaft Jüdische Sammlungen.
Die AG Jüdische Sammlungen, wie sie kurz genannt wird, lässt sich am besten als ein Dialogforum definieren. Sie ist kein Verein, hat keine Satzung und keinen Vorstand – und demnach auch kein eigenes Personal. Dennoch bietet sie seit vier Jahrzehnten allen Beteiligten ein wichtiges Forum für Kontakte und Informationen. Ihre zentrale Veranstaltung ist eine jährliche Arbeitstagung, bei der sich seit 1976 Vertreter jüdischer Bibliotheken, Gedenkstätten, Museen und Forschungseinrichtungen treffen. Auch in diesem Jahr kamen mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf Einladung der Deutschen Nationalbibliothek, der Ephraim Carlebach Stiftung und des Stadtgeschichtlichen Museums in die sächsische Messestadt Leipzig. In der Nationalbibliothek ist auch die Anne-Frank-Shoah-Bibliothek angesiedelt, die weltweit erschienene Holocaust-Literatur sammelt. Die Teilnehmer erwarten alljährlich, von neuen Projekten zu hören, kollegiale Kontakte zu pflegen, Nachrichten und Erfahrungen auszutauschen und originelle museumspädagogische Ideen kennenzulernen.
Eine Idee aus Erfurt präsentierte Ines Beese, die Leiterin des Museums „Alte Synagoge“ und der Begegnungsstätte „Kleine Synagoge“ (juedisches-leben.erfurt.de). Sie und ihre Mitarbeiter hatten den Einfall, Kindern Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in ihrer Stadt mit Lupe, Kompass, Zollstock, Stadtplan, Klemmbrett und Fragebogen näherzubringen. Mit diesen Materialien werden Familien mit Kindern und Schülergruppen als Detektive durch das historische jüdische Viertel der thüringischen Landeshauptstadt geschickt. Zu ihm gehören nicht nur die „Alte Synagoge“ mit ihrer tausendjährigen Geschichte, sondern auch die 175 Jahre alte „Kleine Synagoge“, die mittelalterliche Mikwe und einige alte Häuser sowie Straßen, die Namen von Erfurter Juden tragen. Waren die Kinder als Geschichtsdetektive erfolgreich, erhalten sie eine Urkunde. Die bescheinigt ihnen, „Experten zur jüdischen Geschichte Erfurts“ zu sein.
Es sind solche anregenden Beispiele, die dazu beitragen, dass sich alljährlich 50 bis 100 Vertreter jüdischer Sammlungen im deutschsprachigen Raum zum Austausch versammeln. Bis in die achtziger Jahre hinein war der Kreis noch klein. 1986 berichtete eine Veröffentlichung der „Germania Judaica – Kölner Bibliothek zur Geschichte des deutschen Judentums“ bereits von 37 Mitgliedern.
Das „Institut für die Geschichte der deutschen Juden“ der Universität Hamburg (www.igdj-hh.de) gehört zu den Gründerinstitutionen der AG Jüdische Sammlungen. Der Lesekreis, der sich hier seit 2013 monatlich trifft, könnte ein Modell für andere jüdische Bibliotheken sein. „Zu manchen Themen lasse ich lesen“, erklärte in Leipzig Bibliothekarin Susanne Küther augenzwinkernd den Nutzen dieses Zirkels. Am Anfang habe eine sogenannte Weihnukka-Veranstaltung für Freunde und Förderer des Instituts gestanden, bei der Mitarbeiter einige Bücher präsentiert hätten. In der Folge habe sich eine Gruppe aus zehn Leselustigen im Alter zwischen 20 und 80 Jahren gegründet. Seit dem Frühjahr 2015 gebe es eine zweite Gruppe. Allerdings sei die Fluktuation bei den Jüngeren recht groß, beklagte Susanne Küther. Trotzdem, dieser Anstoß habe sich gelohnt, nicht zuletzt weil er die Bindung ans Institut und das Interesse für dessen Arbeit vergrößert habe.
Mittlerweile nutzen auch Vertreter von jüdischen Einrichtungen und Sammlungen der Nachbarländer diese Möglichkeit der Begegnung, vor allem aus Österreich und der Schweiz, zuweilen sogar aus den Vereinigten Staaten. Im vorigen Jahr hatte das Jüdische Museum der Schweiz nach Basel und Zürich eingeladen, im nächsten Jahr wird man sich in Berlin treffen.
Nach der deutschen Hauptstadt kann es durchaus wieder ein kleiner Ort sein, der als Gastgeber der Jahrestagung fungiert. Im Fränkischen, aber auch an anderen Orten südlich der Mainlinie, gibt es eine Reihe von ehemaligen Landsynagogen, die durch bürgerschaftliches Engagement vor Verfall und Abriss gerettet und als kleine jüdische Museen, Gedenkstätten und Kulturzentren wiederbelebt wurden. Die meisten werden ehrenamtlich oder mit geringem Personalaufwand geführt.
Das 1994 gegründete Jüdische Kulturmuseum Veitshöchheim (www.jkm.veitshoechheim.de) ist ein Beispiel. 1986 wurde hier auf einem Dachboden der ehemaligen Synagoge eine umfangreiche Sammlung hebräischer Schriften, Textilien und Kultgegenstände gefunden. David Schuster, der damalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Vater des heutigen Präsidenten des Zentralrats, machte die Denkmalbehörde darauf aufmerksam, dass sie eine Genisa entdeckt hätten. Darin werden traditionell Schriften und Kultgegenstände aufbewahrt, die nicht weggeworfen werden dürfen, weil sie als heilig gelten oder ihnen eine besondere Würde zugesprochen wird. Ausgehend von der Veitshöchheimer Genisa, berichtete Dr. Martina Edelmann als Kulturreferentin im örtlichen Rathaus, habe sich vor Ort eine Genisaforschung angesiedelt, die auch für andere Genisa-Entdeckungen im süddeutschen Raum von Bedeutung sei.
In den vergangenen 40 Jahren hat sich die AG Jüdische Sammlungen zur wichtigsten Nachrichtenbörse für den deutschsprachigen Raum entwickelt. Das Interesse an den Jahrestagungen ist ungebrochen. Es ist zur Tradition geworden, dass die Kölner „Germania Judaica“ die Treffen koordiniert, die Organisation vor Ort aber bei der einladenden Institution liegt.
http://juedische-sammlungen.de

hpk