15. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2015 | 6. Tewet 5776

Der geschlossene Kreis

Die Biografie von Rabbiner Professor Walter Jacob spiegelt viele Facetten der deutsch-jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart wider

Von Heinz-Peter-Katlewski

Im November konnte das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben einen nicht alltäglichen Gast begrüßen: den amerikanischen Rabbiner Professor Walter Jacob. Rabbiner Jacob war der Einladung des Museums gefolgt, um zum Jahrestag der Reichskristallnacht als Zeitzeuge über die NS-Verfolgung zu berichten. Die Veranstaltung war Teil der Reihe „Lebenslinien“, mit der das Museum alljährlich ehemalige Augsburger Juden bittet, mit Stadtbewohnern, darunter auch Schülern, über jene dunkle Zeit zu sprechen.
So konnten interessierte Augsburger im vergangenen Monat einen Menschen erleben, der nicht nur die Zerstörung des deutschen Judentums durch die Nazis erleben musste, sondern der auch nach der Schoa den Dialog mit dem neuen, demokratischen Deutschland pflegte und einen wichtigen Beitrag zum Neuaufbau jüdischen Lebens leisten konnte.
Aber der Reihe nach. Walter Jacob wurde 1930 als Spross einer alten deutschen Rabbinerfamilie in Augsburg geboren. Sein Vater, Dr. Ernst Jacob, war in Augsburg von 1929 bis 1939 Gemeinderabbiner gewesen. Der Großvater, Dr. Benno Jacob, war von 1906 bis 1929 Rabbiner in Dortmund; bis heute hat er einen großen Namen als Bibelkommentator.
Als Walter neun Jahre alt war, flüchtete die Familie 1939 vor den Nazis nach Großbritannien – Rettung in letzter Minute, nachdem sein Vater einige Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert war. Anschließend siedelten die Jacobs in die USA über. Dort wurde Walter Jacob ebenfalls Rabbiner, und zwar am reformierten Hebrew Union College in Cincinnati im Bundesstaat Ohio. Nach seiner Smicha amtierte er zuerst als Militärrabbiner der amerikanischen Luftwaffe. Ab 1955 war er Assistenzrabbiner der „Rodef Shalom Congregation“ in Pittsburgh, wo er – ab 1966 als leitender Rabbiner – bis zu seiner Emeritierung 1997 blieb. Zu den Stationen seiner Tätigkeit gehörte unter anderem das Amt des Präsidenten der liberalen Rabbinervereinigung Central Conference of American Rabbis. Gegen den Trend im amerikanischen Reformjudentum, das jüdische Religionsrecht in der Praxis für nicht mehr allzu relevant zu halten, erstellt es bis heute Responsen – religiöse Gutachten –
vornehmlich zu großen Fragen der Gegenwart: Armut und Gerechtigkeit, Natur und Umwelt, Kriminalität und Strafe, Grenzen der Medizin, Sexualität, Tod und Sterben, staatliches Recht und Halacha.
Obwohl in seiner Familie nach der Auswanderung kein Deutsch mehr gesprochen wurde, hat sich Jacob stets der deutsch-jüdischen Geschichte verbunden gefühlt. 1961 promovierte er über deutsch-jüdische Schriftsteller zwischen Erstem Weltkrieg und dem Ende der Weimarer Republik. Seit den späten sechziger Jahren kam er nach Deutschland und engagierte sich im jüdisch-christlichen Dialog – später auch im jüdischen Leben hierzulande. 1985 zündete er bei der Wiedereinweihung der Augsburger Synagoge das Ewige Licht an und wünschte in seiner Rede dem Haus, dass es „Zen­trum einer wachsenden und kraftvollen Gemeinde“ werde. Dieser Wunsch ging spätestens mit der Zuwanderung aus der UdSSR beziehungsweise deren Nachfolgerepubliken umfangreich in Erfüllung.
1997 übernahm er das Rabbinat der Münchner Liberalen Gemeinde „Beth Shalom“. Zwei Jahre später gründete er mit Rabbiner Dr. Walter Homolka das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam zur Ausbildung von Rabbinern und Kantoren. Die beiden Männer kannten sich noch aus der Zeit, als Homolka Gymnasiast war und zu dem angesehenen amerikanischen Rabbiner schriftlich Kontakt pflegte.
2006 war der Ex-Augsburger dabei, als in Dresden ein Stück deutsch-jüdischer Geschichte geschrieben wurde. In der Synagoge der Stadt fand die erste Rabbinerordination in Deutschland nach der Schoa statt: Die drei ersten Absolventen des Abraham Geiger Kollegs erhielten ihre Rabbinerdiplome. Mittlerweile hat sich das Kolleg fest als europäisches Rabbinerseminar an der Universität Potsdam etabliert und bereits den 7. Jahrgang zur Ordination geführt. Dem Kolleg bleibt Rabbiner Jacob auch mit seinen 85 Jahren eng verbunden. Zwei- bis dreimal im Jahr kommt er für mehrere Wochen nach Deutschland. Als Präsident des Kollegs spielt er eine wegweisende Rolle für die künftige Entwicklung der Ausbildungsstätte, deren Absolventen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern gefragt sind. Dass es eines Tages wieder soweit sein würde, hätte sich 1939 – dem Jahr der Flucht der Familie Jacobs aus dem „Dritten Reich“ – niemand vorzustellen vermocht. Dennoch blieb es Walter Jacob vorbehalten, einen wichtigen Kreis in seinem Leben zu schließen. Ihn kennengelernt zu haben, war für die Besucher der Augsburger Begegnung zweifelsohne ein großer Gewinn.