15. Jahrgang Nr. 12 / 18. Dezember 2015 | 6. Tewet 5776

Zusammenleben und Toleranz

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel erhielt den Abraham-Geiger-Preis

Von Heinz-Peter Katlewski

Im Glashof des Jüdischen Museums Berlin wurde am 2. Dezember 2015 in Anwesenheit von zahlreichen Ehrengästen aus Politik, Gesellschaft und jüdischen Gemeinden Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel mit dem Abraham-Geiger-Preis ausgezeichnet. Urkunde und Medaille überreichten ihr die Vertreter der Leitungsgremien des Abraham Geiger Kollegs: Dr. Josef Joffe, Vorsitzender des Kuratoriums, sowie die Rabbiner Prof. Dr. Walter Jacob, Präsident des Kollegs, und dessen Rektor Prof. Dr. Walter Homolka. Das Präsidium des Zentralrats wurde durch seinen Präsidenten Dr. Josef Schuster, die Vizepräsidenten Mark Dainow und Abraham Lehrer sowie Geschäftsführer Daniel Botmann vertreten.
Die Bundeskanzlerin habe diesen Preis mehr als verdient, würdigte Dr. Schuster die Entscheidung: „Ihre Treue und Aufrichtigkeit, mit der Sie an unserer Seite stehen, ist für uns gerade in diesen Zeiten wichtiger denn je.“ Das Eintreten der Kanzlerin für die jüdische Gemeinschaft käme von Herzen. Sie habe in der unglückseligen Beschneidungsdebatte zu der jüdischen Gemeinschaft gestanden ebenso wie im letzten Jahr, als auf den israelfeindlichen Demonstrationen antisemitische Parolen gerufen worden seien.
Prof. Dr. Peter Schäfer, der Direktor des Jüdischen Museums, hob die brennende Aktualität der Werte hervor, für die die Preisträgerin geehrt werde: ihr Eintreten für Pluralismus, Offenheit, Mut und Toleranz in einer immer vielfältiger und komplexer werdenden Gesellschaft. Auch sein eigenes Haus widme sich mit seinen Ausstellungen und Veranstaltungen Themen, die der Kanzlerin besonders am Herzen lägen: „dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen in Deutschland und Europa, vor allem auch von Juden und Muslimen.“
In seiner Laudatio auf die Preisträgerin plädierte der spanisch-amerikanische Professor für Religionssoziologie Dr. José Casanova dafür, in Europa Formen postnationaler und postsäkularer demokratischer Staatswesen zu entwickeln, die religiösen wie säkularen Menschen dieselben Rechte und Freiheiten einräumten. Casanova sagte eine Renaissance des Religiösen und der Religionsgemeinschaften voraus und vertrat die These, die europaweit verbreitete Auffassung, Religion sei intolerant und schüre Konflikte, gehe auf die europäische Religionsgeschichte seit dem Westfälischen Frieden von 1648 zurück.
Zwar seien damals am Beginn der europäischen Moderne die Konfessionskriege zwischen katholischen und protestantischen Fürsten beendet worden, aber nicht etwa dadurch, dass von nun an religiöse Pluralität akzeptiert worden sei. Stattdessen sei man dem Modell gefolgt, das im späten 15. Jahrhundert im katholischen Spanien in der Vertreibung von Juden und Muslimen ihren Ausdruck gefunden habe. Tatsächlich sei Europa nach 1648 für Jahrhunderte konfessionell streng geteilt gewesen in ein protestantisches Nordeuropa und ein katholisches Südeuropa. Dazwischen – auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands, der Niederlande und der Schweiz – habe es abgegrenzt konfessionelle regionale Machtbereiche gegeben, die jeweils nur ein Bekenntnis zugelassen und religiösen Minderheiten nur die Alternativen Auswanderung oder Verfolgung gelassen hätten.
Die Herausforderung zur religiösen Pluralisierung sei entsprechend jung und erst durch die Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sozial und politisch wieder auf die Tagesordnung gekommen. Religiöse Vielfalt sei für Europa eine neue Erfahrung. Der Kanzlerin bescheinigte Professor Casanova deshalb eine mutige politische Führung, die des Andenkens an den Rabbiner Abraham Geiger (1810–1874) würdig sei. Geiger habe Wesentliches dazu beigetragen, „dass wir unsere Augen für die gemeinsamen Wurzeln der drei europäischen Religionen – des Christentums, des Judentums und des Islams – öffneten“.
„Eine spannende Analyse“, die man weiter studieren müsse, nannte Merkel die Festrede des Religionssoziologen. Ihre Dankadresse bezog sich vor allem auf die Unantastbarkeit der Würde des Menschen, die zu schützen im ersten Artikel des Grundgesetzes aller staatlichen Gewalt aufgegeben sei. Das gelte auch für jeden einzelnen der Flüchtlinge, die zu uns gekommen seien, unabhängig davon, ob sie als Asylbewerber eine Bleibeperspektive hätten oder nicht.
Unser Land werde sich durch die Zuwanderung von Flüchtlingen verändern, führte die Kanzlerin aus, der Kampf gegen Antisemitismus bliebe aber „unsere staatliche und bürgerschaftliche Pflicht“, das gelte auch gegenüber Menschen, denen Antisemitismus und Hass auf Israel von Kindesbeinen an vermittelt worden sei. Menschen, wo immer sie herkämen, müssten unsere Gesetze und unsere Verfassungsordnung anerkennen – „unseren Rechtsstaat, die Religionsfreiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Absage an jede Form der Diskriminierung homosexueller Menschen, die Absage an jede Form des Antisemitismus“.
Das Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro will die Kanzlerin dem jüdischen Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk ELES für sein interreligiöses Projekt „Dialogperspektiven“ spenden, das Stipendiatinnen und Stipendiaten von zwölf deutschen politischen, weltanschaulichen und religiösen Begabtenförderungswerken miteinander ins Gespräch bringt.

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Der Abraham-Geiger-Preis

Seit der Eröffnung des Abraham Geiger Kollegs an der Universität Potsdam im Jahr 2000 verleiht das liberale Rabbinerseminar, in der Regel alle zwei Jahre, den Abraham-Geiger-Preis. Geehrt werden Persönlichkeiten, die sich besondere Verdienste um das Judentum in seiner Vielfalt erworben haben. Mit dem Preis wird zugleich Engagement für Offenheit, Mut, Toleranz und Freiheit des Denkens gewürdigt. Preisträger waren bisher: Prof. Dr. Susannah Heschel (2000), Rabbiner Prof. Dr. Emil Fackenheim sel. A. (2002), Prof. Dr. Alfred Grosser (2004), Karl Kardinal Lehmann (2006), Prinz Hassan ibn Talal (2008), Prof. Dr. Hans Küng (2009), die Premierministerin der südafrikanischen Provinz Westkap Helen Zille (2011), Bundesministerin a. D. Annette Schavan (2013), Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (2015).