15. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2015 | 18. Kislew 5776

Schriften der Überlebenden

Berliner Ausstellung zeigt das jüdische Verlagswesen in den DP-Lagern

Von Carsten Dippel

Anfang Mai 1945, rund vier Wochen nach der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, gaben die überlebenden Juden – jetzt keine Häftlinge mehr, sondern unter dem Schutz der Alliierten stehende „Displaced Persons“ – eine jiddische Zeitung heraus: sechs Seiten lang, nicht in Drucktypen gesetzt, sondern mit großer Sorgfalt von Hand beschrieben. Der Titel: „T’chijes Ha-Mejsim“ – die Auferstehung der Toten.
Auf diesen bescheidenen Anfang folgten Hunderte von Schriften, die nach 1945 in DP-Lagern entstanden. Zeitungen und Zeitschriften, religiöse Literatur und Liederbücher, Erinnerungsberichte, Gedichtbände und Romane. Ausgerechnet hier, im Land der Täter. Ausgerechnet hier entwickelte sich schon kurz nach der Befreiung eine eigenständige jüdische Buch- und Zeitschriftenkultur. Mit minimalen Mitteln, unter schwierigsten Bedingungen, meist auf schlechtem Papier, schufen jüdische Überlende ein ganzes Kaleidoskop an Schriften, das all ihre Traumata, ihre Hoffnungen, Sorgen und Sehnsüchte in sich trug. Jahrzehnte später, im Jahr 2009, begann die Staatsbibliothek zu Berlin, diese Schriften zu sammeln. Derzeit sind Ausschnitte dieser einzigartigen Sammlung in einer Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.
Der Hunger nach Worten war groß unter den Überlebenden. In den DP-Lagern strandeten rund 250.000 jüdische Überlebende, nicht wissend, wohin, nicht wissend, was aus ihren Familien und Angehörigen geworden war, nicht wissend, wann sie weiterreisen würden. In dieser Zeit der Ungewissheit waren Nachrichten, ein Austausch über Dinge des Alltags, politische Informationen, Auskünfte zu Auswanderungsmöglichkeiten so überlebensnotwendig wie die kleinsten Boten an Kultur. Die Überlebenden waren nicht nur auf Nahrung, Kleidung und medizinische, auch psychische Hilfe angewiesen, sondern hatten außerdem religiöse und kulturelle Bedürfnisse.
Als Sche’erit Hapleta – der übriggebliebene Rest – und als Schicksalsgemeinschaft verstand sich die jüdische Gemeinschaft in den DP-Lagern, die vorwiegend in der amerikanischen und der britischen Besatzungszone lagen. Es war ein ganz eigener Kosmos mit eigener Verwaltung, eine Welt, die kaum etwas gemein hatte mit der sie umgebenden deutschen Kultur. Die jüdische Gemeinschaft in den Lagern war sehr heterogen. Menschen aus den unterschiedlichsten religiösen, sozialen und sprachlichen Kontexten kamen hier zusammen. Unter ihnen bildeten orthodoxe Juden eine Minderheit. Und dennoch gab es in den DP-Lagern zwanzig Jeschiwot und andere religiöse Schulen. Die dafür benötigten Materialien zu besorgen, war schwierig, da die meisten Bestände in Europa den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen waren. Religiöse Bücher wurden Stück für Stück zusammengetragen. Hebräische Lettern für Neudrucke kamen aus Israel.
Wie breit gefächert diese hebräisch-jiddische Publikationswelt war, machen die ausgestellten Objekte der Sammlung deutlich. Es ging um Ausbildung und Auswanderung, um Religion und Tradition, aber ganz besonders um das gerade erst erlebte Trauma der Schoa. Schmuel Golburt verarbeitete das Schicksal des Ghettos in Kowna, wo sein Bruder ums Leben gekommen war, in seinem autobiografischen Roman „Dos Geto in Flamen“. Israel Kaplan präsentierte eine Art neue jüdische Folklore, wie er es nannte: eine Sammlung von Sprüchen, Ausdrücken und Code-Wörtern, die in den Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren.
Es sind Zeugnisse einer Zeit, in der den Überlebenden wahrscheinlich zum ersten Mal das ganze Ausmaß des Massenmordes bewusst wurde. So entstanden in den DP-Camps die ersten Zeugnisse der Vernichtung. Wichtige Zeitdokumente wie die sogenannten Jisker-Bücher, ein wichtiges regionalgeschichtliches Quellenmaterial zur Zerstörung einzelner Gemeinden. Eine „Zentrale Historische Kommission“ in München dokumentierte in ihrer Zeitschrift „Fun Letztn Churbn“ das jüdische Leben während der Schoa. Die Kommission sammelte Augenzeugenberichte, Dokumente, Fotos, Erinnerungsberichte, die später den Grundstein für das Archiv in Yad Vashem legten.
Schon in den Titeln spiegelten sich die Sehnsüchte vieler Überlebender. Viele Schriften sprachen vom Aufbruch: „Unser Weg“, „Unser Mut“ oder „Unterwegs“. Sie sprachen von der Hoffnung auf einen Neuanfang in Israel oder in Amerika. Es entstanden Werke unterschiedlichster literarischer Genres, inklusive einer originären Prosakultur. Der aus Litauen stammende Lehrer und Schriftsteller Josef Dow Schejnson etwa trug mit seinen Büchern maßgeblich zum literarischen Schaffen in den DP-Lagern bei.
Der Kindererziehung galt besonderes Augenmerk. Schon im Sommer 1945 öffneten die ersten Schulen für die überlebenden Kinder. Auf dem Lehrplan, der sich am Schulsystem des jüdischen Gemeinwesens in dem damals noch unter britischem Mandat stehenden Israel orientierte, standen unter anderem jüdische Geschichte und die hebräische Sprache. Man bereitete sich auf die Auswanderung in die biblische Heimat vor. Das dafür benötigte Lehrmaterial wurde aus Amerika oder Palästina besorgt, aber auch von den DPs selbst neu gedruckt. Die in den Camps entstehenden Jugendorganisationen waren überwiegend zionistisch ausgerichtet. Kibbuzim, wie der Kibbuz „Buchenwald“, entstanden. Von ihm wurde 1948 eine Pessach-Haggadah herausgegeben, in die auch zionistische Lieder und Gedichte Eingang fanden. Unter den Schriften der in Berlin zu sehenden Sammlung findet sich aber auch ein Büchlein der Bewegung „Tora und Arbeit“ von 1948. Ein Liedbuch mit weltlichen wie religiösen Liedern im Westentaschenformat. Die Beispiele aus der Berliner Staatsbibliothek beeindrucken. Sie zeigen eine bislang kaum wahrgenommene Welt jüdischer Schriftkultur aus einer Zeit der Trauer und des Wandels.