15. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2015 | 18. Kislew 5776

Verzerrtes Bild

Die Bildungsabteilung des Zentralrats befasste sich mit der Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern

Von Sandra Anusiewicz-Baer

Deutschland und Israel: zwei Länder, die vieles trennt und die doch auf komplizierte und tragische Weise miteinander verbunden sind. Dieses komplexe Beziehungsgeflecht bildete den Hintergrund für die Arbeit der deutsch-israelischen Schulbuchkommission, die die Ergebnisse ihrer vergleichenden Schulbuchanalyse am 4. und 5. November auf der Tagung der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland unter dem Namen „Bilder und Zerrbilder vom Anderen“ vorstellte.
Schon oft wurde das Schulbuch in den letzten Jahren angesichts starker Konkurrenz digitaler Informations- und Kommunikationsmittel totgesagt. Dennoch bleibt es ein wichtiges Medium für den Unterricht. Man kann davon ausgehen, dass Themen, die im Schulbuch nicht kontrovers diskutiert werden oder womöglich gar nicht auftauchen, auch in der Gesellschaft ein Rand- oder Tabuthema sind. Deshalb ermöglicht die Schulbuchanalyse einen Blick darauf, was von Staat und Gesellschaft als wichtig anerkannt und als lehrenswert erachtet wird.
In seiner Rede kritisierte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, dass Schulbücher häufig eine einseitige Perspektive auf Israel böten. Damit sprach er den Hauptpunkt der Kritik an, die an der Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern geübt wird. Dabei komme, so Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, die Mehrheit der deutschen Schüler zum ersten Mal in der Schule mit Israel in Kontakt. Deshalb sei es wichtig, wie dieser Kontakt gestaltet werde und welche Bilder den Schülern vermittelt würden.
Wie bei der Konferenz betont wurde, erscheint Israel in deutschen Geschichtslehrbüchern als kriegführender Krisenstaat. Der knappe Raum, der dem Thema Israel gewidmet werde – im Durchschnitt sind es sechs Seiten –
führe zu Verkürzungen und Verzerrungen. Die Errungenschaften des jüdischen Staates bei der Integration von Millionen von Einwanderern, seine Spitzentechnologie oder seine weltweit beachtete und genutzte Agrartechnik fänden, so der Befund, keine Beachtung. Das gelte auch für Israels Status als einziger Demokratie im Nahen Osten. Vielmehr stehe der israelisch-palästinensische Konflikt im Mittelpunkt. Dabei würden Akteure wie die arabischen Länder, die einer Friedenslösung nicht gerade förderlich waren und sind, ebenso ausgeblendet wie die Tatsache, dass die Interessen europäischer Kolonialmächte seinerzeit zu den Ursachen des Konflikts gehörten.
Auch sprachlich lassen viele Schulbuchautoren einen angemessenen Umgang mit der Geschichte vermissen. So werden Gewalttaten von Palästinensern nicht als Terrorakte benannt, sondern erscheinen als legitime Formen des Widerstandes. Dabei arbeiten die Bücher mit dem David-gegen-Goliath-Motiv, wonach Israel der starke Aggressor und die Palästinenser die schwachen Unterdrückten sind.
Besonders problematisch ist die Bebilderung der Texte. Prof. Dr. Alfons Kenkmann von der Universität Leipzig und Mitglied der Schulbuchkommission sprach von einem „emotionalisierenden Bildgebrauch“. Der Professor forderte, weniger Fotos aus Zeitungsartikeln im Schulbuch zu verwenden, da die Berichterstattung in der deutschen Presse häufig von Einseitigkeit geprägt sei und keineswegs geeignet, Jugendlichen die komplexe Situation im Nahen Osten zu erklären. Kurzum, die traurige Wahrheit ist, dass sachliche Fehler, sprachliche Ungenauigkeiten und tendenziöse Wertungen bei der Darstellung Israels in deutschen Schulbüchern überwiegen.
Auch die Darstellung der Schoa in deutschen Geschichtslehrbüchern wurde von der Kommission untersucht, ebenso die Darstellung von Deutschland in israelischen Schulbüchern. Doch waren die 40 Tagungsteilnehmer hauptsächlich daran interessiert, wie Israel hierzulande präsentiert wird, und diskutierten lebhaft über die in den Workshops vorgestellten Beispiele der von der Kommission untersuchten Bücher.
Für die Zukunft empfiehlt die Schulbuchkommission endlich aus dem „Konfliktmodus“ herauszukommen und auch die israelische Kultur und Zivilgesellschaft abzubilden. Man kann nur hoffen, dass diese Appelle nicht ebenso ungehört verhallen, wie die Empfehlungen der deutsch-israelischen Schulbuchkommission von 1985, die sich ganz ähnlich lasen.
Nun liegt der Umsetzung wissenschaftlicher Inhalte und komplexer historischer Vorgänge ins Medium Schulbuch oft eine Didaktik der Vereinfachung zugrunde. Doch ist es gerade diese Vereinfachung, die umso deutlicher zutage treten lässt, was als Konsens in der Gesellschaft gilt. Das wiederum wirft die Frage auf, warum die Einseitigkeit mit erstaunlicher Sicherheit dazu führt, dass stets Israel in schlechtem Licht erscheint, während die Palästinenser als unterdrücktes Volk ohne Rechte dargestellt werden. Es scheint abwegig, dass es sich dabei um reine Zufälle, Schlamperei oder schlicht Unwissenheit handelt. Vielmehr muss man dahinter leider Denkstrukturen vermuten, die – befeuert von den Medien – in der Vorstellung von Israel als Bösewicht der Region wurzeln. Doch Ursachenforschung war nicht Aufgabe der Schulbuchkommission. Als Wissenschaftler konnten ihre Mitglieder lediglich die Einseitigkeit der Darstellung und die unreflektierte Verwendung leicht verfügbarer Quellen festhalten.
Ein Punkt, an dem an den Schulbüchern beider Länder Kritik geübt wurde: Den Beziehungen zwischen Deutschland und Israel wird nicht genug Platz eingeräumt. Um diesem Problem abzuhelfen, haben die Kultusministerkonferenz und die Botschaft des Staates Israel eine Handreichung für Lehrkräfte zu diesem Thema herausgegeben. Die Handreichung besteht aus einer Quellensammlung und schlägt einen Bogen vom Luxemburger Abkommen 1952 bis zur Rede des Israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin im Berliner Schloss Bellevue im Mai 2015. Um Stereotype zu vermeiden, haben die Macher dabei auf eine reiche Bebilderung verzichtet und auf die Wirkung des Wortes gesetzt.