15. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2015 | 18. Kislew 5776

Zeit für gute Taten

Deutschlandweit fand der dritte Mitzvah Day statt

Von Heinz-Peter Katlewski

„Es war uns wichtig am Mitzvah Day festzuhalten“, erklärte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in einem Flüchtlingsheim im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg am jüdischen Aktionstag der guten Taten am 15. November. Wie so vieles in Europa stand auch der auf Initiative des Zentralrats zustande gekommene Mitzvah Day – es war schon der dritte – im Schatten der schrecklichen Terroranschläge in Paris.
„Würden wir uns jetzt in unserem Leben einschränken und ausgerechnet solche Hilfsaktionen absagen, hätten die Terroristen genau ihr Ziel erreicht“, betonte Dr. Schuster und fügte hinzu: „Viele unserer Aktionen heute kamen Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan zugute. Damit möchten wir ein Zeichen setzen: Diese Menschen muslimischen Glaubens haben mit den islamistischen Terroristen des IS nichts gemein. Viele von ihnen sind gerade vor der Gewalt des IS geflohen. Wir dürfen Muslime nicht in Generalhaftung nehmen.“ Dann ging’s an die Arbeit: Im grünen T-Shirt der Mitzvah-Day-Bewegung gab der Zentralratspräsident Essen und Getränke aus und füllte für Flüchtlingskinder Helium in die ebenfalls mit dem Mitzvah-Day-Logo versehenen Luftballons.
Der Zentralrat hatte den Gemeinden die Hilfe für Flüchtlinge als einen Schwerpunkt des Mitzvah Day empfohlen. Darauf wies auch Zentralrat-Vizepräsident Abraham Lehrer bei seinem Besuch in einer Notunterkunft des Deutschen Roten Kreuzes in Köln-Porz hin. Begleitet wurde er vom Bundestagsabgeordneten Volker Beck (Bündnis 90/Die Grünen). In einer kurzen Ansprache begrüßte Lehrer die Bewohner und erklärte ihnen, dass auch viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Flucht und Vertreibung in ihrem Leben erfahren hätten. Zahlreiche Helfer aus der Kölner Synagogengemeinde, vor allem vom Jugendzentrum „Yachad“, spielten mit den Flüchtlingskindern, regten sie zum Malen und Basteln an und halfen ihnen, ihre Gesichter in bunten Farben zu schminken.
Die meisten Flüchtlinge hier kämen aus Syrien, erzählte Stella Shcherbartova. Sie ist Leiterin des nur ein paar Hausnummern vom Flüchtlingsheim entfernten Begegnungszentrums. Andere stammten aus Albanien und Serbien, einige aus Armenien oder Tschetschenien. Zwischen Begegnungszentrum und Notunterkunft habe es schon zuvor gelegentlich Zusammenarbeit gegeben, vor allem wenn Familien aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion bei Arzt- oder Behördenbesuchen eine russischsprachige Begleitung benötigt hätten.
Von den rund 120 angemeldeten Projekten hatten sich knapp 40 auf die eine oder andere Weise das Ziel gesetzt, das Schicksal der Flüchtlinge wenigstens für einen Tag zu verbessern, längerfristiges Engagement nicht ausgeschlossen.
Im Stadtteil Wilmersdorf fand die erste Aktion schon am Sonntag zuvor statt, also eine Woche vor dem 15. November, dem offiziellen Termin des Mitzvah Day in Deutschland. Organisiert wurde die Aktion von Freunden und Betern der Kreuzberger Synagoge Fraenkelufer in enger Zusammenarbeit mit dem jüdischen Familienzentrum „Bambinim Berlin“ und dem Neuköllner interkulturellen Gemeinschaftshaus MORUS 14. Ort des Geschehens war das ehemalige Rathaus von Wilmersdorf am Fehrbelliner Platz, in dem zurzeit etwa 1000 Flüchtlinge untergebracht sind. Seit den Hohen Feiertagen hatten Beter in der Synagoge Kleidung, Decken und Kosmetikartikel gesammelt. Zu denen, die bei der Übergabe anpackten, gehörte auch der Geschäftsführer des Zentralrats Daniel Botmann.
In Osnabrück hatte das Jugendzentrum „Lev Echad“ Kleidung, Geschirr, Spielzeug und vieles mehr gesammelt um den Familien in der dortigen Unterkunft beim Neustart zu helfen. Rabbiner Avraham Radbil besuchte die Flüchtlinge mit einer Delegation der Gemeinde und ließ sich ihre Geschichten und die gegenwärtige Lebenssituation schildern. Im badischen Pforzheim entschieden sich Gemeinde und das Jugendzentrum Baden-Baden, Kinder und Jugendliche aus dem Flüchtlingsheim zu einem Ausflug in den Wildpark einzuladen. In Bielefeld lud die Gemeinde 35 Flüchtlingskinder aus Nigeria, Georgien und dem ehemaligen Jugoslawien zum Plätzchenbacken in die Küche eines Cateringunternehmens ein. „Wir haben eine Riesenerfahrung mit den Flüchtlingskindern gemacht“, berichtete das Jugendzentrum Chesed der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen über seine Aktion auf Facebook.
„Riesenerfahrungen“ wurden aber auch bei anderen Projekten gemacht. Der Jugendclub „Leipzig‘s Chaverim“ ist ein Bündnis mit der Stadtreinigung eingegangen und hat eine Parkanlage gereinigt. Die Jung und Jüdisch Gruppe Hannover häkelte 21 Kippot für den WIZO-Basar in der liberalen Synagoge „Etz Chaim“. ELES-Stipendiaten, Mitglieder der Studierenden-Organisation Hillel und die Münchner „Mitzwe Makers“ besuchten das jüdische Saul-Eisenberg-Seniorenheim, um vorzulesen und Musik zu machen. Als einer der Bewohner seine Oboe aus dem Zimmer holte, wurde aus der Vorstellung eine gemeinsame rhythmische Session mit jiddischen und amerikanischen Songs.