15. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2015 | 18. Kislew 5776

Ein Freund

Der Grünen-Politiker Volker Beck erhielt den diesjährigen Leo-Baeck-Preis

Von Olaf Glöckner

Volker Beck, einer der redegewandtesten Abgeordneten im Bundestag, galt schon immer als ein unbequemer Zeitgenosse. Der studierte Geschichtswissenschaftler und Germanist engagiert sich für Minderheiten, deckt historische Ungerechtigkeiten auf und gilt durch seine zahlreichen Menschenrechtsaktivitäten auch als regelmäßiger „Unruhestifter“. Kein Wunder also, dass er schon häufig angefeindet worden ist.
Beck kennt aber auch starke Freunde und Mitstreiter. So ist es alles andere als Zufall, dass ihm der Zentralrat der Juden in Deutschland am 4. November den renommierten Leo-Baeck- Preis 2015 verliehen hat, steht doch Beck, 54, Zeit seines Lebens solidarisch an der Seite des jüdischen Volkes, und dies keineswegs nur mit Worten. „Der Kampf gegen den Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch das politische Leben von Volker Beck“, betonte Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster beim Festakt.
Im modernen AXICA Kongress- und Tagungszentrum der DZ Bank in Berlin-Mitte entwickelte sich die Ehrung fast zu einer Art Familienfeier. Nicht nur die Spitzen von Zentralrat und Bündnis 90/Die Grünen hatten sich eingefunden, sondern auch Bundesaußenminister Dr. Frank-Walter Steinmeier, der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, zahlreiche Rabbiner, Gemeindevorsitzende, ebenso ehemalige Leo-Baeck-Preisträger wie die Verlegerin Friede Springer sowie Vertreter von Menschenrechtsorganisationen.
Dem Preisträger selbst war eine tiefe Ergriffenheit anzumerken. Beck, der auch innen- und religionspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion ist, erklärte in seiner Dankesrede bewegt und bescheiden zugleich: „Was habe ich schon Besonderes getan? Nichts.“ Der Geehrte hält es für selbstverständlich, dass Opfer des Nationalsozialismus eine Entschädigung erhalten, Juden in Deutschland ihre Religion frei ausüben können, antijüdische Hetze verhindert wird und Israel nicht strengerer politischer Kritik unterliegt als andere Staaten auch. Offenbar ist dies aber noch lange kein Konsens in diesem Land, und so betonte der Grünen-Politiker höchst kämpferisch: „Dieser Preis ist für mich Ansporn und Verpflichtung zugleich, für diese Selbstverständlichkeiten in den nächsten Jahren weiter in Parlament und Öffentlichkeit zu streiten.“ Das Preisgeld von 10.000 Euro spendet Beck für ein Gemeinschaftsprojekt der Berliner Amadeu Antonio Stiftung und des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschland (LSVD), das sich gegen Homosexuellenfeindlichkeit richtet.
Als Volker Beck im vergangenen Jahr für den Leo-Baeck-Preis nominiert wurde, gab es im Zentralrat einhellige Zustimmung. Seit den 1980er-Jahren steht sein Name für den Kampf um die Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern, um Wiedergutmachungszahlungen an NS-Opfern in Osteuropa, für die rechtliche Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren. Auch bei der Errichtung des Denkmals für die ermordeten Juden Europas – wie auch des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen – im Zentrum Berlins hat Beck eine wichtige Rolle gespielt.
Nicht vergessen hat man in der jüdischen Gemeinschaft auch, wie rasch und entschieden Volker Beck immer wieder zur Stelle war und ist, wenn es Angriffe auf die jüdische Religion gibt oder neuer, bedrohlicher Antisemitismus sein Gesicht zeigt. Dr. Schuster verwies darauf, wie Beck im Jahre 2012 „von Anfang an dafür gekämpft hat, ein Verbot der Beschneidung zu verhindern“. Ihm musste niemand die Bedeutung dieser Tradition für das jüdische Leben erklären. Zwei Jahre später, im Sommer 2014, zählte Volker Beck zu den ersten, die die antisemitischen Ausschreitungen auf deutschen Straßen im Zuge des Gaza-Krieges heftig kritisierten. Dass antiisraelische Demonstranten „Juden ins Gas!“ und „Kindermörder Israel“ skandierten und schließlich auch Synagogen angriffen, verurteilte der Grünen-Politiker ebenso scharf wie kürzlich eine Anti-Israel-Demonstration in Berlin, die sich mit palästinensischen Messer-Attentätern solidarisierte.
Bundesaußenminister Steinmeier, brachte es in seiner Laudatio auf den Punkt: „Volker, deine Verbundenheit mit dem jüdischen Volk ist nicht nur eine Facette deiner politischen Arbeit, sondern auch ein Teil deiner politischen Identität.“ Hierzu passt nicht zuletzt auch, dass Beck seit 2014 als Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe des Deutschen Bundestages fungiert.

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Der-Leo-Baeck-Preis

Mit dem seit 1957 vom Zentralrat der Juden vergebenen Leo-Baeck-Preis, benannt nach dem berühmten deutschen Rabbiner Leo Baeck (1873–1956), ehrt der Zentralrat Persönlichkeiten, die sich in herausragender Weise für die jüdische Gemeinschaft eingesetzt und sich damit um sie verdient gemacht haben.
Rabbiner Leo Baeck war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Judentums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Wirken reichte weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus. Als Theologe und Humanist engagierte sich Leo Baeck zudem für den Beginn eines jüdisch-christlichen Dialoges. Während der nationalsozialistischen Diktatur war er Präsident der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“. Er weigerte sich beharrlich, die in Deutschland verbliebenen, verfolgten Juden im Stich zu lassen. Die Nationalsozialisten deportierten Baeck 1943 in das KZ Theresienstadt, welches er mit schweren Gesundheitsschäden überlebte. Nach der Befreiung emigrierte Baeck nach London, wo er 1947 das „Institut zur Erforschung des Judentums in Deutschland seit der Aufklärung“ (heute: Leo Baeck Institut) gründete.
Zu den bisherigen Leo-Baeck-Preisträgern gehören unter anderem die Bundespräsidenten a. D. Richard von Weizsäcker (1994), Roman Herzog (1998) und Christian Wulff (2011), Bundeskanzlerin Angela Merkel (2007), der Verleger Hubert Burda (2006) und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.