15. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2015 | 18. Kislew 5776

Mit klarem Blick

In Frankfurt fand die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland statt

Die Ratsversammlung ist mehr als das oberste beschlussfassende Gremium des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ihre jährlich stattfindende Tagung dient zugleich dem Meinungsaustausch und erlaubt Einblicke in die Lage der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik – nicht zuletzt in deren Stimmungslage. So war es auch in diesem Jahr bei der Ratstagung am 29. November im Ignatz-Bubis-Zentrum der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Sie zeigte das klare Bild einer selbstbewussten Gemeinschaft, die ihre Zukunft sichert, die Probleme der Gegenwart erkennt, sich von ihnen aber nicht einschüchtern lässt.
Dass die Ratsversammlung auch in der nichtjüdischen Umwelt als ein wichtiges Forum angesehen wird, zeigte sich beim Auftritt des Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz. Er war als Gast zur Ratsversammlung gekommen. Unter anderem betonte Schulz, für jüdische Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und über Deutschland hinaus einzutreten. Antisemitismus, Hass und Intoleranz, so der Präsident des Europaparlaments, hätten in Deutschland und in Europa keinen Platz. Schulz ging auch auf den Zustrom von Flüchtlingen ein und betonte, deren Integration müsse im gesamteuropäischen Rahmen erfolgen.
Der Präsident des Zentralrats, Dr. Josef Schuster, bezeichnete den Besuch als ein besonderes Zeichen der Verbundenheit. „Wir sind Martin Schulz für sein klares Bekenntnis zum Schutz jüdischen Lebens in Europa dankbar.“ In der Aussprache brachten Dr. Schuster und mehrere Teilnehmer der Ratsversammlung ihre Sorge vor der Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus und den, in bestimmten muslimischen Kreisen anzutreffenden, Antisemitismus zum Ausdruck.
In seiner Rede vor der Ratsversammlung, ging Dr. Schuster auf einige Aspekte des jüdischen Lebens in Deutschland ein, vor allem aber auf die Arbeit des Zentralrats im vergangenen Jahr. Als besonders wichtige Meilensteine des Jahres 2015 bezeichnete er den 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager in der Endphase des Zweiten Weltkrieges sowie das 50. Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel. Als herausragende Beispiele für erfolgreiche jüdische Veranstaltungen nannte Dr. Schuster die vom Zentralrat ausgerichtete Jewrovision, den Jugendkongress und die Europäischen Makkabi-Spiele in Berlin. Ein weiterer Erfolg sei die Veröffentlichung des vom Zentralrat gemeinsam mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund herausgegebenen Buches zur jüdischen Ethik. Das Buch sei bereits nahezu ausverkauft.
Der Zentralratspräsident berichtete auch von den umfangreichen Kontakten mit der Bundesregierung und anderen Einrichtungen des politischen Lebens in Deutschland sowie vom Einsatz des Zentralrats für jüdische Belange. Diese Arbeit, so Dr. Schuster, werde auch im kommenden Jahr weitergehen.
Im Laufe der Beratungen der Ratsversammlung wurde die Vielfalt der Maßnahmen deutlich, mit denen der Zentralrat jüdische Organisationen und Einrichtungen unterstützt und nicht zuletzt auf diese Weise eine zentrale Rolle für die Entwicklung jüdischen Lebens spielt. Dies wurde von den beiden Rabbinerkonferenzen gewürdigt. Für die Allgemeine Rabbinerkonferenz dankte Rabbiner Jonah Sievers für die Unterstützung des Zentralrats. Als Vertreter der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland betonte Rabbiner Zsolt Balla, vor dem Hintergrund der Aufgaben, denen sich die jüdischen Gemeinden gegenübersähen, sei die Hilfe des Zentralrats von besonderer Bedeutung.

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