Begrüßungsrede von Dr. Josef Schuster

Sende-Sperrfrist: Mittwoch, 4. November 2015, 19.45 Uhr (MEZ)

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

„Die Gottesebenbildlichkeit ist das, was jedem zukommt, jedem sein Gepräge gibt. (….) Im Wichtigsten und Entscheidenden sind wir gleich, alle ohne Unterschiede. (…) Wer immer ein anderer ist, mag er fern oder fremd oder auch feindlich zu mir stehen, er gehört zu mir, als Wesen von meinem Wesen, mit mir von Gottes wegen verbunden.“[1]

Mit diesen Worten des großen Rabbiners Leo Baeck darf ich Sie ganz herzlich im Namen des Zentralrats der Juden in Deutschland heute zu unserer Preisverleihung begrüßen!

Ich freue mich über die große Zahl unserer Gäste, und bin ganz besonders glücklich darüber, dass auch frühere Preisträger unter uns sind, nämlich die Verlegerin Friede Springer, der frühere Rektor der Universität Heidelberg, Professor Peter Hommelhoff, sowie das Ehepaar Elisabeth Reisch-Roboz und Otto Roboz-Romberg, die Begründer der Zeitschrift „Tribüne“. Ihnen ein ganz besonders herzliches Willkommen!

Darüber hinaus möchte ich mich herzlich bei Außenminister Frank-Walter Steinmeier bedanken, der für heute Abend die Laudatio übernommen hat!

Und, das möchte ich auch nicht vergessen, ein herzliches Dankeschön an unsere beiden Musiker heute Abend: Hila Ofek an der Harfe und Andre Tsirlin am Saxophon. Das Jerusalem Duo hat schon mehre Wettbewerbe gewonnen, und ich freue mich, dass Sie uns den Abend verschönern!

Aber vor allen Dingen begrüße ich natürlich unseren Preisträger: Volker Beck. Der Zentralrat der Juden hat sich einstimmig für Sie als Träger des Leo-Baeck-Preises 2015 entschieden!

Bevor ich ein paar Worte über unseren Preisträger sage – und ich werde mich kurz fassen, denn ich möchte unserem Laudator nicht vorgreifen - möchte ich Ihren Blick auf den Namensgeber unseres Preises lenken, auf Leo Baeck.

Leider droht heutzutage die Erinnerung an Leo Baeck zu verblassen. Dabei haben seine Werke eine bleibende Gültigkeit. Seine Gedanken sind weiterhin aktuell. Das zeigen meines Erachtens die Sätze, die ich eingangs zitierte, sehr gut:

Im Wichtigsten und Entscheidenden sind wir gleich, alle ohne Unterschiede. Auch wer feindlich zu mir steht, gehört zu mir, heißt es bei Leo Baeck.

Wir brauchen nur an zwei aktuelle politische Entwicklungen zu denken – an die Serie von Attentaten in Israel sowie an die Flüchtlingskrise – und schon müssen wir bei diesen Sätzen schlucken. Sie gehen wahrlich nicht leicht über die Lippen.

Das war vermutlich auch gar nicht die Absicht von Leo Baeck. Kaum ein zweiter hat sich zum Beispiel so intensiv mit dem christlich-jüdischen Verhältnis, das damals eher ein Nicht-Verhältnis war, auseinandergesetzt wie er. Er war weit davon entfernt, Unterschiede zu negieren. Doch obwohl Leo Baeck die Gräben gesehen hat, die zwischen den Religionen verliefen, obwohl er wahrnahm, wie Menschen in Rassen und Kasten eingeteilt wurden, hat er diesen Kern betont: „Die Gottesebenbildlichkeit ist das, was jedem zukommt.“

Diese Haltung hat Leo Baeck nicht nur in Worten formuliert. Diese Haltung hat er gelebt. Er war stets ein Brückenbauer und ein Versöhner. Er suchte den Dialog über die Grenzen der jüdischen Gemeinschaft hinaus.

Und damit ist er bis heute für uns ein Vorbild.

Ebenso im Übrigen wie Itzchak Rabin.

Genau heute vor 20 Jahren wurde der große israelische Politiker und Friedensnobelpreisträger ermordet. Auch er war wie Leo Baeck ein Brückenbauer. Wir denken in Trauer und Respekt an ihn.

Wir befinden uns derzeit in Europa und hier in Deutschland in einer politischen Situation, die wieder solche Brückenbauer braucht. Denn nicht wenige fürchten eine Spaltung unserer Gesellschaft oder sehen zumindest Deutschland vor einer Zerreißprobe. Es ist die aktuelle Flüchtlingskrise, die uns gerade an unsere Grenzen führt.

Der große Zustrom an Flüchtlingen, mit dem niemand gerechnet hatte, verunsichert viele Menschen. Händeringend sucht die Politik nach Lösungen.

Auch bei uns, in der jüdischen Gemeinschaft, gibt es ein Gefühl der Verunsicherung. Die Sorge, dass die Flüchtlinge auch Antisemitismus mit ins Land bringen könnten. Ich nehme diese Sorgen sehr ernst und habe sie vielfach in der Öffentlichkeit und auch der Bundeskanzlerin gegenüber formuliert.

Über unsere Sorgen vergessen wir aber eines nie: in jedem Flüchtling zuerst den Menschen zu sehen. Es sind Menschen, die alles verloren haben: ihre Heimat, ihren Besitz, oft auch Familienangehörige. Unter den Flüchtlingen sind viele Kinder. Wer sollte nicht tiefstes Verständnis für diese Menschen haben, wenn nicht wir Juden.

„Wer immer ein anderer ist, mag er fern oder fremd oder auch feindlich zu mir stehen, er gehört zu mir.“ So hat Leo Baeck das Gebot der Nächstenliebe übersetzt. Es wird derzeit von vielen ehrenamtlichen Helfern jeden Tag in die Tat umgesetzt. Auch viele jüdische Gemeinden sind für Flüchtlinge aktiv geworden oder planen Aktionen für Flüchtlinge am bevorstehenden Mitzvah Day.

Zugleich sehen wir aber auch, wie Helfer, Polizisten und ganze Kommunen die Grenze ihrer Belastbarkeit erreicht haben. So möchte ich Bundespräsident Joachim Gauck zitieren: „Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Wenn wir die Flüchtlinge nicht mehr ausreichend versorgen können, ist niemandem geholfen. Es muss daher gelingen, die ankommenden Menschen in Europa besser aufzuteilen.

Mit dem herannahenden Winter steht Deutschland vor einer nie dagewesenen Herausforderung. Alleine kann der Staat das nicht schaffen. Er braucht die Unterstützung der Zivilgesellschaft.

Und ich möchte an dieser Stelle betonen: Ich bin den Menschen, die sich unermüdlich für die Flüchtlinge einsetzen, nicht nur dankbar. Sie machen mir auch Mut und stimmen mich zuversichtlich, nämlich dann, wenn ich Bilder von brennenden Asylbewerberheimen sehe, Bilder von Galgen, oder Bilder von Menschenmassen auf Pegida-Demonstrationen, die jubeln, wenn ein Redner bedauert, dass es keine KZs mehr gibt.

Wie gut, dass die Mehrheit im Land diesem Fremdenhass und Rassismus so viel Mitmenschlichkeit mit den Flüchtlingen entgegensetzt!

Es gibt keinen Zweifel: Unsere Kraftanstrengungen müssen jetzt beidem gelten: der Integration der Flüchtlinge und der Bekämpfung des Rechtsextremismus!

Einer der Politiker, die wir im Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus seit Jahrzehnten treu an unserer Seite wissen, ist Volker Beck.

Und damit komme ich zum Preisträger!

Es ist mir eine ganz besondere Freude, Ihnen in diesem Jahr den Leo-Baeck-Preis überreichen zu dürfen, lieber Herr Beck. Sie haben diese Auszeichnung mehr als verdient!

Ich möchte nur ein paar Stationen Ihres politischen Wirkens aufzählen:

Volker Beck engagierte sich schon zu einer Zeit für die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter, als noch keine Sammelklagen aus den USA gegen deutsche Unternehmen drohten. Ebenso setzte er sich für Wiedergutmachungszahlungen an NS-Opfer in Osteuropa ein sowie für die rechtliche Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren. Auch der Kampf gegen den Antisemitismus zieht sich wie ein roter Faden durch das politische Leben Volker Becks.

Über inzwischen zwei Jahrzehnte gehört Volker Beck zu jenen Politikern, die mit handfester Politik gegen jede Art von Schlussstrichmentalität vorgehen. Er gibt sich nicht mit politischen Absichtserklärungen zufrieden, sondern bleibt an den Themen, bis Gesetze verabschiedet sind.

Seine Hartnäckigkeit haben wir besonders positiv in der Beschneidungsdebatte gespürt. Er hat von Anfang an dafür gekämpft, ein Verbot der Beschneidung zu verhindern. Ihm musste niemand die Bedeutung dieser Tradition für das jüdische Leben erklären.

Und schließlich gehört Volker Beck zu jenen Abgeordneten im Bundestag, denen Israel am Herzen liegt. Ihm geht es um eine faire und objektive Betrachtung des Nahostkonflikts, immer aber auch im Bewusstsein der besonderen Verantwortung Deutschlands für Israel. Und wenn dann in Berlin zu einer Demo aufgerufen wird, bei der sich die Teilnehmer mit den palästinensischen Messer-Attentätern solidarisieren sollen, dann ist Volker Beck der erste, der einen Protestbrief an den zuständigen Innensenator schreibt.

Heute Abend möchte ich Ihnen, verehrter Herr Beck, in Namen der gesamten jüdischen Gemeinschaft meinen tiefen Dank aussprechen für Ihre Solidarität und Ihr Engagement, ja ich wage zu sagen: für Ihre Freundschaft!

Und jetzt darf ich Herrn Minister Steinmeier auf die Bühne bitten. Ich freue mich auf Ihre Laudatio!

Vielen Dank!

[1] Leo Baeck: Werke. Bd. 6, S. 114, zitiert nach: Walter Homolka: Leo Baeck. Jüdisches Denken – Perspektiven für heute. Freiburg 2006.