03.11.2015

Neue Hoffnung schöpfen

Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Eröffnung der Jüdischen Kulturwochen Stuttgart 2015, 2.11.2015, Rathaus Stuttgart

Sehr geehrte Damen und Herren,

zunächst möchte ich mich ganz herzlich für die Einladung zu dieser Eröffnungsveranstaltung bedanken!

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen in Stuttgart sein, zumal ich leider weder am Neujahrsempfang der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs teilnehmen konnte, noch – und das habe ich noch mehr bedauert – bei der Gedenkzeremonie für Meinhard Tenné sel. A. dabei sein konnte. Mit Meinhard Tenné ist ein Mensch von uns gegangen, der das jüdische Leben hier im Südwesten geprägt hat, der mit einem gefestigten Glauben und zugleich großer Toleranz die Verständigung zwischen den Religionen gesucht hat und der auch ein Zeitzeuge war. Sein Tod ist ein großer Verlust. Sehen Sie es mir bitte nach, dass ich gleich zu Beginn meines Grußwortes vom Anlass unserer Zusammenkunft abgewichen bin. Aber diese kurze Erinnerung an Meinhard Tenné war mir ein Bedürfnis.

Doch nun richte ich den Blick gerne auf das, was vor uns liegt: zwei Wochen prall gefüllt mit jüdischer Kultur! Mit Theater und Vorträgen, mit Synagogenführung und Stadtrundgängen, mit Konzerten und Ausstellungen. Insgesamt mehr als 30 Veranstaltungen – davon könnten sich andere Städte in Deutschland, auch größere, ruhig eine Scheibe abschneiden.

Und das Motto, das Sie in diesem Jahr in Erinnerung an die Neugründung der jüdischen Gemeinde in Stuttgart vor 70 Jahren und an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren gewählt haben,

dieses Motto galt für die Gründungsväter damals und ist nach wie vor aktuell:

„Neue Hoffnung schöpfen“

Unmittelbar nach Kriegsende, unmittelbar nach der Shoa fanden sich überall in Deutschland die wenigen Überlebenden zusammen, die die zerstörten jüdischen Gemeinden neu begründeten. Auch hier in Stuttgart. Es wird für mich immer ein kleines Wunder bleiben und in jedem Fall auch be-wundernswert bleiben, dass diese Menschen trotz der Schrecken, die sie durchlitten hatten, ihre Hoffnung und ihre Zuversicht nicht verloren hatten. Damit sind sie bis heute für uns und auch für die nachfolgenden Generationen ein Vorbild.

Auch heute droht manchmal unsere Zuversicht zu schwinden. Auch heute fragen wir uns in der jüdischen Gemeinschaft mitunter beklommen: Wie sicher ist jüdisches Leben in Deutschland? Es ist noch nicht lange her, dass uns diese Fragen tief bewegt haben: Es war im Januar, als islamistische Terroristen in Paris zuerst die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ stürmten und Menschen niederschossen und anschließend im jüdischen Supermarkt Geiseln nahmen. Kurz später folgten die Anschläge in Kopenhagen, bei denen ein Wachmann vor der Synagoge ums Leben kam.

Inzwischen erscheinen diese Ereignisse weit weg. Dabei besteht die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus weiterhin. Die Ereignisse vom Beginn des Jahres werden jedoch seit dem Sommer überlagert von der Flüchtlingskrise und ihren Folgen.

„Neue Hoffnung schöpfen“ – dieses Motto gilt derzeit wohl kaum für eine andere Gruppe von Menschen stärker als für die Flüchtlinge. Nur die Hoffnung auf Sicherheit, die Hoffnung, das eigene Leben und das Leben der Familie retten zu können, bringt Menschen dazu, sich auf eine gefährliche Flucht zu begeben und immense Risiken einzugehen.

Die jüdische Gemeinschaft sieht den Zustrom der Flüchtlinge mit gemischten Gefühlen. Kriegsflüchtlingen und Verfolgten muss Schutz geboten werden. Daran gibt es gerade unter uns Juden keinen Zweifel. Daher sind auch viele jüdische Gemeinden und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in der Flüchtlingshilfe aktiv. Aber, und da sind wir ehrlich, es gibt auch Sorgen. Denn tausende Flüchtlinge kommen aus Ländern, die von einer tiefen Feindschaft zu Israel geprägt sind. Allzu häufig wendet sich diese Israelfeindschaft gegen Juden generell.

Daher ist es für unsere gesamte Gesellschaft, nicht nur für die jüdische Gemeinschaft, so wichtig, die Flüchtlinge gut in unser Wertesystem einzubinden. Für Antisemitismus, egal aus welcher Quelle, darf es keine Toleranz geben!

Und ebenso gehört die Solidarität mit Israel zu unserem Wertekodex! Wir feiern in diesem Jahr den 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel. Es gibt sehr viel Positives darüber zu erzählen. Es gibt auch in Israel sehr viele positive gesellschaftliche Entwicklungen, die für uns in Deutschland vorbildlich sein könnten, wie etwa die große Start-up-Szene. Stattdessen transportieren die Medien ein Bild Israels, das immer stärker fixiert ist auf Israel als den Aggressor und die Palästinenser als Opfer. Als die Messer-Attacken auf Israelis begannen, wurden die Rollen in den Medien komplett ins Gegenteil verkehrt. Es wurde berichtet, wie viele Palästinenser von Israelis getötet wurden. Kein Wort darüber, dass diese Palästinenser vorher zahlreiche Menschen verletzt und getötet hatten.

Wenn in Berlin die Polizei einen Messerattentäter tötet, um Schlimmeres zu verhindern, wenn in Schweden ein Messerattentäter in einer Schule erschossen wird, dann wird dies zu Recht als angemessene Reaktion der Sicherheitskräfte bewertet. Nur für Israel gelten andere Maßstäbe. Bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft bröckelt der Rückhalt für Israel. Ja, die Situation in Nahost ist schwieriger denn je. Doch halten wir uns an die Gründerväter der Gemeinde: Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren! Wenn wir die Hoffnung auf Frieden verlieren, ist alles verloren. David Ben-Gurion hat gesagt: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Ich bin daher der Bundesregierung dankbar, dass Sie sich weiterhin für Israel einsetzt und das Gespräch sucht. Und ich bin all den Bürgern dankbar, die weiter an der Seite Israels stehen. Auch wenn das momentan wenig populär ist.

Die Stimmung in Deutschland ist derzeit sehr angespannt. Wir erleben zum einen eine neue Willkommenskultur. So viele Bürger engagieren sich nach wie vor ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Das ist großartig! Auf der anderen Seite ist die Zahl der Anschläge auf Flüchtlingsheime auf einem Höchststand. Der Zulauf, den Pegida gerade erfährt, ist zutiefst erschreckend. Die Hemmschwelle der Mitläufer sinkt offenbar. Die Parolen werden drastischer. Galgen für Politiker werden errichtet. Ein türkisch-deutscher Publizist bedauert, dass es keine KZs mehr gibt. Muss ich näher beschreiben, welche Gefühle solche Reden bei uns auslösen? Ist es wirklich so erstaunlich, dass wir in manchen deutschen Städten nicht überall offen mit jüdischen Symbolen wie Kippa oder Davidstern herumlaufen? Wo ist unser Platz zwischen Islamisten auf der einen und Rechtsextremisten auf der anderen Seite?

Er ist an Orten wie diesem hier!

Denn so beunruhigend einige Entwicklungen sind, möchte ich ganz klar betonen: Für eine deutliche Mehrheit in Deutschland gehört jüdisches Leben selbstverständlich dazu! Eine deutliche Mehrheit lehnt jede Form von Antisemitismus ab! Eine deutliche Mehrheit steht auf gegen rechtsextreme und rechtspopulistische Bewegungen und geht dagegen auf die Straße! Diese Mehrheit im Land braucht Ermutigung und Unterstützung von der Politik. Auch wir, die jüdische Gemeinschaft, brauchen das!

Solche jüdischen Kulturwochen, wie diese hier in Stuttgart, sind für mich die besten Beispiele für eine fruchtbare Zusammenarbeit von Juden und Nicht-Juden und anderen Religionen. Davon profitieren alle Seiten. Unseren Zusammenhalt und unsere Zivilcourage und ja, unsere Hoffnung setzen wir jenen Kräften entgegen, die unsere Demokratie zerstören wollen.

Ich wünsche Ihnen in den kommenden zwei Wochen einen hohen und ungestörten Kulturgenuss und Veranstaltungen, die Sie bereichern! Und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs danke ich von ganzem Herzen für Ihr Engagement und wünsche Ihnen erfolgreiche Jüdische Kulturwochen 2015!